Opus Dei Geißeln für Gott

Die umstrittene katholische Gemeinschaft Opus Dei fordert von ihren Mitgliedern Hingabe bis zur Selbstaufopferung.

Von Alexandra Busse

Jeden Morgen um sechs Uhr klingelt Eugenia López' Wecker. Für Gott. Eugenia López ist Numerarierin des Opus Dei, dem Werk Gottes. Eine Gemeinschaft, die der spanische Priester Josemaría Escrivá 1928 gegründet hat. Die Numerarier leben zölibatär, meist in Zentren des Opus Dei.

Strenges Regiment in der Villa - auf dem Türschild ist von einem Kulturtreff Werdenfels die Rede.

(Foto: Foto: Stephan Rumpf)

Sie haben ihr Leben ganz der Hingabe Gottes gewidmet. Das frühe Aufstehen ist Teil der täglichen Selbstüberwindung, mit der sie sich bemühen, "ihr Leben zu heiligen". Aber im Opus Dei spricht man kaum von Selbstüberwindung. Man nennt diese Pflichten stattdessen Abtötung.

Mehr als fünfzig Prozent der Numerarier sind Frauen. Die meisten arbeiten außerhalb des Werks, genau wie die Männer. Allerdings übernehmen sie bis heute einen Großteil der Hausarbeit. Statt auf einer Matratze schlafen sie bis zu ihrem 45. Geburtstag auf einem Brett. Für die Männer gilt das nur einmal die Woche.

Warum das so ist? Hartwig Bouillon, Sprecher von Opus Dei in Köln, kanzelt die Nachfrage als Interesse an Oberflächlichem ab. Und bleibt eine Antwort schuldig. Eugenia empfindet diese Regeln ebenfalls als Nebensächlichkeiten, die ihren Ursprung in Escrivás Weltbild haben. Ein Weltbild, das in den 30er Jahren in Spanien geprägt wurde.

Heidi Berger heißt eigentlich anders. Aber sie möchte ihren richtigen Namen nicht nennen. Nicht weil sie vor den Mitgliedern des Opus Dei Angst hat, sondern weil sie sich seit ihrem Austritt vor vier Jahren ein neues Leben aufgebaut hat. Sie fühlt sich noch nicht bereit, zu ihrer Vergangenheit zu stehen. Sie möchte deshalb auch nicht, dass zu viel über ihre Herkunft, ihren Beruf oder ihr Aussehen verraten wird.

Im Gegensatz zu Eugenia fühlte sich Heidi Berger im Weltbild des Opus Dei gefangen. So gefangen, dass sie Opus Dei nach 18 Jahren als Numerarierin verließ. Die Leiterin in dem Münchner Zentrum, in dem sie lebte, rief ihr zum Abschied hinterher, dass ihre Seele der Hölle jetzt näher sei als dem Himmel. Doch Heidi weiß, dass das nicht stimmt. Sie sagt, sie hat heute ein wesentlich reicheres Verhältnis zu Gott als früher. Freier. ,,Der Gründer war eben ein Mann seiner Zeit und hat diese im Werk für immer konserviert.''

Schnellste Heiligsprechung

Eugenia zögerte, bevor sie einem Gespräch über ihren Glauben zustimmte. Sie schämt sich, mit einem Wildfremden über etwas so Intimes zu sprechen. Sie ist die einzige der Münchner Numerarierinnen, die zu einem Treffen bereit ist. Allerdings nicht in den Räumlichkeiten des Opus Dei, sondern auf der Terrasse eines Wirtshauses.

In Deutschland hat Opus Dei etwa 600 Mitglieder, weltweit sind es um die 87000, vor allem Akademiker. Nur 10000 davon leben als Numerarier. Im Verhältnis zu der einen Milliarde Katholiken eine verschwindend geringe Zahl. Das Werk hat allerdings einige sehr einflussreiche Fürsprecher im Vatikan. Die Heiligsprechung von Escrivá im Oktober 2002 war die schnellste der Kirchengeschichte.

Der Gründer des Werks war erst 1975 gestorben. Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat erst kürzlich den Opus Dei Mann Stephan Georg Schmidt zu seinem Sprecher ernannt und damit seine Sympathie mit dem Werk bekundet.

Eugenia stammt wie Escrivá aus Spanien. Sie ist 36, unterrichtet Völkerrecht an der Opus Dei Universität in Pamplona und arbeitet gerade an ihrer Habilitation. Ihre Erscheinung ist ebenso tadellos wie ihr Lebenslauf. Sie trägt ein weißes T-Shirt zur dunkelblauen Jeans, ein blau-gelb gestreiftes Seidentuch um den Hals, an den Füßen rote Slipper. Die langen Haare sind hochgesteckt, man kann ihre Perlenohrringe sehen.

Sie bewohnt ihr kleines Zimmer im Erdgeschoss einer Villa im Südwesten Münchens erst seit einigen Tagen. Das weiß gestrichene Haus mit den Giebeln, dem großen Balkon passt gut in die vornehme Wohngegend. Außer dass die Hecke vielleicht etwas höher ist als bei den Nachbarn. Kulturtreff Werdenfels heißt es auf dem Klingelschild, darunter stehen neun Frauennamen. Von Opus Dei kein Wort. Man möchte nicht weiter auffallen. Die Aufmerksamkeit der vergangenen Monate war genug. Journalisten haben bei Opus Dei in München keinen Zutritt mehr.

Nachdem dem Werk in Dan Browns Bestseller "Das Sakrileg" eine ausgesprochen unrühmliche Rolle zugekommen war, entschloss sich die Führungsriege der Gemeinschaft entschlossen, die plötzliche Aufmerksamkeit für sich zu nutzen. "Aus Zitronen Limonade machen", nannte Marc Carroggio, Pressesprecher des Opus Dei in Rom, die Losung.

Man ließ Journalisten in den Häusern des Werks übernachten, nahm sie mit zu Gottesdiensten und arrangierte Treffen mit Mitgliedern. Da sich am zweifelhaften Ruf des Opus Dei dadurch aber nichts änderte, das Werk weiterhin in vielen Artikeln als mysteriöser Geheimbund beschrieben wurde, entschieden die Leiter vieler Zentren, ihre Türen wieder zu verschließen.

Eugenia überlegt deshalb sehr genau, bevor sie zu erzählen beginnt. Wie kann sie einem Außenstehenden erklären, was ihr an einem Leben im Opus Dei wichtig ist? Wieso sie diesen Weg gewählt hat und nicht einen anderen? Schon während ihrer Schulzeit wusste sie zwei Dinge: Sie wollte Jura studieren, wie ihr Vater. Und sie wollte ihr christliches Leben ernst nehmen.

Ein Leben als Nonne hinter Klostermauern war ihr zu weltfremd, ein Leben als einfaches Mitglied der örtlichen katholischen Gemeinde nicht intensiv genug. Denn der Glaube gibt ihr Halt, die Möglichkeit, den frühen Tod der Mutter zu verkraften und später den des Vaters. "Man lebt sehr viel intensiver, und es ist einfacher, wenn man weiß, dass Gott da ist."

Index der Bücher und Filme

Als ihr Vater im vergangenen Sommer im Krankenhaus im Sterben lag, den Körper voller Krebsgeschwüre, wachte sie zusammen mit ihren drei Schwestern tage- und nächtelang an seinem Bett und betete für ihn. Es war eine traurige, schmerzhafte Zeit, sagt sie, aber auch eine sehr friedliche. Denn sie ist überzeugt, dass sie alles gegeben hat, dass ihre Gebete nicht umsonst waren. Ihr Vater, selbst Mitglied bei Opus Dei, achtete zwar auf eine katholische Erziehung.

Das Werk lernte Eugenia allerdings erst kennen, als sie schon 18 Jahre alt war. Eine Schulfreundin hatte sie mit in ein nahe gelegenes Zentrum genommen. Dort predigte man genau das, was Eugenia suchte: Die Verschmelzung des alltäglichen Lebens mit dem Glauben. "Dort unter euren Mitmenschen, in euren Mühen, eurer Arbeit und eurer Liebe, dort ist der eigentliche Ort eurer tagtäglichen Begegnung mit Christus", heißt es auf dem Gebetszettel von Escrivá, den die Mitglieder des Opus Dei nur "den Gründer" nennen.

Von einem Leben mitten in der Welt und trotzdem mit Gott, davon hatte auch Heidi Berger geträumt. Im Werk blieb für sie allerdings nicht viel übrig von dem, was andere Menschen alltäglich nennen. Im Gegenteil. Heidi fühlte sich isoliert von der Welt. Tagesordnung und Regelwerk waren einfach zu strikt. "Es wird übersehen, dass man es mit mündigen Menschen zu tun hat", sagt sie.

Nicht nur die Schlaf-, Bet- und Essenszeiten werden bei Opus Dei vorgeschrieben. Ein Index legt fest, welche Bücher gelesen und welche Filme gesehen werden dürfen. Von Theater- und Konzertbesuchen wird abgeraten. Das verdiente Geld der Einzelnen verwalten die drei Leiter eines jeden Zentrums. Zum Einkaufen gehen Numerarier am besten zu zweit, an den Strand am besten nie. "Zuviel nackte Haut kann den Glauben ins Wanken bringen", meint Heidi. Heute kann sie darüber lachen.

Papst Johannes Paul II. hat dem Werk 1982 den Status einer Personalprälatur verliehen, womit ihm der Rang eines Bistums zukommt, allerdings ohne festes Territorium. Dennoch gilt das Werk auch innerhalb der katholischen Kirche als umstritten. Die Finanz- und Organisationsstrukturen von Opus Dei sind undurchsichtig. Auch werden Escrivá enge Kontakte zu Spaniens früherem Diktator Franco nachgesagt.

Mit seinen extremen Bußpraktiken stößt das Werk auf Unverständnis. Im Regelkatalog des Opus Dei wird den Numerariern empfohlen, sich einmal wöchentlich für die Dauer eines Vaterunser mit einer Bußgeißel auf den Rücken zu schlagen. Außerdem sollen sie in Gedenken an die Leiden Christi zwei Stunden täglich einen mit Dornen versetzten Bußgürtel um den Oberschenkel tragen. Regeln, die der Opus Dei Jünger in Dan Browns Sakrileg bis zum blutigen Exzess befolgt.

Eugenia empfindet das strenge Regelwerk des Opus Dei nicht als Grenze, sondern als Hilfe. "Es macht das Leben mit Gott und den anderen Numerariern einfacher." Wichtig ist für sie, ihr gesamtes Leben Gott zu widmen.

Es sind genau acht Stationen, die sie jeden Morgen mit der U-Bahn zur Arbeit fährt. Zeit, die sie nutzt. Nicht zum Zeitung lesen, wie ihr Gegenüber. Eugenia betet Rosenkranz. Natürlich nur im Geiste, ohne die Lippen zu bewegen. Die Kette mit den 59 Perlen braucht sie nicht mehr. Sie kennt den Ablauf auswendig. Das Leben, das ihr Gott gegeben hat, möglichst effizient und gut zu gestalten, darauf, sagt sie, kommt es ihr an. "Wenn ich irgendwann vor Gott stehe, dann möchte ich, dass er mit mir zufrieden ist."

Zweifel an ihrer Berufung scheint Eugenia nicht zu kennen. Ihren spirituellen Weg geht sie genauso zielstrebig und diszipliniert wie ihren beruflichen. "Ich habe dann ein ruhiges Gewissen, wenn ich mich bemüht habe, andere zu verstehen, zu begleiten, großzügig zu sein." Der Weg des Opus Dei, den Eugenia als einen der Hilfe beschreibt, empfindet Heidi als einen des Verbots.

Statt von Hingabe spricht sie von Selbstaufgabe. Sie hatte es satt, sich immer nur unterzuordnen, sie wollte leben. Und Leben bedeutet für sie nicht nur Disziplin, sondern auch mal spontan entscheiden zu können, worauf sie Lust hat. Die Vorstellung, genau zu wissen, wo sie die nächsten 30 Jahre ihren Sommerurlaub verbringen wird, nämlich in einem der Tagungshäuser des Werkes, fand sie unerträglich.

Zweifel an den Vorschriften

Als man sie bat, ihren Beruf für eine Arbeit im Werk aufzugeben, weigerte sie sich. Sie sagte, sie würde ersticken. Die anderen Numerarierinnen im Werk reagierten mit Unverständnis. Selbstverwirklichung um ihrer selbst Willen hat bei Opus Dei keinen Platz. Heidi zweifelte immer öfter daran, dass hinter all diesen Vorschriften wirklich der Wille Gottes steht. Doch noch wollte sie nicht aufgeben. Schließlich war das Leben im Werk seit ihrer Jugend das einzige, was sie kannte. Sie war erst 14 Jahre alt, als sie anfing, regelmäßig ein Opus-Dei-Zentrum zu besuchen. Zwei Jahre später trat sie offiziell bei.

Die Entscheidung, das Werk zu verlassen, traf sie 16 Jahre später, am 6. Oktober 2002, in Rom. Über dem Papst hing ein riesiges Bild des Gründers. Es war das gleiche, das viele Opus Dei Mitglieder in ihrem Geldbeutel tragen. Es hängt auch im Kulturtreff Werdenfels, in der Kapelle, gleich neben dem Tabernakel. Man sieht nur das Gesicht Escrivás, sein Haar ist streng gescheitelt, er trägt ein dunkel umrandete Brille. Er hat seinen Kopf leicht schräg gelegt und blickt seinem Gegenüber direkt in die Augen. Fast etwas fordernd, als wollte er sagen, 'tu etwas für Gott und das Werk'.

Am 6. Oktober 2002 wurde Escrivá heilig gesprochen. Eugenia war mit ihrem Vater extra nach Rom gereist. Schließlich setzte die katholische Kirche mit dieser Entscheidung ein Zeichen. Das Werk, so die Botschaft, ist gottgewollt und von der Kirche anerkannt. 300 000 Menschen hatten sich zur Messe auf dem Petersplatz versammelt. ,,Das Leben von Escrivá ist ein Vorbild'', sagte Papst Johannes Paul II. mit zittriger Stimme. Es war einer seiner letzten Auftritte. Man kann ihn im Internet anschauen. Heidi stand ebenfalls am Petersdom, ziemlich weit hinten, und blickte auf das Bild des Gründers. Es war der Tag, an dem sie endlich aufgehört hatte zu zweifeln. Sie wusste, dass sie das Werk verlassen wollte. Sie hatte die Messe zur Heiligsprechung genossen und sich gleichzeitig gefragt, was ihr Opus Dei für ihren Glauben noch geben konnte. Die Antwort war: nichts. ,,Wofür brauche ich ein Werk, bei dem ein Gründer im Mittelpunkt steht, wenn ich eigentlich Gott lieben möchte?''

Der Gründerkult um Escrivá hatte sie seit ihrem Eintritt gestört. Bei fast jeder Mahlzeit sprachen die Mitglieder nur von ihm. Die Filme seiner Messen hatte sie so oft in den Zentren gesehen, dass sie sie auswendig kannte. ,,Es hätte mich nicht gewundert, wenn irgendwann auch ein Bild vom Gründer im Kühlschrank gehangen hätte.''

Zwei Wochen nach der Heiligsprechung Escrivás packte sie in München ihre Sachen. Sie hatte Rat gesucht bei einem katholischen Priester, keinem vom Werk. ,,Würdest Du ein Leben im Opus Dei deiner Tochter empfehlen, wenn du eine hättest?'', hatte er sie gefragt. Ihre Antwort lautete: Nein. ,,Glücklich wird man doch nur, wenn man sein Leben in der Welt meistert und nicht abgeschottet von allem.''

Der Kult um den Gründer

Anschließend nahm sie ein Darlehen auf, um sich die Kaution für eine Wohnung leisten zu können, und die Möbel. Sie war Anfang 30, hatte nichts angespart, weil alles dem Werk gehörte. Ihr Besitz passte in zwei Koffer. Einer mehr, als Escrivá einem Numerarier empfiehlt. Zwar wohnte sie jetzt nicht mehr in einer weißen Villa mit Garten, sondern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung in einer Neubausiedlung im Münchner Norden. Aber das kümmerte sie nicht.

Viel wichtiger war, dass es niemanden mehr gab, der bestimmte, was sie isst, wie ihr Zimmer eingerichtet sein muss und welche Musik sie hören darf. Sie hängte Fotos von ihrer Familie auf, kaufte Möbel aus hellem Holz und sammelte etwa 100 Filme auf DVD und mindestens ebenso viele CDs, die jetzt in ihrem Wohnzimmerschrank stehen. Sie liebt die Musik von Shakira, trifft sich mit ihren Freundinnen zum Pizzaessen. Vor etwa einem Jahr hat sie geheiratet.

Auch Eugenia packt bald die Koffer. Sie reist nach Den Haag für ein Forschungsprojekt am Internationalen Gerichtshof. Sie wird dort ebenfalls in einer eigenen Wohnung wohnen, weil es in Den Haag kein Zentrum des Opus Dei gibt. Aber braucht man sie im Werk, wäre sie bereit, sich sofort von allem, was sie sich beruflich erarbeitet hat, zu lösen. ,,Es lohnt sich, sich für andere zu geben'', sagt sie. Das bedeutet für sie Liebe, für Heidi völlige Unterwerfung.