Kolumne: After Eight Der Fan im Schafspelz

Stoisch statt euphorisch: Das Münchner Konzertpublikum ist für Künstler eine ziemliche Zumutung. Es pfeift und buht gerne - oder steht da wie eine träge Schafherde.

Von Beate Wild

"Am Schlimmsten ist das Münchner Publikum: Hat überhaupt keine Ahnung, aber jubelt kritiklos jeden Schmarrn zu einem einmaligen Erlebnis hoch."

Am Samstag im Funkhaus wurde er ausgebuht, am Sonntag bei seinem Konzert im Backstage bejubelt: Peter Doherty wird sich über das Münchner Publikum wundern - zu Recht!

(Foto: Foto: ddp)

Dieser Satz kommt ihnen irgendwie bekannt vor? Richtig, diese messerscharfe Kritik äußert Hans Böttner-Salm, jener Musikkritiker, den der Monaco Franze in der gleichnamigen TV-Serie nach einer Aufführung der Oper Walküre um eine Einschätzung der Darbietung bittet.

Die Worte des Kritikers kommen dieser Tage unwillkürlich in den Sinn. Wir hatten nämlich das Vergnügen, in den vergangenen Wochen einige Popkonzerte in unserer schönen Stadt zu besuchen. Und wir müssen feststellen, die berühmte Aussage von Böttner-Salm stimmt: Am Schlimmsten ist das Münchner Publikum.

Allerdings verhält es sich mit der verehrten Zuhörerschaft heute genau anders herum als beim Monaco Franze. Sie jubelt nicht ahnungslos jeden Schmarrn hoch, sondern ist gnadenlos ignorant und macht Künstler auch gerne mal - verdient oder unverdient - herunter.

Der Skandal der Woche war natürlich Peter Doherty. Der Brite, der immer wieder mit seinen Alkohol- und Drogenexzessen Aufmerksamkeit erregt, wurde im Funkhaus des Bayerischen Rundfunks ausgebuht und niedergepfiffen, als er auf die Bühne kam. Das Publikum wollte lieber die angekündigte Band Kettcar sehen, als den gestrauchelten Poeten mit der Gitarre. Gut, es stimmt natürlich, Doherty hätte als Reaktion auf die Pfiffe nicht das Deutschlandlied anstimmen sollen.

Das war ein grober Faux-pas, keine Frage. Doch die Buhrufe fanden bereits vor dem Eklat statt.

Das Publikum reagierte provinziell. Auch, wenn man eigentlich auf eine andere Band wartet, schafft man es, eine halbe Stunde länger auszuharren und einem Überraschungsgast eine Chance zu geben. Dohertys dumme Einlage war für das Publikum dann natürlich eine Steilvorlage.

Auch abseits von diesem Eklat nervt das Münchner Publikum gehörig in letzter Zeit. Bei Marilyn Manson in der Tonhalle etwa standen die ach so lässigen Hardrock-Fans wie Schafe auf der Weide herum und schauten unbeteiligt nach vorne. Manson war sicher nicht in Höchstform an diesem Abend.

Doch was uns wirklich wundert: Warum gehen die angeblichen Fans auf sein Konzert und bezahlen dafür auch noch 42 Euro, wenn sie sich nicht für seine Musik interessieren? Am Ende des Auftritts wurde nicht einmal geklatscht, niemand forderte eine Zugabe. Für einen Künstler kommt das einem totalen Desaster gleich.

Wer solche Fans hat, braucht keine Feinde mehr. Von seinem Publikum kann ein Musiker doch erwarten, dass es ihn anfeuert. Künstler brauchen support. Sie wollen Applaus und Unterstützung. Echte Fans tanzen, kreischen, schreien, klatschen und können gar nicht genug kriegen von ihrem Idol. Doch da haben sich die Musiker mit dem Münchner Publikum wohl verrechnet.

Lesen Sie auf Seite 2, warum manchen Konzertbesuchern die U-Bahn wichtiger ist als die Band auf der Bühne.