Nachruf Do swidanija, Väterchen Timofej

Er war ein Wahrzeichen Münchens: Der Einsiedler vom Oberwiesenfeld starb im Alter von womöglich 110 Jahren.

Von Von Wolfgang Görl

Es war ein Leben, angefüllt mit Merkwürdigkeiten, und man weiß nicht so recht, was man glauben soll und was nicht. Aber wäre es tatsächlich ein Unglück, wenn die Geschichten, die über den wunderlichen Mann im Umlauf sind, so viel Wahrheitsgehalt hätten wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht?

Wahrzeichen von München: Väterchen Timofej

(Foto: Foto: dpa)

Wenn es gar nicht zuträfe, dass er ein Kind des 19.Jahrhunderts gewesen ist, geboren vor 110 Jahren in Bahajewskaja am Don? Und wenn sie eher eine Heiligenlegende in eigener Sache wäre, die Erscheinung der Muttergottes, die ihm befahl, nach München zu gehen und dort ihr zur Ehr' eine Basilika zu bauen? Egal, was wirklich war - schön und fabelhaft sind diese Erzählungen allemal, und der eigentümliche Nebel, der über der ersten Lebenshälfte des Timofej Wasiljewitsch Prochorow liegt, verleiht seiner Gestalt etwas magisch Diffuses.

Enklave auf dem Olympiagelände

Vielleicht ist ja die Wahrheit öde und bar jeden Zaubers. Nicht immer schreibt das Leben die besten Geschichten. Nun also ist er tot. Gestorben in der Nacht zum Mittwoch im Altersheim, wo er seine letzten Jahre verbracht hatte, fern von seiner russischen Enklave auf dem Olympiagelände.

Freunde hatten sich um ihn gekümmert, als der greise Mann nicht mehr fähig war, sich selbst zu versorgen; und die Fotografin Camilla Kraus hatte mit einige Helfern seine vom Verfall bedrohte Eremitage behutsam renoviert: das kleine Museum mit dem Brettergiebel und dem grün gestrichenen Blechdach, in dem die Anfänge und der Alltag des Einsiedlers vom Oberwiesenfeld dokumentiert sind; seine Wohnhütte, wo im Winter der Ofen knisterte und er bei Tee oder Wodka in sonderbarem Deutsch die Stunden verplauderte und das Geheimnis seines Alters lüftete: "2000 Jahre"; die Basilika, gekrönt von Zwiebeltürmchen und orthodoxem Kreuz; innen hat er das Gewölbe unter der Kuppel ausgekleidet mit Stanniolpapier, auf dass es glänze wie pures Silber. Der Geräteschuppen, das Bienenhaus, der Obstgarten - bisschen kleiner noch, und man hätte das Gefühl, im Land der Zwergen und Hobbits zu sein.

Ja keinen Zweifel an der Geburtsurkunde

Weiß der Himmel, vielleicht stammte er wirklich von dort. Andererseits verfügte Timofej über eine veritable Geburtsurkunde, ausgestellt am 22.Januar 1894 in Bahajewskaja. Zweifel an dem vergilbten Dokument ließ er nicht zu. Das nächste Kapitel in der Geschichte seines Lebens spielt im Zweiten Weltkrieg.