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Transparente Erinnerungskultur:Nachdenken über Denkmäler

Der Historiker Giulio Salvati zeigt mit einer zweiteiligen Dokumentation den mitunter schwierigen Umgang mit der Geschichte. Er will eine Diskussion anregen und hat dazu Kriegerverein und Heimatvertriebene in Erding befragt. Der Film ist nun online

Von Regina Bluhme, Erding

In den USA stürzen gerade reihenweise Heldenstatuen zu Boden. Nicht nur dort wird heftig um den Umgang mit Geschichte gerungen. Der Erdinger Historiker Giulio Salvati stellt in seinem neuen zweiteiligen Dokumentationsfilm klar, dass es auch im Landkreis Erding diskussionswürdige Denkmäler gibt. Die erste Teil der Doku ist ab Samstag, 1. August, auf dem städtischen Geschichtsportal www.erding.geschichte.de kostenlos zu sehen. Im Mittelpunkt stehen dabei das Kriegerdenkmal am Kleinen Platz und das Vertriebenendenkmal bei St. Paul in Erding. Giulio Salvati sieht den Film als "Appell für eine offene und transparente Erinnerungskultur".

Während seiner Studienzeit in Jena habe er im Rahmen eines Seminars zu "Stadtgeschichte im öffentlichen Raum" gelernt: "Denkmäler kann man befragen", erklärt Giulio Salvati. Seither interessiere ihn die Geschichte, die unsichtbar hinter jedem Denkmal stehe. Die Dokumentation mit dem Titel "Kontroverse Denkmäler? Der Erdinger Umgang mit der Vergangenheit" ist im Rahmen der fast zweijährigen Forschungstätigkeit Salvatis zum Thema "Erding im Nationalsozialismus und im Zweiten Weltkrieg" entstanden.

Kriegerdenkmal

"Kontroverse Denkmäler? Der Erdinger Umgang mit der Vergangenheit" heißt der zweiteilige Dokumentationsfilm von Giulio Salvati. Das Denkmal der Heimatvertriebenen kommt darin vor.

(Foto: Renate Schmidt)

Salvati beleuchtet in seinem Film die Geschichte vor allem zweier Denkmäler im Stadtgebiet von Erding. Dazu führte er ausführliche Gespräche mit Walter Rauscher vom Veteranen-, Krieger- und Reservistenverein Erding und mit Helmut Bungart von der Sudetendeutschen Landsmannschaft.

In einer Szene steht Walter Rauscher vor dem Kriegerdenkmal am Kleinen Platz. Er erzählt, dass es in seiner Familie Tradition sei, im Kriegerverein Mitglied zu sein. Die Kamera zoomt auf die Inschrift des Denkmals. Erinnert wird dort an die "im ruhmreichen Feldzuge 1870-71 für die Ehre des Vaterlands gefallenen Söhne der Stadt Erding". Diese Formulierung finde er dann doch "problematisch", sagt Salvati im Gespräch mit der SZ. Sicher, das Denkmal sei 1911 entstanden, "das war eine andere Zeit". Die Frage sei, ob man heute ",ruhmreich' hinnimmt oder nicht". Offensichtlich schon, denn das Denkmal ist gut gepflegt. Aber man könnte darüber nachdenken, den Text abzuändern oder eine zusätzliche Tafel mit einer historischen Einordnung anzubringen, so Salvati.

Auch Helmut Bungart von der Sudetendeutschen Landsmannschaft kommt in der Doku zu Wort. Er steht mit zwei älteren Mitgliedern vor dem Denkmal und erzählt, wie der Kreis immer kleiner werde. Der Inschrift des Vertriebenendenkmals in Erding ist dem Gedenken an die "lieben Toten" gewidmet. Es stammt von 1948 und ist laut Salvati weit weniger präsent als das Kriegerdenkmal. Die beiden Denkmäler zeigten durchaus auch einen gewissen Gegensatz. Das eine erzähle von "ruhmreichen" Tagen, das andere mahne eher vor den "nicht ganz so ruhmreichen" Seiten eines Kriegs.

Kriegerdenkmal

Der Film des Historikers Giulio Salvati ist ab dem 1. August zu sehen.

(Foto: Renate Schmidt)

Auf jeden Fall machten die Gespräche die Prozesse transparent, wie ein Denkmal überhaupt entstehe, wer den Aufbau finanziert und welche entscheidende Rolle Vereine dabei spielen. Das ist Giulio Salvati wichtig.

Darüber hinaus gewähre die Geschichte der Vereine "Einblicke in die Auseinandersetzungen um die Erdinger Gedenkkultur und um das schwierige Erbe, das der Nationalsozialismus hinterlassen hat". So wäre im Erdinger Stadtpark beinahe eine gigantomanische Anlage im Stil des Nürnberger Reichsparteitagsgeländes entstanden, die erst durch die Ankunft der US-Truppen verhindert wurde - auch das ist in der Doku zu erfahren.

Sein Dokumentarfilm spannt den Bogen bis heute und diskutiert die Rolle von Kriegsdenkmälern im 21. Jahrhundert. "Können sie zur Mahnung gereichen oder sind sie schlicht kriegsverherrlichend? Spielen Denkmäler im heutigen Zeitalter überhaupt noch ein Rolle? Und wenn ja, welche?" - diesen und anderen Fragen widme sich der Dokumentarfilm, sagt der Erdinger Historiker.

Giulio Salvati hat in Erding zuvor bereits mit Freiwilligen eine Datenbank aufgebaut, die Auskunft über circa 4000 Frauen, Männer und Kinder gibt, die unter Zwang ihre Heimat verlassen mussten, um hier in Fabriken und in der Landwirtschaft zu arbeiten. Salvati und sein Team haben etwa 1200 Betriebe und Höfe als Einsatzorte herausgefunden. Im Landkreis Erding war damit erstmals das Kapitel Zwangsarbeit während der NS-Zeit sichtbar gemacht worden. Auch hier wünschte sich Salvati, dass eine "offene Diskussionskultur" gefördert wird. Das Projekt vernetzt die historische Forschung auf lokaler, landesweiter und internationaler Ebene. Auf dem Internetportal erding-geschichte.de gibt es auch Links zu anderen Initiativen und Projekten.

Kriegerdenkmal

Auch das Kriegerdenkmal am Kleinen Platz in Erding ist im Film zu sehen.

(Foto: Renate Schmidt)

Wenn man so will, dann ist die von Salvati ins Leben gerufene Datenbank mit Namen, Arbeitgebern und Einsatzorten der Zwangsarbeiter durchaus auch ein Denkmal, ein digitales.

© SZ vom 01.08.2020

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