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Vorsichtsmaßnahmen:Mit gewaschenen Händen auf die Baustelle

Auf dem Bau sinkt die ´Corona-Disziplin"

Auf dem Bau herrscht Teamwork, nur selten kann ein Bauarbeiter Abstand halten zum Kollegen. Die Unternehmen im Landkreis verweisen auf zahlreiche Vorsichtsmaßnahmen. Und darauf, dass im Freien gearbeitet wird.

(Foto: Patrick Seeger/dpa)

Die Gewerkschaft IG Bau warnt davor, dass die Branche die Virusgefahr nicht ernst genug nimmt. Unternehmer im Landkreis widersprechen jedoch und verweisen auf zahlreiche Maßnahmen. Infektionsfälle sind nicht bekannt

Von Philipp Schmitt, Erding

Es gibt kaum schweißtreibendere Arbeitsplätze als die auf dem Bau. Zwar blieb die Branche seit dem Ausbruch des Coronavirus von einem wirtschaftlichen Niedergang weitgehend verschont; leichter wurde die Arbeit auf dem Bau unterdessen aber auch nicht. Abstand zum Kollegen zu halten und eine Masken zu tragen, sind schwer umzusetzende Forderungen. Die Industriegewerkschaft Bau mahnt jetzt in einer Pressemitteilung zur Vorsicht: Aus Sicht des Bezirksvorsitzenden Michael Müller lässt die Corona-Disziplin auf Baustellen auch im Landkreis Erding nach. Die Zahl der bayernweit gemeldeten Verstöße gegen Schutzregeln steige. Bauunternehmer in Erding betonten jedoch, dass sie die Regeln einhielten, wenngleich gerade die Abstandsregeln nicht immer zu hundert Prozent umzusetzen sei. Doch sie treffen auf andere Weise dafür Vorsorge, dass sich ihre Mitarbeiter nicht anstecken. Und tatsächlich gibt es keine Hinweise auf Ansteckungen oder gar Infektionsketten im Bauwesen.

Die Gewerkschaft hat eigenen Angaben zufolge auf einigen Baustellen festgestellt, dass es keine Möglichkeit zum Händewaschen und kein Desinfektionsmittel gab, Sicherheitsabstände seien nicht eingehalten, Masken nicht getragen worden: "Viele Firmen nehmen die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus offenbar nicht mehr ernst genug", teilte dazu der Bezirksverband Oberbayern der IG Bauen-Agrar-Umwelt mit, doch damit stößt die IG Bau auf Gegenwehr: Gefahren würden durchaus weiter ernst und nicht auf die leichte Schulter genommen, Sicherheits- und Hygieneregeln möglichst eingehalten, hieß es. "Ich kann nicht für alle sprechen, aber wir als Firma nehmen die Gefahr nach wie vor ernst. Oft ist es aber schwierig, alle Regeln hundertprozentig auf der Baustelle umzusetzen und immer den Abstand von 1,50 Meter zu kontrollieren", sagte Ludwig Mayr vom gleichnamigen Bauunternehmen. Er habe auf den Baustellen einiges verändert: Ein zusätzliches Fahrzeug wurde gekauft, um Mitarbeiter sicher zu den Baustellen zu bringen.

Auch neue Sanitär-Container zum Händewaschen und reichlich Desinfektionsmittel stellt Mayr zur Verfügung: "Wir tun das Möglichste, um Infektionen zu vermeiden." Bislang sei ihm kein Corona-Fall auf den Baustellen in der Region bekannt. "Wir wissen aber, dass die Gefahren noch lange nicht vorbei sind." Trotz der Corona-Pandemie sei die Baubranche in der Region nicht aus dem Tritt geraten. "Für uns ist die Corona-Krise zwar da, aber wir spüren sie in der Arbeit nicht, weil es bislang dadurch keine Einbußen gab", sagte Mayr.

Einen wirtschaftlichen Dämpfer habe es nicht gegeben, Ansteckungen seien nicht bekannt. Möglicherweise ein Grund dafür, dass einige Bauunternehmen die Infektionsgefahr inzwischen unterschätzen, wie die Gewerkschaft vermutet. Im Gewerkschaftsbüro in München sind demnach einige Verstöße gegen Abstands- und Hygieneregeln gemeldet worden: "Viele Baufirmen nehmen die Ansteckungsgefahr auf die leichte Schulter und kehren zum alten Trott zurück, was fatal ist", sagte der Bezirksvorsitzende Müller dazu. Auf manchen Baustellen hätten Bauarbeiter nicht einmal die Chance, sich die Hände zu waschen und zu desinfizieren. Die Mitarbeiter müssten eng zusammengedrängt im Bauwagen frühstücken und ihre Pausen machen: Müller sagte, ihm sei klar, dass Schutzmaßnahmen die Firmen Geld kosteten. Doch sie seien notwendig. Die Beschäftigten engagierten sich mit "voller Leistung", dafür verdienten sie "vollen Gesundheitsschutz". Das sehen aber auch die Unternehmer so.

Bei Grasser-Bau wird das Thema Christine Huber zufolge ernst genommen, Abstands- und Hygieneregeln werden beachtet. Damit in den Baucontainern kein Andrang herrscht, machten Mitarbeiter zu unterschiedlichen Zeiten Mittagspause. Auch Desinfektionsmittel und zusätzliche Wasch- und Toilettenwagen werden zur Verfügung gestellt: "Wir haben ein Interesse daran, dass die Schutzmaßnahmen eingehalten werden." Bislang habe es keine Corona-Fälle gegen. Die Mitarbeiter seien feinfühlig und achteten darauf, die Regeln einzuhalten, um gesund zu bleiben. Und so läuft das auch beim Bauunternehmen K. Wolfbauer GmbH aus Isen: "Unsere Mitarbeiter müssen sich an die Regeln halten", sagte Andreas Wolfbauer. "Wir haben Hygiene- und Warmwasserstationen auf jeder Baustelle, mit Seifen und Papierhandtüchern", teilte der Geschäftsführer mit. Wo der Mindestabstand unterschritten wird, seien Masken zu tragen: "Wir nehmen das ernst wie die meisten anderen Baufirmen im Landkreis." Das Unternehmen sei sicherheitszertifiziert, "die Leute setzen die Leitlinien auf der Baustelle um". Der Vorteil des Baugewerbes sei, dass im Freien und mit Handschuhen gearbeitet werde und vielleicht deshalb Infektionszahlen so niedrig seien: "Wir haben hoch qualifiziertes Personal, super Leute, die gesund bleiben wollen und deshalb Regeln einhalten", sagte Wolfbauer.

Die Gewerkschaft appelliert derweil an alle Bauunternehmer, nicht am Arbeitsschutz der Beschäftigten zu sparen. Das Virus könne auf Baustellen "überall" lauern, im Baucontainer oder auch im Sammeltransporter.

© SZ vom 14.08.2020

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