bedeckt München 11°

Kälteschutzprogramm für Obdachlose:Ein warmer Platz für die Nacht

Obdachlos vor der Bank

Ein Mann schläft in München auf der Straße: Um Obdachlose vor dem Erfrieren zu bewahren, hat die Stadt das Kälteschutzprogramm gestartet.

(Foto: dapd)

Temperaturen unter null Grad: Mit einem Kälteschutzprogramm will die Stadt Obdachlose vor dem Erfrierungstod retten - doch die Quartiere reichen kaum aus. Die Not zahlreicher Flüchtlinge aus Ost- und Südeuropa verschärft die Lage.

Von Sven Loerzer

Wegen der winterlichen Wetterverhältnisse mit Nachttemperaturen unter null Grad suchen immer mehr Süd- und Osteuropäer, die bisher auf der Straße lebten, in München Schutz. Rund 150 Menschen, die eigentlich keinen Anspruch auf Sozialleistungen und ein Quartier haben, bringt die Stadt derzeit bereits im Rahmen eines vor kurzem beschlossenen Kälteschutzprogramms über Nacht in der Bayernkaserne und in einem Wohnheim unter.

Anton Auer, als Bereichsleiter des Evangelischen Hilfswerks (EHW) dafür zuständig, befürchtet, das die Unterbringungskapazitäten schon Ende Dezember erschöpft sein könnten. In enger Zusammenarbeit mit dem Wohnungsamt will sich das Hilfswerk deshalb um zusätzliche Ressourcen kümmern: "Wir wollen alles tun, damit niemand auf der Straße bleiben muss."

Seit dem 1. Dezember nutzt die Stadt ein angemietetes Gebäude der ehemaligen Bayernkaserne als Quartier für Obdachlose. In der Nacht der Eröffnung erhielten dort 14 Menschen ein Dach über dem Kopf. Am vergangenen Wochenende, in der Nacht zum Montag, schliefen dort bereits 65 Männer und neun Frauen. Weitere 65 Personen brachte die Stadt in einem Wohnheim in der Untersbergstraße unter, wo noch bis 20. Dezember Kälteschutzplätze angemietet sind.

Von da an soll die Bayernkaserne dann ihre 170 Schlafplätze voll belegen können. Belegt sind nach Angaben von Sozialreferatssprecher Andreas Danassy auch 13 Notschlafplätze bei der Heilsarmee und vier Plätze im Frauenschutzraum. Somit seien bei gleichbleibendem Bedarf noch etwa 30 Plätze im Kälteschutzprogramm frei. Als letzte Notlösung will die Stadt den Bunker unter dem Hauptbahnhof nutzen. Nahezu voll belegt sind auch die Unterkünfte für Wohnungslose, die Anspruch auf eine Unterbringung haben, mit etwa 3100 Personen. "Wir haben keine Überkapazitäten", betont Danassy. "Es reicht gerade so aus."

Nur über Nacht ein Quartier

Das Kälteschutzprogramm, mit dem die Stadt Menschen ohne Anspruch auf Hilfe vor dem Erfrierungstod bewahren will, bietet nur über Nacht ein Quartier. Die Notschlafstelle ist in Frostnächten von 17 Uhr bis 9 Uhr am nächsten Tag geöffnet. Neben einem Wachdienst und einer Reinigungsfirma organisiert das EHW, eine Tochterfirma der Inneren Mission, dort im Auftrag der Stadt einen Sozialen Beratungsdienst für Menschen mit Migrationshintergrund.

Zwei in Teilzeit tätige Sozialpädagoginnen - eine von beiden spricht bulgarisch - erhalten dazu gerade das nötige Rüstzeug, eine weitere Kraft sucht das EHW noch dringend, möglichst mit Migrationshintergrund und osteuropäischen Sprachkenntnissen, wie Auer betont. Der spezialisierte Beratungsdienst soll sich ganzjährig um die Menschen kümmern, die der Armut und auch Diskriminierung in ihrer Heimat zu entkommen versuchen. In der Praxis heißt dies wohl oft, ihnen deutlich zu machen, dass sie auch hier mangels Berufsausbildung kaum Perspektiven haben. Sie können dann eine Rückfahrkarte erhalten.

Angesichts der Wetterprognosen mit Minusgraden bis hinein in den zweistelligen Bereich hat gestern das Wohnungsamt bestimmt, dass die Bayernkaserne auf jeden Fall bis zum Montag, 17. Dezember, nachts geöffnet bleibt. Die sogenannte Noteinweisung erfolgt über die Zentrale Wohnungslosenhilfe des Sozialreferats und außerhalb der Geschäftszeiten durch die Bahnhofsmission. Zusätzlich sind die Streetworker der EHW-Teestube "komm" unterwegs, um die Menschen von der Straße zu holen - abends, wie auch am frühen Morgen. So brach etwa am Montag um 4.30 Uhr das Team Süd auf, um Menschen an ihren Schlafplätzen zu erreichen, die dann zur Arbeit gehen.

Neben den Experten der Wohnungslosenhilfe ist auch der Verein "Golden Donkey" tätig, der mit seinem Projekt "Münchner Kältebus" völlig eigene Wege geht und über Facebook zu Hilfe aufruft. Ehrenamtliche Helfer verteilen nachts heiße Getränke, Brotzeiten und warme Schlafsäcke. Nach Angaben von Koordinator Tobias Irl betreut das Projekt derzeit 80 bis 90 Obdachlose.

© SZ vom 11.12.2012/afis
Zur SZ-Startseite