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Volkshochschule Erding:Vorbildliche Nachhilfe

Abiturvorbereitungsseminar in  Waldkraiburg, 2014

Hilfe können viele Schüler gebrauchen, bis hinaus zu den Abiturienten. Das Konzept der Volkshochschule Erding setzt auf Individualiserung und findet Nachahmer.

(Foto: Stephan Rumpf)

Das Konzept der Schülerförderung der VHS gilt bayernweit als Best Practice-Beispiel. Das Onlinekursangebot wurde im Frühjahr erprobt und ist bereit für den zweiten Lockdown

Von Konstantin Daum, Erding

Jürgen Ettenauer hat bei der Volkshochschule Erding (VHS) etwas Besonderes geschaffen. Der Leiter der VHS-Schülerförderung hat ein Konzept entwickelt, das bayernweit als Vorbild gilt. Das Besondere daran ist der individualisierte Ansatz der Förderung. Dieser beinhaltet, dass Lerngruppen nie mehr als fünf Teilnehmer haben und keine Jahrgangsstufen oder Fächer zusammengelegt werden.

Zu Ettenauers Erfolgsrezept gehören aber natürlich auch die richtige Dozenten. Um die Lehrkräfte für sein Konzept zu finden, setzt er auf ein sehr eigenes Auswahlverfahren. Ettenauers Kriterien sind ziemlich subjektiv: Die Dozenten für seine erfolgreiche Schülerförderung müssen "unverkleidet kommen" und "sie müssen meinen Bauchtest überstehen". Was das genau bedeutet, weiß nur er. Doch da Wichtigste ist, dass die Dozenten "die Schüler erreichen können", sagt Ettenauer. Für ihn ist Erfahrung im Umgang mit Menschen wichtiger als die fachliche Kompetenz der Nachhilfe-Lehrkräfte. "Sie müssen sich auf die Bedürfnisse der Teilnehmer einstellen können." Daraus ergibt sich bei er VHS Erding schließlich ein bunter Mix aus Quereinsteigern, Rentnern und Studierenden. Die Dozenten müssen sich außerdem selbst gut einschätzen können. Jeder halte nur die Kurse, die er sich zutraue.

Dieser Ansatz, sagt Ettenauer, mache schon fast sein ganzes Konzept aus. Wichtig sei bei der VHS Erding, dass man keine Fächer und Jahrgangsstufen mische und die Lerngruppen nie groß sind. Die Gruppen werden grundsätzlich auf fünf Teilnehmer begrenzt. Auf Wunsch gibt es auch Einzelunterricht. Die Individualisierung der Lernförderung sei sehr wichtig, denn dadurch könne man neben dem Lernstoff auch darauf achten, dass die Teilnehmer ihre eigenen Schwächen erkennen und so "vermeide ich eine fachliche Druckbetankung", sagt Ettenauer.

Das Angebot der VHS Erding ist sehr umfangreich. Es reicht von Nachhilfe für Schüler der sechsten Klasse Realschule in Englisch, Mathematik und Deutsch bis hin zum Förderunterricht für die 13. Klasse der Fachoberschule in den Fächern Mathematik, Englisch, Physik sowie Betriebswirtschaftslehre und Rechnungswesen. Ist einmal die gewünschte Jahrgangsstufe oder das gesuchte Fach nicht im Katalog, werden auf Anfrage entsprechende Kurse eingerichtet.

Normalerweise finden pro Nachhilfekurs sechs Termine mit einer Dauer von 60 Minuten statt. Aber auch das kann auf Wunsch angepasst werden. Die Skripte, Bilder oder Folien bekommen die Schülerinnen und Schüler ausgehändigt, so "können sie sich auf das Mitdenken und Verstehen konzentrieren", sagt Ettenauer.

Beim bayerischen Schulsystem sieht er noch Optimierungsbedarf. "Per se ist es nicht schlecht", sagt er, aber unter anderem gäbe es beim Übertritt Verbesserungsbedarf. Lehrer, Eltern und Schüler im vierten Schuljahr müssten vom Übertritts-Stress befreit werden. Vielen Eltern sei nicht bewusst, dass der Weg zum Abitur auch über die Mittel- und Fachoberschule führen kann. Aus dem schlechten Image der Mittelschulen entstünde zudem ein unguter gesellschaftlicher Druck: Gute Mittelschüler würden auf die Realschule geschickt, seien aber dort überfordert. Das Gleiche gelte für eigentlich gute Realschüler, die aufs Gymnasium kämen. Um mithalten zu können, müssen die Schüler dann zusätzlich gefördert werden. Daraus ergebe sich für ihn der hohe Bedarf seines Nachhilfe-Angebots.

Sollten die Schulen wie im Frühjahr wieder schließen müssen, sei die VHS-Schülerförderung vorbereitet. Das Onlineformat der Kurse wurde schon im Frühjahr erfolgreich umgesetzt. Für Eltern gibt es neuerdings eigene Kurse, in denen sie ihre Mathematikkenntnisse auffrischen können. Man habe dabei auf Anfrage der Eltern reagiert. Was sich dennoch noch nicht in der Buchung der Kurse widerspiegele, sagt Ettenauer. Erst als die Schulen im Frühjahr schließen mussten, hätten sie angefangen digitale Konten für Schüler und Lehrer einzurichten. Das erfuhr er bei einem Telefonat mit einem Administrator der Onlinelernplattform des Kultusministeriums Bayern. "Dass das dann nicht gleich reibungslos funktioniert hat, ist klar."

© SZ vom 02.11.2020

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