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Kreative Köpfe:Sprühende Ideen

Stephanie Utz hat sich ganz der Street-Art verschrieben. Die Gründerin des Museum of Urban and Contemporary Art plant derzeit das neue Kunstlabor in der Dachauerstraße - und verrät ganz nebenbei einen Coup

Von Martina Scherf

Stephanie Utz steht in ihrem leeren Museum und blickt mit einer Mischung aus Freude und Trübsal auf die Bilder und Figuren um sie herum. Aus Zeichnungen, Scherenschnitten und Sperrmüll hat die New Yorker Künstlerin Swoon eine raumfüllende Installation geschaffen. "Time Capsule" (Zeitkapsel) berührt und fordert die Betrachter heraus. Sie wirkt wie ein Panoptikum auf den Zustand unserer Welt. Chaotisch, zärtlich und brutal.

Das Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA) in der Hotterstraße, gleich neben dem Altheimer Eck in der Münchner Innenstadt, hat Stephanie Utz mit ihrem Mann Christian vor vier Jahren eröffnet. Sie übernahmen dafür ein ehemaliges Umspannwerk von den Stadtwerken. Die frühere Maschinenhalle wurde zum großen Ausstellungsraum, alle Wände vom Dach bis zum Keller, ja selbst die Toiletten, sind mit Street-Art bemalt. Im Restaurant "Mural" haben sich die jungen Köche Joshua Leise und Johannes Maria Kneip - sie sind erst Mitte 20 - gerade erst einen Michelin-Stern erkocht. Wenige Tage später mussten sie wegen Corona schließen.

"Wir lassen uns jetzt nicht runterziehen von den schlechten Nachrichten", sagt Stephanie Utz fast ein wenig trotzig, "wir stecken ja mitten in den Plänen für die nächste Projekte." Der Coup, den sie mitten in diesen Tagen der Unsicherheit verrät: Als nächste Ausstellung werden sie einen riesengroßen Banksy zeigen. Sie haben das zwei mal vier Meter große Gemälde - Öl auf Leinwand - vor Kurzem für ihre Sammlung erworben. "Are you using that chair?" ist eine subversive Allegorie auf Edward Hoppers berühmtes Bild "Nighthawks" - Banksy lässt einen britischen Hooligan mit einem Plastikstuhl die Scheibe des Restaurants einschlagen. Der Eröffnungstermin steht noch nicht fest, "das hängt jetzt alles von den Entwicklungen der nächsten Wochen ab."

Das größte Projekt, das Utz mit ihrem Team gerade entwickelt, ist aber die Umwandlung des ehemaligen Gesundheitshauses an der Dachauer Straße. Schon mit der Zwischennutzung des früheren Tengelmann-Hauses in Laim, das sie mit Ausstellungen, Konzerten, Live-Paintings bespielten, haben die Utz' der Urban Art in München einen kreativen Impuls verschafft. Das Kunstlabor im Gesundheitshaus wird noch größer werden und mindestens fünf Jahre lang bestehen. Stephanie und Christian Utz finanzieren alle Projekte privat, tragen das volle Risiko, sie haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht.

Stephanie Utz in ihrem Museum. Sie will mit ihren zahlreichen Projekten "Kunst dorthin bringen, wo sie nicht erwartet wird."

(Foto: Catherina Hess)

Street-Art gehört nicht ins Museum, hören sie gelegentlich. Viele Kunsthistoriker rümpfen immer noch die Nase über die Straßenkunst - auch wenn ein Banksy auf dem Kunstmarkt Millionen erzielt und Swoon, die mit bürgerlichem Namen Caledonia Curry heißt, längst im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt wird. Umgekehrt weigern sich manche Straßenkünstler, kommerziell zu arbeiten. Aber muss Street-Art wirklich illegal sein, um authentisch zu bleiben? Darf sie nur auf der Straße gezeigt werden? Verliert sie, wenn sie ein eigenes Museum erhält, ihre Aura?

"Man muss da unterscheiden", sagt Stephanie Utz. Street-Art nimmt meist Bezug auf einen ganz bestimmten Ort, an dem sie entsteht. "So ein Werk aus seinem Kontext zu entfernen, ist für uns ein No-Go. Wir würden nie etwas aus dem öffentlichen Raum abtragen und im MUCA ausstellen." Sie haben ihr Haus deshalb ganz bewusst Museum for Urban Art genannt. "Aber wir sind überzeugt, dass diese Kunst mehr Aufmerksamkeit verdient und ja, dass sie auch etwas kosten muss", sagt Utz. Dabei stellen sie keineswegs nur etablierte Künstler aus, sondern fördern gezielt auch lokale Vertreter der Szene wie Sebastian Wandl und das Künstler-Duo Layer Cake, die den Eingangsbereich des Museums gestaltet haben. "Wir wollen bewusst auch Kunst präsentieren, die anecken kann."

In Deutschland dominiert immer noch ein Schubladendenken - hohe Kunst hier, Straßenkunst dort. Genauso wie bei E- oder U-Musik. Andererseits leiden klassische Kulturinstitutionen unter der Überalterung ihres Publikums. Aber wie kriegt man junge Leute ins Museum? "Wir wollen mit unseren Projekten Hürden abbauen und auch die nächste Generation für Kunst begeistern", sagt Stephanie Utz.

Für sie selbst sei die intensive Zusammenarbeit mit Künstlern jedes Mal ein Geschenk, sagt die 41-Jährige und geht die Treppe hoch. Drei Wochen hat Swoon an ihrer Installation in München gearbeitet. "Es ist, als ob ich für diese Zeit Teil ihrer Geschichte werde", sagt Utz.

Die Ausstellung ist derzeit nur online zu besichtigen (muca.eu).

(Foto: Catherina Hess)

Vom Obergeschoß hat man einen Blick in den Hof. An der gegenüberliegenden Fassade der Stadtwerke prangt ein haushohes Gemälde des Mexikaners Said Dokins. "Das ist eines der größten Murals in München. Die Symbolik geht auf ein aztekisches Amulett zurück", sagt Utz und lächelt. "Es soll das Haus mit Kraft, Energie und guten Wünschen beladen." Das können sie jetzt wahrlich brauchen.

Stephanie Utz ist in Haidhausen aufgewachsen. "Das war damals noch ein Glasscherbenviertel", sagt sie, "ich empfand es als multikulturell und lebendig." Als Jugendliche ging sie oft ins "Jacky O" im Arabellapark oder in die amerikanischen Kasernen im Fasanengarten. "Wir wechselten jedes Mal ein paar Mark Taschengeld in Dollar und fanden einfach alles toll, was aus den Staaten kam." Vor allem die Hip-Hop- und Skater-Szene.

München ist nicht New York, klar, "aber meine Heimatstadt war in der Street-Art ganz vorne dabei", sagt Stephanie Utz mit einem Anflug von Stolz. Denn in einer Frühlingsnacht 1985 hatten sich ein paar Jugendliche auf der Suche nach dem ultimativen Kick aufs Abstellgleis des Bahnhofs Geltendorf geschlichen und einen ganzen S-Bahn-Zug von vorne bis hinten mit Graffiti besprüht. Der erste Wholetrain war geboren. Für den Münchner Schüler Matthias Köhler setzte es eine drastische Geldstrafe - zehn Jahre später war "Loomit" berühmt.

Wenn Stephanie Utz heute joggen geht, auf ihrer Lieblingsstrecke vom Lehel die Isar entlang hinauf zum Friedensengel, "dann mache ich immer an der wunderbaren Galerie in der Fußgänger-Unterführung Halt, die von Loomit kuratiert wird." Die Motive inspirierten sie jedes Mal aufs Neue, sagt sie.

Nach dem Abitur und einer Lehre zur Werbekauffrau arbeitete sie damals in einer großen Agentur, war viel unterwegs. Studierte schließlich noch Betriebswirtschaft, und ging für einen großen Konzern einige Zeit nach New York. Die Liebe zur Straßenkunst blieb, ja, sie wuchs. Und wo kann man ihr besser frönen als in Brooklyn oder Harlem?

Auch die Fassaden in der Hotterstraße sind mit Street Art gestaltet.

(Foto: Catherina Hess)

Als Stephanie Utz 2003 ihren Mann kennengelernte, war sofort klar: Es ist eine gemeinsame Leidenschaft. Christian Utz sammelte da schon lange privat Street-Art, gemeinsam haben sie fortan auf vielen Reisen um die ganze Welt Künstler besucht, Freundschaften geschlossen. Inzwischen ist ihr Netzwerk so groß, dass sie weit mehr zeigen könnten, als in ihr Museum passt.

In den kommenden Monaten steckt Stephanie Utz ihr ganzes Herzblut in das neue Kunstlabor. Manche ältere Münchner kennen das ehemalige Gesundheitshaus an der Dachauer Straße 90 noch vom Blutspenden. "Es ist ein richtiges Amtsgebäude, mit langen Fluren und engen Stuben", sagt Utz. Sie ließen es von einem Statiker begutachten und wollen in diesen Tagen damit beginnen, Wände einzureißen, um Raum zu schaffen. "Ich hoffe, wir können wie geplant weitermachen."

Wenn im Spätsommer eröffnet wird, sollen sich auf 15 000 Quadratmetern mehr als 300 Künstler austoben können. Es wird Ateliers geben, ein Kinderreich, Werkstätten, Räume für Videokunst, Installationen, Konzerte und Live-Paintings, und natürlich eine Gastronomie. "Es geht darum, Kunst dorthin zu bringen, wo sie nicht erwartet wird", sagt Utz. Sie wünscht sich, dass Leerstände mehr geöffnet werden für Kulturschaffende. "München ist nicht nur Wiesn und Viktualienmarkt, auch wenn ich beides sehr zu schätzen weiß. Doch in einer Großstadt sollte es auch um die Frage gehen: What's next?"

Das Gesundheitshaus ist finanziell an das Museum gekoppelt. "So eine Investition rechnet sich nur über eine Laufzeit von mehreren Jahren", sagt Utz, die Betriebswirtin, "das Museum ermöglicht das Kunstlabor, anders geht es nicht." Es ist ein Risiko, "aber je länger man sich mit der Kunst beschäftigt, desto mehr entrückt man ja der anderen Welt." Die Leidenschaft überwiegt, sie stärkt die Seele, auch in schwierigen Zeiten.

Stephanie Utz hat jetzt ohnehin keine Zeit, Trübsal zu blasen. Der kleine Sohn will bespaßt werden, weil die Kita geschlossen ist, Gespräche mit Künstlern, Handwerkern, Sponsoren, der Stadt stehen an. "Wir halten an unseren Plänen fest, alles andere wäre fatal", sagt Utz. Es hängen so viele Menschen an dem Projekt.

Sie setzt sich jetzt aber öfter als sonst einfach mal in die leere Ausstellungshalle. "Ich brauche das." Es stecken so viele Geschichten in diesen Bildern. Fröhliche und traurige. "Je öfter ich sie betrachte, desto lebendiger werden sie", sagt sie. Es ist ein Gespräch über Zeiten und Kontinente hinweg. Das gibt Trost.

© SZ vom 25.03.2020
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