Abfallentsorgung Die Müll-Detektive

Peter Schwede und Michael von Rekowski wühlen jeden Tag im Abfall - dienstlich, denn die beiden sind Entsorgungs-Überwacher. Auf der Jagd nach Müllsündern stoßen sie auf Familienfotos, Bankunterlagen - und einen abgetrennten Kuhkopf.

Von Christiane Langrock-Kögel

Das Schreiben von der Hamburger Stadtreinigung hatte viele Seiten. "Sehr geehrte Frau S.", hieß es auf der ersten, "Mitarbeitern der Stadtreinigung Hamburg fiel eine ,Vermüllung' auf dem Gehweg in der Andreasstraße auf. Hierbei wurden Hinweise gefunden, die auf Ihre Person hindeuten. Wir müssen davon ausgehen, dass sie (Teil-)Verursacher dieser unerlaubten Verschmutzung sind."

Ob hier alles korrekt entsorgt ist? Ein Fall für die Müllfahnder.

(Foto: Foto: dpa)

Anbei das Digitalfoto eines aufgerissenen Altpapierpakets sowie Kopien einiger Fundstücke: Fotos von Frau S. und ihrer Tochter, eine ausgedruckte Email an eine Freundin und der für Frau S. berechnete Vorschlag einer privaten Rentenversicherung. Damit war klar, wem der Packen gehörte. Die Rechnung lag bei: 39 Euro und 10 Cent für falsche Entsorgung.

Frau S. hatte ihr ordentlich verschnürtes Altpapier vermutlich am falschen Tag zur Straßensammlung hinausgestellt. Oder es wurde am Straßenrand vergessen. Irgendjemand muss dann den Stapel nach teuren Zeitschriften durchsucht haben, denn auf dem von der Stadtreinigung gemachten Foto ist er völlig auseinander gerissen. Die 39 Euro Bußgeld haben Frau S. weniger gestört als die Familienbilder im Anhang. Denn das bedeutet, dass wildfremde Menschen durchsucht haben, was man in den Tiefen einer Mülldeponie verschwunden glaubte.

Der Müllabfuhr zuvorkommen

Peter Schwede und Michael von Rekowski sind Entsorgungs-Überwacher, im Volksmund auch "Mülldetektive" genannt. Sie oder einer ihrer vier Kollegen in Hamburg, die tagtäglich Streife durch die Stadtbezirke fahren, haben das Altpapier von Frau S. entdeckt, fotografiert und ein paar eindeutige "Beweisstücke" in ihre Dienststelle im Hamburger Osten mitgenommen. Sie freuen sich, in unerlaubt abgestelltem Abfall so konkrete Hinweise zu finden. In den meisten Fällen haben sie es schwerer.

Fahrt mit einem weißen Kleinbus durch die Bezirke St. Pauli und Altona. Es ist morgens um neun, von Rekowski und Schwede sind schon seit sechs unterwegs. Sie müssen früh los, bevor ihre Kollegen von der Müllabfuhr schon alles eingesammelt haben, was falsch entsorgt worden ist.

An einem Container-Sammelplatz für Papier halten sie an. Ein blauer Plastiksack mit schmutzigen alten Gartenpolstern und jede Menge Obstkartons liegen vor dem Container. Die beiden Männer ziehen ihre Handschuhe an. Bei den Polstern findet sich kein Hinweis auf den Täter. Auch auf den Kartons keine Spur.

"Geht raus und macht Hamburg sauber"

Von Rekowski, seit 12 Jahren in der Abteilung Entsorgungsüberwachung, ahnt trotzdem, woher die Pappen stammen. Die "Gemüsehöker", sagt er mit Blick auf ein paar Obstgeschäfte gegenüber. Er meint das nicht böse, er kennt viele von ihnen, weil er immer wieder versucht, mit ihnen zu sprechen. Natürlich weisen sie von sich, ihre Kisten illegal abzustellen.

Von Rekowski ist das dienstälteste Mitglied der Abteilung. Er kam aus dem Dienst auf dem Müllwagen. Ein schwerer Unfall - er war aus dem fahrenden Fahrzeug gefallen und von einem Auto überrollt worden - machte ihn zum so genannten "leistungsverminderten" Mitarbeiter.

Auch Peter Schwede kam nach einem Arbeitsunfall zu den Entsorgungsüberwachern. Der Chef der beiden, Roland Handt, sagt, Hamburg habe die Mülldetektive 1994 als erste deutsche Stadt eingeführt - mittlerweile gibt es sie auch in vielen anderen Städten und Gemeinden. Der Auftrag damals war einfach, erzählt von Rekowski: "Geht raus und macht Hamburg sauber!"

"Die Leute sind besser erzogen"

Sie bekamen einen Kleinbus und eine Kamera, den geübten Blick hatten sie schon. Ihre Arbeit habe viel mit Erziehung zu tun, sagen Schwede und Rekowski. Oft stellen sie das Auto ab, laufen durch die Straßen. Sie kennen viele Geschäftsleute auf ihrer Route, und klingeln auch mal persönlich, wenn sie einen privaten Müllsünder aufgrund der Hinweise in seinen Abfalltüten ausmachen. "Die Leute sind heute besser erzogen als vor zwölf Jahren", sagt von Rekowski - sie wissen, dass Verstöße geahndet werden.

Es ist kein Widerspruch, dass es der Abteilung dennoch nicht an Arbeit mangelt, wie ihr Chef Handt sagt - die Dunkelziffer sei nach wie vor sehr hoch. Das System der Entsorgungsüberwacher steht auf vier Füßen: Verstöße werden entweder auf Streife entdeckt, von Mitarbeitern des Bezirks-Ordnungsdienstes an Handts Leute weitergegeben oder von Bürgern bei einer Hotline gemeldet.

Dann gibt es in jeder der fünf Regionen Hamburgs einen so genannten "Waste Watcher", der mit einem Kleinwagen unterwegs ist und Bescheid gibt, wo was falsch abgestellt wurde. In 800 bis 1000 Fällen pro Jahr bekommt ein Hamburger Post von der Stadtreinigung - Rechnung inklusive.

Ungeschredderte Bankunterlagen

Vor zwei Wochen sind Schwede und von Rekowski an einem Freitag im Stadtteil Barmbek an einer "wilden Entsorgung" vorbeigefahren - einem, wie man auf den Fotos sehen kann, Berg von Hausrat und Müllsäcken, den jemand ans Ufer eines Kanals geworfen hatte. Die beiden Männer fanden einen Rentenbescheid mit Name und Adresse.

In dem Haus erzählte man ihnen, dass es sich bei dem Fund um die Hinterlassenschaften einer alten Dame handeln müsse, die gerade ins Pflegeheim gezogen sei. Damit war der Fall aber noch nicht erledigt: von Rekowski und Schwede stellten dann fest, dass die Frau ordnungsgemäß ein Entsorgungsunternehmen beauftragt hatte. Dessen Fahrer wollte sich die Gebühren sparen und kippte den Müll in die Landschaft. Das wird ihn jetzt erst einmal 150 Euro kosten, der Abfallmenge entsprechend. Dann kommt noch das Ordnungsamt mit einem Bußgeld.

Im Karolinenviertel haben sie auch mal den abgetrennten Kopf einer Kuh entdeckt - den Schlachter allerdings nie. Ein anderes Mal fanden sie Säcke mit den ungeschredderten Unterlagen einer Bank - die entsetzt war, dass ihre Reinigungsfirma die Papiere nicht wie bestellt und bezahlt durch den Reißwolf gejagt hatte. Bei immer wiederkehrenden Funden an bestimmten Stellen legen sich von Rekowski und Schwede auch mal auf die Lauer und "observieren" den möglichen Verursacher.

Schwierig: bewusste Falschentsorger

Nur Funde wie Kanister mit Flüssigkeiten oder, wie neulich, Tüten mit in Silberpapier eingewickelten Schaumstoffe, rühren die Mülldetektive nicht an - zu gefährlich. In solchen Fällen, in denen es sich dann oft um Säuren vom Bau oder aus Werkstätten handelt, rücken die Chemiker der Stadtreinigung an. Und dann geht es meistens nicht mehr um eine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat.

Kann man die Aufklärungsquote in Zahlen fassen? "Das ist schwierig", sagt Abteilungsleiter Handt. Ständige und bewusste Falschentsorger vermeiden sorgsam jeden Hinweis auf sich selbst. Vieles liegt auch an der Witterung - wenn das Altpapier durch Regen oder Schnee aufgeweicht ist, lässt sich oft kaum noch etwas erkennen. "Es hätte keiner mehr nötig, seinen Müll einfach irgendwo hinzuwerfen", sagt Roland Handt. "Trotzdem wird uns die Arbeit nie ausgehen."