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Motörhead im Zenith:Sie machen Röck'n'Röll

Die Geschwindigkeitssüchtigen geben Gas: Auftritt Motörhead im Münchner Zenith. Sänger Lemmy Kilmister sieht genauso aus wie vor 20 Jahren und die Band ist noch immer laut. Sehr laut.

Sein Verstärker ist schon auf der Bühne, da vorne im Münchner Zenith: "Murder One" steht auf dem Gerät, das in wenigen Minuten Lemmy Kilmisters bleiernen Bass in die Gehörgänge des Publikums hämmern wird. Es ist kurz vor neun Uhr am Abend, die Vorbands im Zenith haben mit einer ordentlichen Lautstärke vorgelegt.

Motörhead, Roskilde Festival

Bald 65 Jahre alt und kein bisschen leise: Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister. 

(Foto: picture alliance / dpa)

Jetzt also ist Motörhead dran, die selbsternannte lauteste Band der Welt, die es seit 35 Jahren gibt. Die Musiker kommen langsam ins Rentenalter: Sänger und Bassist Lemmy Kilmister wird Weihnachten 65 Jahre alt. Ihr neuestes Album lautet: "The Wörld is yours." Die Rock-Rentner haben noch nicht genug.

Dann ist er da. Lemmy Kilmister, Patron aller Whiskeytrinker und Kettenraucher. Der Meister. Das Publikum reckt ihm die Faust mit ausgestrecktem Zeige- und kleinem Finger entgegen. Ein Meer aus "Devil Horns" vor der Bühne.

"We are Motörhead. And we play Rock'n'Roll", brüllt Lemmy ins Mikro. Der Spruch ist inzwischen zum Klassiker geworden. Los geht's. Die drei Motöre heizen ihre Maschinen mit dem Song an, der nun auch die letzten Zweifel beseitigen soll: "We are Motörhead." Geschwindigkeitssüchtige also, Motörhead ist ein amerikanischer Slangausdruck für Raser.

Das Alter hat sie kein bisschen leiser gemacht. Lemmys Bass wummert nicht nur wie ein Presslufthammer in den Ohren, man spürt das Vibrieren am ganzen Körper.

Ein Hundeschädel, der die Zähne fletscht

Überhaupt. Lemmy. Der sieht noch immer aus wie vor 20 Jahren. Besser gesagt: Lemmy sah vor 20 Jahren schon so fertig aus wie heute. An diesem Abend trägt er einen Cowboyhut. Die oberen Knöpfe seines schwarzen Hemdes sind offen. Zum Vorschein kommt ein Eisernes Kreuz, wie es auch das Band-Maskottchen ziert. Der Zähne fletschende Hundeschädel prangt überdimensional im Hintergrund der Bühne. Allerdings an diesem Abend zwischen zwei Flügeln, die stark an den Reichsadler erinnern.

Lemmy macht kein Geheimnis aus seiner Faszination für die Ikonographie des Dritten Reichs. In Interviews kokettiert der Brite gerne mit seiner privaten Nazi-Andenkensammlung, weist aber vehement zurück, er sei ein Nazi-Sympathisant.

Das Publikum ist in adäquater Abendrobe erschienen: Man trägt schwarz. Viele in Form von Band-Shirts, gerne auch in Kombination mit Leder- oder Jeanswesten. Es sind gesetzte Metaler fortgeschrittenen Alters darunter, die bei der Vorband fast wehmütig mitsingen, als die blonde Metal-Sängerin Doro Pesch eine Ballade aus den achtziger Jahren hervorkramt. Die jüngeren Burschen, die nicht in Erinnerungen schwelgen können, schauen etwas irritiert drein.

Es sind tatsächlich auch sehr viele junge Leute im Publikum, die die drei Motöre sehen wollen. Das fällt auch Lemmy auf. Er frotzelt: "Wir spielen jetzt einen Song aus dem Jahr 1983. Also noch vor der Zeit, als ihr geboren wurdet."

Macht nichts. Die Hits von Motörhead kennen sie trotzdem. Zum Beispiel "Overkill", "Rock Out", "Just' Cos You Got The Power" oder "Born to Raise Hell". Schon die ersten Takte bringen die Masse zum Pogen, es gibt ein wildes Geschubse und Rumgehüpfe vor der Bühne. Zwischendurch spielen die drei Herren unbekanntere Songs. Aber das macht auch nichts. Klingt alles nach Motörhead, dem Sound, den die Band in den achtziger Jahren erfunden hat. Eine Mischung aus Punk, Hard Rock, Blues Rock und - natürlich - Rock'n'Roll.

Dazu kommt Lemmys Stimme. Sein Mikrofon ist wie immer viel zu hoch platziert. Lemmy presst seine Laute am Kehlkopf vorbei und röchelt von unten ins Mikro. Er ist in Topform. Nur einmal muss er seine Kehle kurz durchspülen. Er lässt sich unter dem Gegröle der Fans eine Flasche Gin reichen.

"Don't forget us"

Lemmy wird gefeiert. Aber er lässt auch die anderen beiden Musiker feiern. Schlagzeuger Mikkey Dee, der ein minutenlanges Solo hinlegt und zeigt, dass ein Teil der lautesten Band der Welt auch einmal einen ganz leisen Trommelwirbel zustande bringen kann. Und den Gitarristen Philipp Campbell, der das Publikum ganz wunderbar animieren kann. Nur nebenbei: Der Sound im Zenith, wo die Akustik einen eher schlechten Ruf hat, ist bei Motörhead richtig gut.

Zum Abschied zücken sie ihr Pik-Ass: "Ace of Spades". Das Publikum vor der Bühne ist durchgeschwitzt, den Pogern tropft der Schweiß von den Haaren. Die Luft ist stickig. Die Raser haben ihre Öfen vorne auf der Bühne kräftig geheizt und ihr Publikum fertig gemacht. Lemmy sagt: "Don't forget us."

Wie könnten wir. Das sind Motörhead. Und sie machen Röck'n'Röll.

© sueddeutsche.de/tob/plin
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