Geburten in München:Geburtshaus eröffnet im Westend - und löst Abtreibungspraxis ab

Geburten in München: Dass sich so viele Hebammen um die Geburtswanne in einem der frisch renovierten Bäder scharen, das gibt es nur bei der Eröffnung.

Dass sich so viele Hebammen um die Geburtswanne in einem der frisch renovierten Bäder scharen, das gibt es nur bei der Eröffnung.

(Foto: Catherina Hess)
  • Das Geburtshaus München ist im Westend in einer Praxis untergekommen, in der bis vor wenigen Monaten eine Abtreibungsklinik war.
  • Ärzte gibt es hier nicht, die Hebammen betreuen nur unkomplizierte Schwangerschaften. Sie wollen werdenden Müttern eine Alternative zur Klinik bieten.

Von Victoria Michalczak

Schummriges Licht füllt den Raum. Kerzenschein fällt auf die lilafarbenen Wände und Vorhänge und auf die Ikea-Möbel im neuen Geburtsraum. Ein großes Bett steht da, mit einer Matratze auf dem Boden davor, dazu eine Wickelkommode. "Hier geht es ins Badezimmer", erklärt die Hebamme Alexandra Sieger stolz, und eine Gruppe mit Sektgläsern in der Hand folgt ihr in einen frisch gefliesten Raum mit einer Dusche und einer großen Gebärwanne.

Gemütlich sind die neuen Räume des Geburtshauses im Westend geworden, hell und modern. Das Haus ist komplett renoviert, neue Wände wurden eingezogen, neue Bäder eingebaut. Das zeigen die Hebammen jetzt am Tag der Eröffnungsfeier. Die Stimmung ist heiter.

Nichts erinnert mehr daran, dass hier bis vor wenigen Monaten Geburten nicht durchgeführt, sondern verhindert wurden. Mehr als zwanzig Jahre lang war in diesem Haus die Abtreibungsklinik von Friedrich Stapf untergebracht. "Deutschlands bekanntester Abtreibungsarzt" hieß er in den Medien. Dass das Geburtshaus ausgerechnet hier einzog, war purer Zufall, erzählt Hebamme und Geschäftsführerin Susanne Braun. Die Abtreibungsklinik und das Geburtshaus beschäftigten denselben Wäschelieferanten. Der wusste, dass die Hebammen umziehen mussten, und gab ihnen den Tipp, dass Stapfs Klinik verlegt werden würde. Das Haus im Westend gefiel den Geburtshelferinnen auf Anhieb.

"Irgendwie passt es ja auch", findet Susanne Braun und nippt lächelnd an ihrem Sektglas. "Es ist doch eine schöne Ablösung. Das ist schön, dass jetzt hier Kinder auf die Welt kommen", findet sie. "Klar, jemanden wie den Herrn Stapf braucht es auch", setzt sie nach. "Er war hier drin. Jetzt sind wir drin", stellt sie pragmatisch fest und lächelt wieder. Ihre Kolleginnen nicken zustimmend. Alle sind ganz begeistert von den frisch renovierten Räumen, die noch nach frischer Farbe riechen.

Anderthalb Jahre lang waren die Hebammen des Geburtshauses auf der Suche nach einem neuen Standort in München. Der alte Mietvertrag in der Nymphenburger Straße lief bald aus, außerdem wünschten sich die Mitarbeiter mehr Platz: Gebärende mussten damals noch über den Flur zur Toilette, die auch die Besucher von Kursen nutzten. Viele Frauen standen auf der Warteliste, zehn Schwangere musste das Geburtshaus pro Monat abweisen. Das neue Haus in der Fäustlestraße bietet statt 175 nun großzügige 320 Quadratmeter Platz. Statt zwei Geburtszimmern gibt es drei. Und jede Frau hat ihre eigene Toilette.

Die Warteliste ist lang

Die Räume, in denen Kurse stattfinden, sind jetzt im Obergeschoss untergebracht, die Geburtsräume im Erdgeschoss und die Handwerker zogen schalldichte Wände ein. Zu den bisherigen zehn Geburtshelferinnen sollen bis zum Ende des Jahres fünf weitere hinzukommen. So können mehr als 300 Geburten im Jahr betreut werden.

Geburten in München: Das Haus ist komplett renoviert. Auch neue, schalldichte Wände wurden eingezogen - damit die Nachbarn von den Geburten möglichst wenig mitbekommen.

Das Haus ist komplett renoviert. Auch neue, schalldichte Wände wurden eingezogen - damit die Nachbarn von den Geburten möglichst wenig mitbekommen.

(Foto: Catherina Hess)

Auch das Kursangebot wird erweitert, um Kurse für frühkindliche Förderung, Erste Hilfe für Neugeborene und Hypnobirthing, also Entspannungstechniken für eine sanftere Geburt. Finanziert haben die Hebammen den Umzug, indem sie alle einen Kredit aufnahmen. Außerdem bekommt der Verein zur Förderung der selbstbestimmten Geburt einen Zuschuss von der Stadt über 200 000 Euro.

Betreut werden nur unkomplizierte Schwangerschaften

Das Geburtshaus München gibt es seit 1994. Seitdem können dort Frauen ihre Kinder zur Welt bringen, die das lieber nicht in einem Krankenhaus tun wollen. In Krankenhäusern müsse sich eine Hebamme oft um mehrere Entbindungen gleichzeitig kümmern, erzählt Susanne Braun. Nicht so im Geburtshaus. Das schätzen viele Frauen, so wie die häusliche Atmosphäre. Allerdings werden nur Gesunde mit einer unkomplizierten Schwangerschaft im Geburtshaus betreut, denn es sind keine Ärzte vor Ort.

Schmerzmittel und Kaiserschnitte gibt es nur in der Klinik, in die Gebärende aber im Notfall noch verlegt werden können. "Das Schmerzmittel sind wir", meint Susanne Braun, "indem wir die Frauen bestärken, aus eigener Kraft ein Kind gebären zu können". Zwar haben nach dem Umzug im Westend schon die ersten Nachbarn die Polizei gerufen, weil sie stundenlanges Wimmern und Schreien aus einem gekippten Innenhoffenster hörten, aber die wissen jetzt Bescheid: Kind und Mutter sind wohlauf. Und zum Glück sind die neuen Wände ja schalldicht.

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