Zutraulich und clever Ungewöhnlicher Patient

Naturschutzwächterin Regina Beibl aus Moosburg kümmert sich um ein Biber-Baby. Der kleine Flori ist mittlerweile über den Berg - ein Hund hatte ihn böse zugerichtet

Von Gudrun Regelein

- Vorsichtig hebt Regina Beibl die rosafarbene Babydecke von dem Unterschlupf und holt behutsam das Biber-Baby heraus. Das ist erst etwas verwundert, aus dem Schlaf gerissen zu werden, stromert aber bald vergnügt durch sein großes Gehege, das unter einem Schatten spendenden Maulbeerbaum steht. Flori, so heißt der junge Biber, geht es wieder ganz gut: "Er ist über den Berg", sagt Regina Beibl, seine Ziehmutter.

Anfang Juli fanden Passanten das schwer verletzte Biber-Baby an der Moosach in Freising. Es hatte tiefe Bisswunden von einem Hund. Die alarmierte Feuerwehr verständigte Beibl, die schon seit vielen Jahren Naturschutzwächterin ist. "Wir mussten uns entscheiden: ihn töten oder zurück in die Moosach werfen, aber das hätte auch seinen sicheren Tod bedeutet. Oder ihn mitnehmen und versuchen, ihn aufzupäppeln", erzählt Beibl, die das Biber-Baby dann nach einem ersten Tierarztbesuch mit nach Hause nahm. Zu Beginn sah es nicht sonderlich gut aus - die ersten Tage waren hart: Flori, der tiefe, schon eitrige Bisswunden am Rücken und der Hüfte hatte, wollte kaum fressen. Regina Beibl verknetete Haferflocken in Sahne und formte daraus kleine Stangen, an denen der damals nur 2700 Gramm schwere Biber knabberte. Und bot ihm immer wieder das Fläschchen an, bestehend aus einer Mischung aus Sahne, Kondensmilch und Bio-Vollmilch. "Das war damals ein unglaublicher Stress", erinnert sich Beibl. Auch, da Flori jeden Tag zum Tierarzt musste. Mittlerweile, nach mehreren Wochen in Pflege, hat sich der kleine Biber erholt: Etwa drei Kilogramm wiegt er inzwischen, akzeptiert das Fläschchen, knabbert munter an den angebotenen Karotten, Äpfeln und an den Maulbeerbaum-Ästen, die ihm seine Ziehmutter ins Gehege gesteckt hat. Immer wieder setzt sich der Kleine aufrecht hin und putzt sich mit seinen für den Körper noch überproportional groß erscheinenden Vorderpfoten das Fell oder spaziert durch den großen Wassernapf, der in seinem Gehege steht. "Flori ist schon sehr zutraulich geworden. Und er lernt unglaublich schnell", schwärmt Beibl. Im Keller hat sie für ihn extra eine Box mit Wärmeleuchte hergerichtet - in die kommt er, wenn sie, die Polizistin, zum Dienst muss. Innen im Haus liegt für ihn eine Flordecke bereit, in die er sich gerne einkuschelt. Und dann gibt es noch die "Schmusestunden" mit seiner Ziehmutter: "Flori krabbelt auf meinen Bauch und vergräbt seinen Kopf unter meiner Achselhöhle. Er sucht den Körperkontakt", erzählt sie.

Der kleine Biber ist ihr ans Herz gewachsen. Das merkt man auch daran, wie sie von ihm erzählt. Flori ist nicht ihr erster Schützling, schon häufig hatte sie andere Tiere in Pflege - Katzen mit abgerissenem Schwanz oder verletzte Igel. "Ich stolpere immer über die Viecherl und nehme sie mit", sagt Beibl, sie kann nicht anders. Tiere und Naturthemen haben sie schon immer interessiert - und als sie dann vor zehn Jahren ihre dreiwöchige Ausbildung als Naturschutzwächterin absolviert hatte, wusste sie: "Da fühle ich mich wohl." Seitdem macht sie das mit großer Begeisterung und Befriedigung. Jetzt gilt es erst einmal, Flori hochzupäppeln und dann einen geeigneten Lebensraum zu finden.

Denn zurück in die Natur könne er nicht mehr, dafür sei er zu zutraulich, er könnte dort nicht überleben. Er werde zwar kein Haustier, aber er verliere zunehmend seine Scheu, erzählt Beibl. Optimal wäre es, wenn er irgendwann mit einem anderen Biber zusammenleben könnte. Einfach wird das aber nicht, denn das müsste dann ein Biber sein, der ein ähnliches Schicksal wie Flori erlebt hat. Fälle wie ihn gebe es leider immer wieder, erzählt Beibl. "Der Biber ist unbeliebt - gerade auch unter den Landwirten." Was sie nicht versteht, denn "er würde in der Natur viel reparieren, wenn er nur dürfte".

Die Naturschutzwächterin zumindest ist von seiner "positiven Wirkung" überzeugt. "Er kann uns vor Hochwasser schützen, sogar gratis." Die gemeinsame Zeit mit ihrem kleinen Hausgenossen will Beibl noch genießen, auch wenn es anstrengend ist. Oft sitzt sie am Abend gemeinsam mit Nachbarn auf einer Bank vor dem Gehege des kleinen Bibers: "Wir sitzen dann einfach da und beobachten ihn."