Rainer Langhans über Uschi Obermaier "Große Sexgöttin? Pustekuchen!"

Dem Ex-Kommunarden Rainer Langhans macht es schwer zu schaffen, dass Uschi Obermaier ihn wohl nicht so unwiderstehlich fand wie er sich selbst. Ein Gespräch über "Das wilde Leben".

Von Michael Ruhland

München im Zeichen des Films: Nach dem Filmball kommt nun "Das wilde Leben" ins Kino. Die Hauptpersonen: Uschi Obermaier und Rainer Langhans. Rainer Öanghans über die filmische Verarbeitung der Kommune 1.

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SZ: Herr Langhans, der Film über Uschi Obermaier kommt ins Kino, und die Nation erfährt von Bild vorab über die angeblichen Orgasmusprobleme des Rainer Langhans. Das war wohl nicht das, was Sie sich als Aufarbeitung der Studentenrevolte vorgestellt haben?

Langhans: Die Erwartung hatte ich auch gar nicht. Es ist eindeutig ein Uschi Obermaier-Film. Da spielt die Studentenrevolte naturgemäß eine Randrolle, weil Uschi ja noch anderes erlebt hat.

SZ: Kommune 1 stand stellvertretend für sexuelle Revolution. Uschi Obermaier bezeichnet Sie als verklemmten Typen. Ärgert sie das?

Langhans: Ich habe gerade den Film gesehen, dieses von mir gezeichnete Bild beschäftigt mich schon sehr. Hat sie wirklich nichts empfunden dabei, so dass sie hinterher sagen kann, das war bloß verklemmtes Zeug? Oder will sie das im Nachhinein nicht mehr wahrhaben? Ich weiß es nicht. Wenn ich ihre Biografie lese und den Film sehe, muss ich mich fragen, ob das alles meine Einbildung war.

SZ: Wie war Ihre Beziehung?

Langhans: Wir hatten eine wunderschöne Intimität. Möglich, dass sie vielleicht das erste Mal in ihrem Leben so etwas erlebt hat, und vielleicht sogar das letzte Mal. Ich bin gespannt darauf, was sie zu dem Film sagt.

SZ: Im Gegensatz zu Ihnen arbeitete Uschi Obermaier eng mit dem Regisseur Achim Bornhak zusammen. Sie hatten ja im Vorfeld Ihre Persönlichkeitsrechte für 15 000 Euro verkauft.

Langhans: Uschi hat eine unfertige Version gesehen, mit den Bildern, aber noch ohne die Musikmischung. Ich hab vorhin den Produzenten gefragt, wie sie es fand. Junkersdorf sagte, sie sei sehr zufrieden damit gewesen. Für mich ist aber wesentlich: Unsere Beziehung war anders, als sie im Film zu sehen ist. Inniger, gehaltvoller, tiefer gründend.

SZ: Im Film schleudert Uschi Obermaier Ihnen aber drastische Sätze entgegen wie: "Du hast Angst vorm Ficken."

Langhans: Ich frage mich, ob sie ernstlich glaubt, es so erlebt zu haben. Ich muss es ja annehmen, weil sie den Film wesentlich mitbestimmt hat. Dass sie die politischen Dinge vielleicht so sieht, wie im Film dargestellt, das mag ja sein. Aber unsere Beziehung? Das macht mir schon zu schaffen.

SZ: Es gibt eine Schlüsselszene im Film: Sie schlafen mit einer anderen Frau in der Kommune, Uschi muss zusehen und leidet Höllenqualen. Man spürt, sie ist tief verletzt. Entsprach das der Wirklichkeit?

Langhans: Ja, das ist wahr. Nicht nur einmal. Daran sieht man übrigens auch, dass Uschi - heute wird das vielleicht komisch klingen - diese klassischen Probleme hatte, die wir Verklemmung nannten. Sie war unbefreit und traute sich nicht wirklich in menschliche, schöne Begegnungen. Es war eben diese 68er Zeit, wo man anders gedacht hat. Im Film kommt die Szene so spätspießig rüber - diese Reaktion mit Trennung und Rachsucht. In Wirklichkeit war alles sehr anders.

SZ: Und zwar?

Langhans: Wir haben beide gewollt, dass der Partner die Möglichkeit hat, mit anderen körperliche Intimität zu erleben. Uschi war ein Unterschichtmädchen aus München und hatte, um es freundlich zu sagen, von nichts eine Ahnung - von solchen Dingen schon gar nicht. Große Sexgöttin? Pustekuchen.

SZ: Als Fotomodell wusste sie jedenfalls um ihren Sexappeal. Sie kokettierte mit jedermann.

Langhans: Aber sie kannte nur diese One-Night-Stands. Das ist vielleicht für Spießer eine wilde Geschichte, aber eigentlich ist es eine verklemmte und primitive Begegnung zwischen Mann und Frau. Wir wollten ja so viel mehr: Wir wollten freie Menschen sein, und Sexualität war nur ein kleiner Ausschnitt...

SZ: ... der mit Moralvorstellungen und Erwartungen oft überfrachtet ist.

Langhans: Es war sehr schwierig für Uschi in der Kommune, weil sie ein sehr schlichtes Bild hatte, wie Sexualität und wie Beziehungen sein sollten. Sie hat dann - das behaupte ich - eine Menge gelernt: dass Beziehungen ohne Eifersucht, ohne Besitzdenken möglich sind.

SZ: Uschi Obermaier galt nicht nur als Sexsymbol der 68er, sondern auch als fleischgewordene Antithese zur deutschen Hausfrau. Wild, ungebunden, Männer verschlingend ...

Langhans: ... überhaupt nicht. Wir waren ein Paar, das Sexualität und Beziehung offen nahm. Das war nicht so, dass sie Männer verschlingend war, im Gegenteil. Unsere Beziehung war eine, die einschloss, dass ich wie auch sie mit anderen Partnern intime Begegnungen haben konnten. Und die bereicherten unsere Beziehung

SZ: Sie haben Uschi tatsächlich selbst zu den Rendezvous mit Mick Jagger und Jimmi Hendrix gefahren?

Langhans: Ja. Ich gebe zu, ich war auch eifersüchtig und musste den Umgang mit dem Gefühl erst lernen. Der Unterschied war: Sie konnte dabei zuschauen, ich nie. Dafür hat sie gesorgt. Da blieb sie in meinen Augen verklemmt. Uschi sagt auch heute noch, dass sie immer höllisch eifersüchtig gewesen sei. Sie hatte aber soweit dazugelernt, dass sie es akzeptieren konnte, wenn sie die unangefochtene Nummer eins bleibt.

SZ: Hat sich Matthias Schweighöfer, der Ihre Rolle im Film spielt, mit Ihnen vorher getroffen?

Langhans: Ich habe ihn vor und nach den Dreharbeiten getroffen. Wir verstanden uns prima, nur hat sich Schweighöfer nicht mit dem Regisseur verstanden. Deshalb befand er sich in einer gewaltigen Zerreißprobe. Schweighöfer hatte zu dem Filmprojekt zugesagt, weil ihm an der Kommune 1 etwas lag. Er konnte aber nicht so spielen, wie er wollte.

SZ: Sehen Sie sich authentisch wiedergegeben?

Langhans: Nein, Schweighöfer musste nach den Anweisungen des Regisseurs einen lieben und harmlosen Jungen spielen, der ein paar intellektuelle Sprüche absondert. Das war meilenweit an der Wirklichkeit vorbei. Ich könnte jetzt an vielen Details Kritik üben. Aber ich habe dem kommerziellen Projekt zugestimmt. Und dafür ist der Film ganz okay. Ich hatte Schlimmeres befürchtet.

SZ: Im Film endet Uschis und Ihre Zeit in der Kommune in einer Massenschlägerei der Kommunarden. Auf den Vorwurf Dieter Kunzelmanns, Sie hätten die Revolution verraten, antworteten sie: "Für diese Frau würde ich jede Revolution verraten." War das so?

Langhans: Richtig ist, dass wir uns über diese Frau letztlich zerstritten haben. Ich wollte den Krieg in Berlin nicht, der bis zum RAF-Terrorismus ging. Diese Frau war mir wichtig: als pure Politik. Ich wollte mit den Mediengeschichten weitermachen - das war für die anderen unerträglich. Sie haben uns rausgeprügelt, und wir zogen nach München. . .

SZ: . . . was Ihnen das Stigma eines Verräters einbrachte.

Langhans: Mein Satz lautete: Die Revolution für eine Frau zu verraten, ist immer gerechtfertigt. Ich meinte damit, dass die Revolution nicht draußen auf der Straße zu machen ist, sondern in uns drinnen stattfindet. Die Dritte Welt ist in uns, und sie ist zuallererst in dem Teil unterentwickelt, den wir Frauen nennen. Es ging mir um den neuen Menschen - und das wollten wir ja alle werden. Uns fehlte das Herz, und das brauchten wir, damit wir als Kinder von Mördern lebendig werden konnten. Uschi verkörperte das zu diesem Zeitpunkt für mich mehr als unsere Revolte. Das hat mir Feindschaft innerhalb dieser Bewegung - ein Männerbund - eingebracht.

SZ: Wurden Sie nach Ihrem Weggang mit Uschi in Ruhe gelassen?

Langhans: Nein, meine Ex-Kommunarden Fritz Teufel und Ulrich Enzensberger haben mich in der neuen Kommune in der Giselastraße sogar mit Erschießung bedroht.

SZ: Wie haben Sie reagiert?

Langhans: Die Polizei hat mir Schutz angeboten, aber das wollte ich nicht.

SZ: Ihr Ziel war es ursprünglich, das Private zum Politischen zu machen. Sich vom bürgerlichen Korsett zu befreien. Letztlich haben Sie die Kommune aber wegen und mit Uschi verlassen - zurück ins Private.

Langhans: Die große Bewegung brach zusammen. Das war schon Ostern '68 der Fall - mit dem Attentat auf Rudi Dutschke. Alles fing an, in kleine Gruppen auseinander zu fallen. Die Kommune in der Fabrik war ja schon ein Rückzug in eine Subkultur. Das ging in München weiter. Wir haben hier eine hedonistische Drogenkommune gemacht.

SZ: War Uschi Obermaier die starke Frau, zu der sie stilisiert wurde?

Langhans: Sie kam sehr ängstlich zu uns in die Kommune, und sie hat auch kürzlich gesagt, dass sie ausgezogen war in die Welt, um diese Angst zu verlieren. Sie hat von mir ein Selbstbewusstsein bekommen, das dazu geführt hat, dass sie sich später vor niemandem mehr gefürchtet hat. Auch nicht vor Leuten wie dem "Kiez-Prinzen" Dieter Bockhorn. Insofern war sie die starke Frau, die immer ihrem Lustprinzip, ihren Bedürfnissen gefolgt ist. Wenn sich Männer dagegen gestellt haben, dann verließ sie sie.