Arzneimitteltest Katastrophale Nebenwirkung

Es sollte ein leicht verdientes Taschengeld werden - doch es endete auf der Intensivstation. Seit Montagnacht liegen sechs Männer nach einem Medikamenten-Test mit multiplem Organversagen im Krankenhaus.

Von Kristina Läsker

Die sechs Männer wurden ins Northwick-Park-Krankenhaus im Nordwesten Londons gebracht. Ihr Zustand sei "ernst, aber stabil", sagte der klinische Leiter der Station, Ganesh Suntharalingam.

Laut BBC erlitten sie ein multiples Organversagen. Das Dramatische daran: Am Montagmorgen waren die sechs Männer noch kerngesund. Dann nahmen sie als Freiwillige an einem Arzneimitteltest teil - in Auftrag gegeben von der Würzburger Biotechnologie-Firma Tegenero und durchgeführt von der US-Firma Parexel.

Die insgesamt acht Versuchspersonen, Männer zwischen 18 und 40 Jahren, hatten ein potenzielles Mittel gegen Entzündungskrankheiten wie Multiple Sklerose oder chronisches Gelenkrheuma verabreicht bekommen. Das Präparat war zuvor nur an Mäusen getestet worden. Zwei Männer erhielten unwissentlich ein Placebo, der Rest bekam den Test-Wirkstoff und erlitt innerhalb von wenigen Stunden schwere Nebenwirkungen.

Es handele sich bei dem missglückten Medikamententest um "völlig unvorhergesehene Umstände", ließ Firmenchefin Benedikte Hatz auf der Tegenero-Website mitteilen. Persönlich waren weder Hatz noch Forschungschef Thomas Hanke zu sprechen, der vor Ort in London weilt. Der Versuch sei von der britischen Arzneimittelbehörde MHRA begleitet worden, hieß es weiter.

Die MHRA sprach von einem "nie dagewesenen Vorfall" und ließ die Tests sofort abbrechen. Laut Behördenleiter Kent Woods könnten verschiedene Ursachen zu dem "katastrophalen Ausgang" geführt haben.

Woods hält es für möglich, dass der Wirkstoff falsch hergestellt wurde oder verunreinigt worden war. Ebenso könnte sich Parexel bei der Dosierung geirrt haben. Was Woods nicht so deutlich sagt: Es könnten schwer vorhersehbare Nebenwirkungen aufgetreten sein, für die weder seine Behörde noch die Firmen Tegenero oder Parexel vorgesorgt haben. Das sieht wohl auch die britische Polizei so, die inzwischen in den Fall ermittelt.

Neben Parexel wird auch das Würzburger Start-up Tegenero Verantwortung übernehmen müssen. Das könnte möglicherweise außer juristischen auch fatale betriebswirtschaftliche Folgen haben.

Der getestete Wirkstoff, ein monoklonaler Antikörper, ist der einzige ernst zu nehmende Arzneimittelkandidat der 15-köpfigen Firma. Tegenero wurde 2000 gegründet und hat bisher etwa 15 Millionen Euro Risikokapital von verschiedenen Investoren erhalten. Der Betrieb macht wie viele Biotechnologie-Firmen aufgrund der hohen Forschungsausgaben noch Verluste.

Gewinne erzielen solche Firmen meist erst, wenn die Medikamente nach mehrjährigen Tests am Markt zugelassen werden. Das Geschäft ist risikoreich: Durchschnittlich erreicht nur eines von zehn Mitteln den Markt.

Zuvor wird der Wirkstoff im Labor an Tieren getestet. In drei Phasen wird die potenzielle Arznei dann am Menschen ausprobiert. Phase I prüft Nebenwirkungen an gesunden Probanden - wie jetzt in London. Phase II und III sind Tests an erkrankten Patienten.

In Deutschland wird relativ viel getestet. 2004 führten Pharmafirmen gemäß dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mehr als 1700 Arzneimittel-Tests durch, davon 520 Versuche in Phase I: Meist wird an 10 bis 20 Personen getestet, diese erhalten je nach Dauer und Intensität dafür mehrere hundert Euro.

Insbesondere Medizinstudenten, Arbeitslose und neuerdings Osteuropäer verdienen sich damit ein - nicht immer risikoloses - Zubrot.