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Intendant Frank Baumbauer:Keinen Schmusekurs fahren

SZ: Der "Othello" war eine bewusste Setzung. Als Kontrast zu den großen Shakespeare-Abenden unter Dorn sollte es wieder ein Shakespeare sein, jedoch in einer radikal anderen Erzählweise und Ästhetik. Eine Provokation?

Baumbauer:Ganz bestimmt nicht, dafür würde ich im Leben kein Theater missbrauchen. Viele Menschen fühlten sich jedoch dadurch provoziert. Ich bin heute noch der gelebten Überzeugung, dass wir so genau wie möglich an diesen "Othello" rangegangen sind. Aber das kenne ich schon aus Basel und Hamburg: Wenn man die Gewohnheiten ein bisschen aufbricht, gilt man gleich als Radikalinski.

SZ: Man hat Ihnen nicht nur diesen Othello um die Ohren gehauen, auch mit anderen Inszenierungen sind Sie angefeindet worden. Haben Sie die Münchner falsch eingeschätzt?

Baumbauer:Dass es schwer werden würde, war mir klar, deswegen habe ich die Aufgabe auch angenommen. Ich kannte ja die Kammerspiele von Jugend an als Ort eines neuen literarischen Theaters. Später war ich überrascht, dass sich so wenig weiterentwickelt hat und nur das, was schon sehr gut war, perfektioniert wurde. Deshalb empfand ich meinen Job hier als Aufgabe, ja förmlich als Auftrag. Um das hier so weiterzubetreiben, hätte ich nicht kommen müssen. Aber, aufrichtig gesagt, in der Breite, in der Kraft des Theaters waren wir am Anfang noch nicht da, wo wir hin wollten.

SZ: Die Baustellen-Situation war bekannt. Was dann unverhofft hinzukam, war Dieter Dorns Wechsel ans Bayerische Staatsschauspiel, der mit viel Mediengetöse und Kalkül verbunden war. Wie stark hat Sie das noch mal auf die Probe gestellt?

Baumbauer: Ich hatte meine Intendanz ein Jahr lang mit den Münchner Schauspielern von Herrn Dorn vorbereitet und viele gute Gespräche geführt. Als bekannt wurde, dass Dorn ans Resi geht, war ich drei, vier Tage irritiert. So etwas hat man in der jüngeren deutschen Theatergeschichte ja noch nicht erlebt. Dann brach aber mein Kampfgeist durch, und mir wurde klar, dass das eigentlich eine irre Chance ist.

SZ:Und worin bestand diese Chance?

Baumbauer: Die Chance, dass ich in ein Haus komme, das nicht möbliert ist und keine Untermieter hat. Ich hatte zwar fast ein Jahr lang in die falsche Richtung gearbeitet, aber ich konnte dann richtig neu anfangen. Das war überhaupt die Gelegenheit! Und für die Münchner fand ich es spannend, wenn die beiden großen Theater am Ort so unterschiedliche Positionen haben.

SZ: Wie hat sich das Verhältnis zum Nachbarn auf der anderen Seite der Maximilianstraße entwickelt?

Baumbauer: Ist einfach kein Thema. Mit Jürgen Flimm am Thalia Theater Hamburg war das anders. Mit ihm konnte man sich fetzen. Der hat das, was wir am Hamburger Schauspielhaus gemacht haben, als totales Schmuddeltheater empfunden und uns als "die da hinterm Hauptbahnhof" geschmäht - aber es gab trotzdem eine große Kollegialität.

SZ: Sie haben von Ihrem Kampfgeist gesprochen. Als Sie hier anfingen, waren Sie nicht unbedingt konziliant gegenüber dem Publikum. Sie wollten "Ihr Theater" durchsetzen - auch gegenüber dem, was vorher war.

Baumbauer: Es war nicht eine Setzung gegen das, was vorher war. So bin ich nicht. Entscheidend war: die Identität, mit der man arbeitet, nicht aufzugeben, auch wenn es einen mal richtig reinbeutelt. Und es war ja in den ersten drei Jahren trotz einiger wunderbarer Aufführungen nicht einfach - da galt es, jetzt nicht anzufangen, einen Schmusekurs zu fahren, das war mir das Wichtigste.

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