Leben im Bauwagen Eine perfekte Kindheit

Das ist nicht überall so. Aus anderen Städten kenne er auch Leute, die im Wagen wohnen, "damit mehr Geld bleibt, das man in Schnaps umsetzen kann", sagt Florian. Die Motive für ein solches Leben sind eben unterschiedlich. Der 45-jährigen Zamirah geht es besonders darum, unabhängig und selbstbestimmt zu leben, Florian betont die Gemeinschaft, den Zusammenhalt. Filmemacher Thomas ist begeistert davon, Dinge selbst zu bauen. Stolz zeigt er das Innere seines Gefährts: Den ganzen Sommer hat er an der Verkleidung aus Holz und Dämmstoffen gearbeitet. Außerdem gibt es einen Ofen. "Es ging jetzt einfach darum, den Wagen schnell wintertauglich zu machen", sagt er.

Spielecke mit allem Drum und Dran: Das gibt es auch im Bauwagen.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Winter: Um ihn drehen sich an diesem kalten Oktobernachmittag alle Gespräche. Auf der neuen Waldlichtung stehen etwa zehn junge Leute mit Harken und Grasschneidern. Schließlich soll man nachts, auf dem Weg zum Dixi-Klo, nicht über Bäumchen stolpern oder in Laubbergen versinken. Die jungen Menschen tragen lange Bärte, weit ausgeschnittene Männer-Shirts, Wollmützen - Hipsterlook. "Ich bin erst im Sommer eingezogen. Ich weiß noch gar nicht, wie scheiße das alles wird", scherzt eine junge Frau mit Locken und weiten Hosen.

Eine andere nickt grinsend, sie heißt Elisabeth, ist 24 und studiert Möbel-Restauration. Sie ist die Jüngste hier, eingezogen im Mai. Wie eine Aussteigerin sieht Elisabeth mit ihren blonden kurzen Haaren und den engen Markenklamotten nicht aus. Ist sie auch nicht. "Ich hab einfach keine Wohnung gefunden", sagt sie, und dann hat sie von dem Platz gehört. Kälteempfindlich sei sie "nicht so", außerdem kann sie gut mit Kindern. Die fünfjährige Juni nimmt sie an der Hand, zieht sie über den Trampelpfad mit zum Kindergarten. Auch der ist nur ein Bauwagen, Haken für die Jacken, Holzspielzeug. Juni platzt fast vor Stolz. Die Kälte scheint sie nicht zu spüren.

Die neue Fläche wird für die Bauwagen hergerichtet.

(Foto: Florian Peljak)

Immer wieder eine Überraschung

Für Roswitha Strauß ist eine solche Kindheit einfach perfekt. Dreckige Jacken, dreckige Gesicher, bei jedem Wetter draußen. Genauso seien ihre Jungs auch gewesen, sagt die 66-Jährige wehmütig. Heute wohnt sie alleine in einer 40-Quadratmeter-Wohnung am S-Bahnhof Englschalking. Dass die Bauwagen dort wegziehen, macht sie traurig. "Da geht mein Herz", sagt sie, als der rot-weiße Zirkuswagen die Straße herunter rollt. "So soll das Leben doch sein. Das ist die absolute Freiheit, so im Wagen zu leben, mit Freunden, Familie."

Strauß kann gar nicht mehr aufhören zu reden. Wie schön es war, als sie noch Hühner hatten auf dem Hin-und-Weg-Platz. Wie die Leute Musik gemacht, gefeiert und gelacht haben. Wie sie irgendwann den Gockel eingefangen haben und der direkt am Herzinfarkt gestorben ist. "Wie früher, wie früher", wiederholt sie leise und drückt Kinder und erwachsene Bewohner an sich. "Ich bin auch so aufgewachsen" sagt die Nachbarin zum Schluss. Wie das? "Ich bin Sinti." Die Bewohner lachen erstaunt. Sie kennen Roswitha Strauß seit Jahren, aber das haben sie nicht gewusst. "Kommen Sie doch mal vorbei, ist ja nicht weit", sagt Florian zum Abschied. Überhaupt: Auf der neuen Wiese ist viel Platz. Gut möglich, dass die Wagen-WG bald größer wird.