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Stadtführung mit "Biss":Herr Zimmermann und sein Weg aus der Armut

Moshammer, Fahrradmechaniker und ein Knast: Verkäufer der Straßenzeitung "Biss" zeigen in einer Stadtführung in München, wie sie der Obdachlosigkeit entkommen sind.

Vor einem Grab im Ostfriedhof bleibt Christian Zimmermann stehen und faltet seine Hände. Er blickt auf drei weiße Marmorsteine herab, auf denen sieben Namen eingemeißelt sind. Es sind die Namen seiner früheren Kollegen. Es sind die Namen verstorbener Biss-Verkäufer.

BISS-Verkäufer als Fremdenführer, 2010

Christian Zimmermann bei seiner Stadtführung im Ostfriedhof. Im Hintergrund sind die Weißen Grabsteine der Biss-Grabstätte zu sehen.

(Foto: Robert Haas)

Das Grab am Ostfriedhof ist eine der Stationen, die Zimmermann bei seiner Stadtführung von Biss ansteuert. Es ist eine besondere Führung, die München nicht von der prachtvollen, reichen Seite zeigt, sondern von der armen - und von seiner hilfsbereiten. Es ist eine Stadtführung über die Straßenzeitung Biss.

Denn Biss ist mehr als nur eine Straßenzeitung, die ihren Verkäufern ein kleines Einkommen bringt. Sie unterstützt Menschen seit 17 Jahren dabei wieder zurück in ein geregeltes Leben zu finden, vermittelt Wohnungen, hilft bei der Weiterbildung, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und bei der Entschuldung von Bürgern, die in sozialen Schwierigkeiten stecken.

Auch der Stadtführer selbst hat es durch Biss aus der Obdachlosigkeit geschafft. Wenn er erzählt, schimmern seine braunen Augen traurig - selbst, wenn er lacht. Früher, vor seinem Absturz, reiste er mit seiner Frau und seinen vier Kindern durch Europa. Er war als Goldschmied tätig.

Sein bester Freund liegt im Grab

Doch dann zerbricht die Ehe. Zimmermann rutscht ab. Dem Goldschmieden kann er bis heute nicht nachgehen, zu viele Erinnerungen hängen daran. Ohne Beruf, ohne geregeltes Leben führt die Spirale schnell nach unten. Zimmermann trinkt, um den Schmerz zu betäuben. Dann lernt er den Straßenzeitungsverkäufer Jürgen Muck kennen.

"Jürgen Muck" ist einer der Namen, die auf den Grabsteinen stehen. Muck war Christian Zimmermanns bester Freund. Vor vielen Jahren hatte der Mann Zimmermann von Straße aufgelesen, ließ den damals Obdachlosen bei sich wohnen und vermittelte ihn an Biss. Zimmermann versuchte sich als Zeitungsverkäufer und nach wenigen Wochen wusste er, dass das Zeitungsverkaufen genau sein "Ding" war. Es machte ihm Spaß, half, die Leere in ihm zu füllen.

Christian Zimmermann geht die Namen auf den Grabsteinen durch. Er erzählt eine Geschichte zu jedem einzelnen Namen: Geschichten vom Abstieg. Viele Wege führen nach unten. Doch er erzählt auch vom Kampf, vom harten Weg zurück ins Leben.

Beim letzten Namen stockt er. Andächtig blickt er auf die frischen Blumen herab, bevor er seine Stimme wieder erhebt. Er spricht nun langsamer, flüstert fast. "Hier liegt mein geschätzter Kollege Carl-Wilhelm Sachse. Er hat die zweite Biss-Führung gemacht. Vergangenen Mittwoch wurde er begraben", sagt er. Seither übernimmt Zimmermann auch die Führungen seines verstorbenen Kollegen.

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