Mitten in der Region Narren gibt es überall

Mann mit roter Zipfelmütze: Kasperl oder Weihnachtsmann? Was Flüchtlingskinder nicht wissen können, wissen aber auch die anderen nicht unbedingt

Von Walter Gierlich

Kinder lernen in der Regel schneller als Erwachsene. Daher ist es kein Wunder, wenn der Nachwuchs aus Familien von Geflüchteten sich rasch fließend auf Deutsch unterhalten kann. Doch nicht nur mit der Sprache geht es geschwind voran, auch mit den für ihre Eltern oft absolut exotischen Bräuchen in der neuen Heimat schließen die Mädchen und Buben aus fernen Ländern in beinahe unheimlichem Tempo Bekanntschaft. Die Integration wird so sprichwörtlich zum Kinderspiel.

Vor dem Nikolaustag etwa wussten viele muslimische Kinder dank Kindergarten und Schule ganz genau, dass sie abends die Stiefel vor die Tür stellen mussten, wenn sie vom christlichen Heiligen beschenkt werden wollten. In der Faschingszeit drehen sich ihre Gespräche genauso wie bei den deutschen Klassenkameraden darum, in welcher Verkleidung man durch die närrischen Tage kommen wolle: als Prinzessin oder Geisha, als Cowboy oder Pirat.

Kürzlich nun zeigte sich eines Nachmittags, wie tief verwurzelt hiesige Traditionen bei Kindern aus beispielsweise Syrien oder Afghanistan bereits sind. Da kam in der Deutschhausaufgabe eines Mädchens ein Kasperl vor, erstaunlicherweise für sie ein unbekanntes Wesen. Der Erklärungsversuch, dass es sich dabei um einen Spaßmacher aus dem Puppentheater handle, stieß auf Stirnrunzeln. Nach längerem Nachdenken erklärte die Kleine, sie sei in der alten Heimat einmal mit Mama und Papa im Zirkus gewesen. Dort habe es auch einen Spaßmacher gegeben. In dem Moment kam allerdings die Freundin dazu und sagte nach einem Blick ins Schulbuch und auf das Bild des Possenreißers im Brustton der Überzeugung: Der mit der roten Zipfelmütze sei ja wohl kein Kasperl, das sei doch der Weihnachtsmann.