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Geplantes islamisches Zentrum:Ein Platz in der Mitte

Es gilt als wegweisendes Projekt: das geplante Zentrum für Islam in Europa München. Rechtspopulistische Islamgegner haben in den vergangenen Monaten gegen das Projekt Stimmung gemacht, Politiker aller Fraktionen dagegen setzen sich dafür ein. Doch die Realisierung ist weiter offen.

Die Hintergründe des Projekts von Katja Riedel

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Geplantes islamisches Zentrum:Das Vorbild

Islamische Gemeinde Penzberg

Quelle: Manfred Neubauer

Es gilt als wegweisendes Projekt: das geplante Zentrum für Islam in Europa München, genannt Ziem. Rechtspopulistische Islamgegner haben in den vergangenen Monaten gegen das Projekt Stimmung gemacht, Politiker aller Fraktionen dagegen setzen sich dafür ein. Doch die Realisierung ist weiter offen.

Tiefblau färbt sich das Licht, das durch große Fenster in den Gebetsraum der Penzberger Moschee fällt. Es ist ein transparentes Gebäude, sagt Imam Benjamin Idriz. Und das soll es sein: Ein Ort, an dem diejenigen ein religiöses Zuhause finden, die in Deutschland ihre Heimat haben und einen Islam suchen, der ihrer modernen, europäischen Lebenswelt entspricht. Und zugleich ein Ort, der sich der Umgebung nicht verschließt. Seit 2005 steht das Gebäude, das vor allem örtliche Handwerker errichtet haben, nahe dem Penzberger Zentrum - und damit bewusst in der Mitte der Gesellschaft. Die ist jederzeit eingeladen in Idriz' Gemeinde. Auch Deutschkurse finden dort statt, im Gemeinderaum trainierte schon ein Taekwondo-Club, die IHK mietet den Raum für Meisterkurse. Weil die islamischen Mitbürger sich nicht abschotten sollen, biete man den Gemeindemitgliedern bewusst keine eigenen Sportvereine, Jugend- oder Frauengruppen. Sie sollen sich in Penzberg ins Vereinsleben und die Jugendhilfe integrieren. Weil Idriz' Gemeinde nicht nur viel Besuch von Politikern bekommt, sondern auch von Gläubigen, die aus München anreisen, entstand der Wunsch, auch in der Landeshauptstadt eine Plattform für den religiösen und interkulturellen Dialog zu schaffen - eine jüngere, aber am Ende größere Schwester der Penzberger Gemeinde.

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Geplantes islamisches Zentrum:Die Initiatoren

Benjamin Idriz in Moschee in Penzberg, 2012

Quelle: Manfred Neubauer

Der gebürtige Mazedonier Benjamin Idriz (Foto) ist seit 1995 Imam der Islamischen Gemeinde Penzberg. Idriz spricht Türkisch, Albanisch, Bosnisch, Mazedonisch und Deutsch. Der Titel seines bisher bekanntesten Buches "Grüß Gott, Herr Imam - Eine Religion ist angekommen" ist sinnbildlich für sein Verständnis von Islam. In der islamischen Gemeinde gilt Idriz als fortschrittlich; manchem geht er mit seinen Reformideen viel zu weit. Der Bayerische Verfassungsschutz dagegen hatte Idriz und die Penzberger Gemeinde im August 2007 ins Visier genommen. Sein Name und das Zentrum Penzberg tauchten in den Verfassungsschutzberichten 2007, 2008, 2009 und 2010 auf. Das Zentrum und der Imam standen in Verdacht, mit der islamistischen Organisation Milli Görüs in Verbindung zu stehen. Die Grundlage des Verdachts lieferte ein abgehörtes Telefonat. Idriz hat die Vorwürfe stets bestritten. Das Bayerische Innenministerium hat die Vorwürfe nie zurückgenommen. Im Verfassungsschutzbericht werden Penzberg und Idriz aber inzwischen nicht mehr erwähnt.

In Penzberg wie beim Projekt Ziem arbeitet die Religionspädagogin Gönül Yerli eng mit Idriz zusammen. Sie ist gemeinsam mit dem Münchner Orientalisten Stefan Jakob Wimmer stellvertretende Vorsitzende des Vereins Ziem. Yerli ist wie Idriz davon überzeugt, dass die Diaspora die Möglichkeit biete, den Islam zu reformieren und der Lebenswirklichkeit der Menschen anzupassen. Yerli ist in der Türkei geboren und in Bayern aufgewachsen. Wimmer ist gebürtiger Münchner und arbeitet in der Orientabteilung der bayerischen Staatsbibliothek. Zudem ist er Privatdozent und Lehrbeauftragter an der LMU. Er studierte und lebte in Jerusalem. Im Verein "Freunde Abrahams", den er vor elf Jahren mitgegründet hat, engagiert er sich für den interreligiösen Dialog. So lernte er auch die Penzberger Gemeinde und Idriz kennen. "Ich habe in meinem Leben Erscheinungsformen von Islam kennengelernt, die ich in München nicht haben möchte. In Penzberg dachte ich aber: Genau das ist es, zeitgemäß und glaubwürdig", sagt Wimmer. Er treibt seitdem das Projekt Ziem mit voran. "Nicht wegen oder trotz eines bestimmten Glaubens. Sondern weil ich Münchner bin."

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Geplantes islamisches Zentrum:Die Vision

Areal an der Herzog-Wilhelm-Straße in München, 2011

Quelle: Robert Haas

Der Verein Ziem will "ein Angebot für ein konstruktives Miteinander in München" liefern. "Eine Plattform, auf der sich Menschen ohne Vorbehalte begegnen", sagt Benjamin Idriz. Nicht nur der Islam nehme Elemente des Europäischen auf, auch der Islam könne zeitliche Epochen in Europa mitprägen, sagt Gönül Yerli. Der Islam solle sich als in Deutschland und München verankerte Religionsgemeinschaft zeigen, fordert Imam Idriz. Geplant sind neben einer Moschee, die sich am europäischen Baustil orientiert, eine islamische Akademie, ein Museum und weitere Räume, die vermietet werden könnten, um den laufenden Betrieb zu finanzieren. Die Akademie ist Idriz als intellektuelles Zentrum besonders wichtig. Denn hier sollen sich nicht nur künftige Theologiestudenten auf ihre Ausbildung an den neuen deutschen Islam-Lehrstühlen vorbereiten, sondern hier soll später auch wirklicher theologischer Austausch zwischen den Islamwissenschaftlern stattfinden. Aus diesem Austausch, auch aus der Übersetzung bisher nur auf Arabisch erhältlicher Schriften, ergäben sich Diskussionen - und Reformen, hoffen die Initiatoren.

Foto: An der Herzog-Wilhelm-Straße und der Josephspitalstraße könnte das Zentrum für Islam in Europa entstehen.

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Geplantes islamisches Zentrum:Die Gegner

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Quelle: Stephan Rumpf

"Die einzigen, die bisher Öffentlichkeitsarbeit machen, sind die islamfeindlichen Hetzer", sagt Stefan Wimmer sarkastisch. Vor allem der ehemalige CSU-Mann Michael Stürzenberger, Landesvorsitzender der Partei "Die Freiheit", tritt als Sprachrohr der Islamgegner in München auf. Derzeit sammeln diese Unterschriften für ein Bürgerbegehren gegen die Moschee. Am 10. November rief die ausländerfeindliche Gruppierung "Pro Deutschland" zum öffentlichen Protest gegen das Ziem auf. Zahlenmäßig hielt sich die Gruppe der Anti-Islam-Aktivisten aber in Grenzen. Lediglich ein kleines Häufchen Ziem-Gegner ging auf die Straße - und stand dort etwa 1500 Gegendemonstranten gegenüber, die dem Aufruf eines breiten Bündnisses aller etablierten Parteien und Religionsgemeinschaften für das Ziem gefolgt waren. Umstritten ist das Ziem-Projekt allerdings auch innerhalb der muslimischen Community.

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Geplantes islamisches Zentrum:Die Unterstützer

Stadtratssitzung in München, 2012

Quelle: Carmen Wolf

Für Stefan Wimmer war die Demonstration der Ziem-Befürworter eine "Zeitenwende". Dass Islamhass von einer ebenso breiten Masse abgelehnt werde wie Antisemitismus, habe er lange nicht zu hoffen gewagt. Zu den Unterstützern gehören im Münchner Stadtrat (Foto) alle etablierten Parteien - auch die CSU und ihr Oberbürgermeisterkandidat Josef Schmid. Der Ältestenrat der Stadt unterstütze das Projekt und wisse es bei Imam Benjamin Idriz in guten Händen, sagt Oberbürgermeister Christian Ude (SPD). Obwohl sich auch auf Landesebene die CSU inzwischen nicht mehr ablehnend gegen das Ziem äußert, war die Haltung dort aufgrund des Verdachts der Verfassungsschützer lange skeptisch. Etwa 30 Personen und Verbände gehören derzeit zu dem Kreis, der das Ziem vorantreibt, auch mächtige türkische Verbände, die viele Mitglieder haben, stünden nun mit ihm im Gespräch, sagt Idriz. Einzelpersonen, die an einer Mitgliedschaft in der Initiative interessiert sind, werden derzeit noch auf Listen gesammelt. Gerade wird beraten, ob diese schon bald auch dem Verein Ziem beitreten dürfen.

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Geplantes islamisches Zentrum:Die Zukunft

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Quelle: AP

Die konkrete Planung des Ziem-Baus liegt derzeit auf Eis. Ob das Ziem auf einem Grundstück am Stachus oder in der Nähe des Goethe-Instituts an der Dachauer Straße gebaut werden soll und wie das Haus baulich gestaltet werden könnte - diese Fragen sollen erst erörtert werden, wenn die Finanzierung steht. Die Ziem-Macher hegen Sympathien für den Architekten der Penzberger Moschee, Alen Jasarevic. Doch entscheiden müsste dies wohl ein Wettbewerb. Umsetzen lässt sich das Projekt nur, wenn es den Machern gelingt, einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag an Spende zu sammeln - aus der islamische Welt, aber auch von deutschen Firmen. Als wichtiger Geldgeber ist der Emir von Katar, Hamad bin Khalifa al-Thani (Foto), im Gespräch, ob die in Aussicht gestellte Spende aber kommt, ist unsicher. Doch selbst wenn aus dem Projekt nichts würde, sagt Wimmer, "das, was wir bis jetzt schon durch die Gespräche über Ziem an Effektivem erreicht haben, ist absolut beispiellos".

© SZ vom 28.11.2012/afis
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