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Sport im Homeschooling:Träges Kind, träger Darm

Medizinball in einer Münchner Turnhalle, 2016

Auf Medizinbälle können Kinder vermutlich leichten Herzens verzichten, auf den gemeinsamen Sportunterricht nicht.

(Foto: Catherina Hess)

Die Schulen bemühen sich um Angebote für den Sportunterricht zuhause, er kann aber nur ein schwacher Ersatz sein

Von Eva Sager, Erding

Digitaler Unterricht schlägt den Kindern auf den Magen und auf die Verdauung, und dies im wörtlichen Sinn. Den Schülerinnen und Schüler im Homeoffice fehlt Bewegung. In normalen Zeiten gehen sie zur Schule, sie rennen in der Pause und sie turnen, laufen und kicken im Sportunterricht. Zu wenig Bewegung kann zu depressiven Stimmungen führen, einige nehmen zu. Der Erdinger Kinderarzt Wolfram Rohland zählt auch Darmbeschwerden zu den Folgen des Bewegungsmangels bei Kindern. Die Schulen bemühen sich um Angebote, Rohland rät trotzdem dazu, den Sportunterricht so bald wie möglich ins Freie zu verlegen.

Für viele Schülerinnen und Schüler auch im Landkreis Erding steht noch immer Fernlehre auf dem Stundenplan. Ob Mathematik, Deutsch oder Biologie, für manche Kinder findet der Unterricht weiterhin ganz oder zu Teilen online statt. Das Rahmenkonzept für den Distanzunterricht orientiert sich am Stundenplan des Präsenzunterrichts und umfasst damit auch das Fach Sport. Geturnt werden soll also zuhause. In der Erzbischöflichen Mädchenrealschule Heilig Blut in Erding zählen Challenges zu den Lieblingsübungen,so Schulleiter Josef Grundner. "Vor allem in Videokonferenzen wird Theorie und Praxis unterrichtet. Im Mittelpunkt stehen Meditation, Mobilisation. Unter anderem werden Videos bereitgestellt, zu denen dann Fragen beantwortet werden müssen. Außerdem haben die fünf Sportlehrerinnen auf einer bekannten Plattform einen Pool an Übungen bereitgestellt", sagt Schulleiter Josef Grundner.

Die Challenges, mit denen sich auch die Erdinger Realschülerinnen messen, wurden vom bayerischen Kultusministerium erdacht, sie orientieren sich an schulsportlichen Wettkämpfen. Das Ministerium hat eine "virtuelle Sporthalle" eingerichtet. Sie enthält unter anderem eine umfangreiche Link-Sammlung zu Bewegungsanregungen aus verschiedenen Sportarten, unter anderem mit prominenter Unterstützung wie Felix Neureuther, Malaika Mihambo oder Dominik Klein. Zusätzlich werde die "virtuelle Sporthalle" fortlaufend um Videoclips bayerischer Sportlehrkräfte erweitert, teilt dazu das Ministerium mit.

In der Grundschule am Grünen Markt in Erding setzt man auf fächerübergreifende Übungen. "Neulich haben die Kinder in Werken Jonglierbälle gebastelt, da haben sie das Material von der Werklehrerin über unsere Tauschboxen bekomme, und dann konnten sie damit auch Jonglieren. Ich denke, das haben sie gerne ausprobiert, das macht ja Spaß", sagt Rektorin Petra Borgolte. Dass die Schüler den Sportunterricht vermissen, darauf weist Andrea Bitterlich von der Schulleitung der Grundschule Langengeisling in Erding hin. "Die Kinder vermissen überhaupt das gemeinsame Zusammensein - das Singen, das miteinander Lernen, die Faschingsfeier. Wir Lehrer übrigens auch." Es helfe den Eltern schon sehr, wenn die Schule Vorschläge und Anreize zur Bewegung schicke. Deshalb sei Sport auch in diesen Zeiten wichtig. "Die Kinder dürfen auch immer wieder Materialien an der Schule holen und kommen mit Roller, Fahrrad oder zu Fuß."

Dass den Kindern die Bewegung fehlt, merkt auch der Erdinger Facharzt für Kinder und Jugendliche, Wolfram Rohland. "Der Bewegungsmangel bringt natürlich große Probleme mit sich. Unter anderem, und da denkt man vielleicht nicht sofort daran, bei der Darmtätigkeit." Wenn sich Kinder zu wenig bewegten, sei die Darmtätigkeit nicht entsprechend. Diese Probleme bemerke man sehr verstärkt im Lockdown. Daraus folge Übergewicht und "überhaupt eine gewisse mentale Depression, die sich dann einstellt, wenn sich Kinder zu wenig bewegen können". Er appelliert an Schulen und Lehrer, den Sportunterricht sobald als möglich aus dem Virtuellen ins Freie zu verlegen.

© SZ vom 18.02.2021
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