Mitten im Cafe Gefühlte Abgründe

Mit der Wahrnehmung ist das so eine Sache. Es gibt die eigene und die der anderen

Von ELENA WINTERHALTER

Es passiert ja immer wieder, dass Selbstbild und Fremdwahrnehmung stark voneinander abweichen. Man kennt das vom Nachrichtenschauen: Politiker finden ihre Aussagen, Taten und Versprechen generell meistens super. Wummmm! Der Boden tut sich auf, und man schaut in einen Abgrund. Auf der einen Seite steht man selbst mit seiner Wahrnehmung. Auf der anderen Seite der von sich und seinem Handeln überzeugte Staatsmensch, und man fragt sich kopfschüttelnd: Wie kann das sein?

Abgründe dieser Art tun sich auch im Alltag auf. Ja, sogar mitten in einer beschaulichen Kleinstadt. Zum Beispiel, wenn man in einem Café sitzt. Zu zweit an einem Tisch. Sagen wir, vor Person Nummer 1 steht ein leeres Glas Schorle, das die, weil Person 2 sich verspätet hat, schon mal bestellt und ausgetrunken hat. Beide haben sich lange nicht gesehen, also ein großes Hallo. Dann geht Person 1, also die mit der Schorle, auf die Toilette. In dieser Zeit kommt die Servicekraft, räumt das Glas weg und fragt Person 2 ob sie was trinken möchte. Die darauf entschuldigend: "Oh, das haben wir jetzt noch gar nicht überlegt." Wieder gemeinsam am Tisch vertagen die beiden die weitere Planung noch einmal, weil auch Person 2 schnell auf die Toilette muss.

Die Entscheidung wird ihnen unverhofft abgenommen, als die Servicekraft Person 2 auf dem Weg zurück zum Tisch aufklärt, dass die Toilette nur für Gäste des Cafés sei. Wummmm! Da ist er wieder. Der Abgrund. Der Einwand, dass sie ja da draußen am Tisch sitze und die Begleitung sogar schon etwas getrunken habe, verpufft irgendwie. "50 Cent kostet die Toilette für Nichtgäste." Und die Begleitung sei schließlich auch schon auf der Toilette gewesen. Ja nun, ein Klogang pro Getränk - klingt, sagen wir, konsequent. Also zahlt der Nichtgast irritiert 50 Cent, wobei er vergeblich darauf wartet, das Klirren der Münze auf dem Boden des Abgrunds zu hören.