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Steinkirchen:Geglückte Rettung

Schimmel und Holzwurm ade: Nach fünf Jahren ist die Sanierung des Kirchleins von Ebering abgeschlossen - und St. Martin hat wieder alle zehn Finger

Von Regina Bluhme, Steinkirchen

Endlich hat Sankt Martin wieder alle zehn Finger. Der mittlere an der linken Hand war verschwunden, abgebrochen oder vom Holzwurm zerfressen, so genau weiß das niemand. Der neue hellbraune Finger hebt sich von der blau behandschuhten Hand der Heiligenfigur ab und das soll auch so sein. Fast tausend Jahre Baugeschichte vereint die Filialkirche Ebering: Die Narben, die die Jahrhunderte geschlagen haben, sie sollen auch nach der kürzlich fertiggestellten Sanierung sichtbar bleiben. An diesem Sonntag wird Weihbischof Bernhard Haßlberger das kleine Gotteshaus wieder einweihen und der Öffentlichkeit zugänglich machen.

Als Sandra Bachmeier zum ersten Mal das Kirchlein betreten hat, fiel ihr sofort die besondere Atmosphäre auf, aber auch der schlechte Zustand: "Kalt, die Wände dunkelgrün, der Boden glitschig." So schildert es die Leiterin der Kirchenverwaltung des Pfarrverbands Holzland. Das Kirchlein, dessen Geschichte ins Jahr 1300 zurückreicht, war in einem gottserbärmlichen Zustand. In den Figuren und Altären wütete der Holzwurm, die Wände waren zum Teil grün verschimmelt, der Chorbogen musste mit einem Baugerüst gestützt werden, die Stufen zum Altar waren zerbröselt, Schnecken krochen über den Boden. Und nicht nur Sankt Martin war in einem desolaten Zustand, sondern auch der Heilige Laurentius, neben St. Stephan der Patron der Filialkirche.

"Bitte gleich wieder die Tür zumachen!", sagt Gertraud Deutinger zur Begrüßung, nachdem der Besuch die mächtige Eichentür aufgestemmt hat. Die Mesnerin von Ebering muss hier streng sein, damit die neue Belüftungsanlage auch richtig arbeiten kann. Schließlich soll sich nicht noch einmal Schimmel breitmachen. Deutinger bereitet gerade alles für den Gottesdienst am Sonntag vor und holt eine Kerze aus dem Sakristeischrank. Dieser stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Für Architekten, Restauratoren und Handwerker gab es viel zu tun. Das Dachtragwerk musst ertüchtigt werden, der Bodenbelag aus Solnhofer Kalksteingereinigt, zerbrochene Platten ersetzt werden. Alle Altäre, Figuren und Gemälde wurden gereinigt, gefestigt, retuschiert. Die Empore aus dem 14. Jahrhundert ist jetzt gesichert, "da hat sich vorher niemand raufgetraut, viel zu gefährlich", erklärt Gertraud Deutinger. Zusätzlich wurden sechs neue Bänke und ein neuer Ambo angeschafft. Auch der Glockenstuhl wurde saniert und erstmals erhielt das Eberinger Kirchlein einen Stromanschluss.

Erstrahlt in neuem Glanz: das orginal gotische Eingangsportal.

(Foto: Renate Schmidt)

"Die Vorgabe war: retten, was zu retten ist", erklärt Karin Kreutzarek, Architektin vom zuständigen Büro Rieger Lohmann Architekten. Das Ergebnis sollte "gepflegt, aber nicht poliert" aussehen. Es sollte zuerkennen sein, dass die Kirche alt ist, "in Würde alt geworden ist", so Kreutzarek. An den weißen Wänden strahlen jetzt zwölf neu aufgetragene farbige Weihekreuze. Unebenheiten im Putz, Risse an Figuren sind noch zu erkennen. An einzelnen Stellen sind Fragmente der ursprünglichen Bemalung offen gelegt - und somit ein Stück Geschichte. Auch für Karin Kreutzarek ist die Kirche etwas Besonderes. Knapp tausend Jahre Baugeschichte ließen sich hier ablesen. Sie verweist auf das zugesetzte, romanische Fenster und die ursprünglichen Gerüstlöcher, das gotische Weihekreuz über dem Eingang, die barocken Fensterumrahmungen.

Es trat auch Überraschendes zu Tage. Die Ornamente am Glockenturm, zum Beispiel, die jetzt wieder aufgetragen wurden. Oder die kleine goldene Krone, die keiner Figur passte und nach die längerer Suche dem Herz Jesu vom Hochaltar zugeordnet werden konnte. Oder ein Buchstabendreher in einem lateinischen Schriftzug, der berichtigt wurde.

Es kommt viel zusammen in Ebering: Die Backsteinfassade stammt aus der Zeit der Gotik. Der Hochaltar aus dem Jahr 1680, die verschiedenen Figuren und Gemälde aus unterschiedlichsten Epochen. Ungewöhnlich ist das Altarbild der Heiligen Familie mit Maria, Josef und einem heranwachsenden Jesus, die auf den Betrachter zuwandern. Eine Votivtafel aus dem Jahr 1860 verweist auf ein "Brünnlein" mit heilendem Wasser unterhalb des Kirchenhügels. Trotz der unterschiedlichen Epochen, füge sich alles harmonisch zusammen, inklusive den modernen Leuchten an der Decke, so Kreutzarek.

Goldtaler fand sich keiner mehr in dem Opferstock, immerhin aber ein Fünf-Mark-Stück.

(Foto: Renate Schmidt)

Besonders angetan hat es der Architektin die 600 oder sogar 700 Jahre alte hölzerne, verwitterte Eingangstür mit den mächtigen Beschlägen. Das Schloss mit dem beeindruckend großem Schlüssel funktioniereeinwandfrei. "Für mich strahlt diese Tür eine unheimliche Kraft aus", so Kreutzarek.

Ein Kraftakt war auch nötig für die Finanzierung. Die Gesamtkosten belaufen sich auf 780 000 Euro. Die Diözese München-Freising war erst etwas zögerlich, der Wendepunkt kam, als es zusätzlich Mittel aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes gab. Spenden und weitere Förderungen halfen mit, dass es 2016 losgehen konnte. Dass jetzt die Kirche wieder ein richtiges Schmuckstück ist, fühle sich an "wie ein Wunder", sagt Pfarrer Jacek Jamiolkowski. Nun soll das Kirchlein auch wieder mit Leben erfüllt werden, neben Gottesdiensten sollen Konzerte, Lesungen und Hochzeiten stattfinden.

Nur vom neuen Ambo ist Gertraud Deutinger nicht begeistert. Der Vorgänger mit dem geschwungenen Fuß habe ihr besser gefallen, nun steht er vorn beim Eingang. Sie ist zufrieden. Dort passe er gut hin. Wie so vieles hier im Eberinger Kirchlein nicht zusammengehört, aber zusammenpasst.

© SZ vom 10.07.2021
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