Landwirtschaft in Erding:Den Bauern geht der Dünger aus

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Mehr Zeit für Umsetzung von Düngeregeln

Ein Landwirt bringt mit einem Streuer Stickstoff-Dünger auf einem Feld aus. Die Hersteller von Düngemittel haben die Produktion gedrosselt.

(Foto: Philipp Schulze/dpa)

Für Stickstoffdüngemittel benötigt man Erdgas als Rohstoff, und der ist teuer

Von Thomas Daller, Erding

Die Landwirte machen sich Sorgen um die Ernte des kommenden Jahres: Mineraldünger ist knapp und teuer. Der Preis für ein Kilo Stickstoff, der im Schnitt der vergangenen fünf Jahre bei 90 Cent gelegen hat, ist mittlerweile auf 2,10 bis 2,20 Euro netto angestiegen. Bei manchen Düngemitteln wie beispielsweise Kalkammonsalpeter hat sich der Preis sogar verdreifacht. Der Landhandel kauft nur noch vorsichtig bei den Herstellern ein, weil die Händler befürchten, auf dem teueren Dünger sitzen zu bleiben. Die Lager sind nur halb so voll wie sonst.

Für Stickstoffdüngemittel benötigt man Erdgas als Rohstoff. Bei rund 850 Grad wird aus Erdgas Wasserstoff gewonnen und unter Zugabe von Stickstoff wird unter Hochdruck Ammoniak erzeugt. Seit Mai ist aber der Preis für Erdgas am Spotmarkt von rund 22 Euro auf zeitweise über 100 Euro pro Megawattstunde geschossen. Und Erdgas macht üblicherweise etwa 80 Prozent der Herstellungskosten von Ammoniak aus.

Die Hersteller haben bereits ihre Produktion gedrosselt,unter anderem auch die SKW Stickstoffwerke Piesteritz, die Fabrik mit dem größten Energieverbrauch Deutschlands. Die Nachfrage ist eingebrochen, die Agrarhändler weigern sich, die Rekordpreise zu bezahlen.

Das gesamte Düngergeschäft für die 14 Betriebe der Raiffeisen Waren GmbH Erdinger Land hat Spartenleiter Sebastian Spagel inne. Der Preisanstieg hat nach seinen Beobachtungen im September dieses Jahres begonnen. Spagel sagte, neben dem Erdgaspreis gebe es noch einen zweiten Faktor: Die gestiegenen Preise für Lebensmittel. Große Länder wie China und Indien würden weniger Weizen importieren, der weltweit teuer geworden ist. Stattdessen würden sie mehr Dünger kaufen, um selbst mehr Weizen anbauen zu können.

Spagel musste auf die Situation reagieren und hat bisher nur 50 Prozent der Vorjahresmenge eingekauft: "Als Landhandel können wir das Risiko nicht tragen, mit Verlust zu verkaufen. Die Landwirte kaufen vorsichtig ein und fahren die Produktion zurück." Erdinger Land könne noch liefern, aber nur noch kleinere Mengen. Derzeit gehe er davon aus, dass die Landwirte ihr Düngerbudget der vergangenen Jahre beibehalten werden und dann einfach weniger streuen würden. Für die Landwirte ist die Situation fatal: Jetzt könnten sie aufgrund der gestiegenen Weizenpreise gutes Geld verdienen, aber durch die Düngerpreise geht diese Rechnung wieder nicht auf.

Spagel vermutet, dass sich der Düngerpreis wieder zurück entwickeln werde, wenn sich Europa und Russland bei der Erdgaspipeline Nordstream 2 einig werden und wieder deutlich mehr geliefert wird. Das sei jedoch eine politsche Spekulation, mit der die Landwirte nicht kalkulieren könnten, denn der erste Dünger müsse bereits in drei Monaten ausgestreut werden. Jakob Maier ist der Kreisobmann des Bauernverbandes Erding. Seine Sicht der Dinge deckt sich in vielen Aspekten mit der des Spartenleiters Spagel. Er gehe ebenfalls davon aus, dass sich die Landwirte nur noch mit der halben Menge an Mineraldünger eindecken würden. "Bei diesem hohen Preis kann man nicht auf volles Risiko gehen", sagte er. "Ich habe selbst auch noch keinen Mineraldünger geordert. Aber ich weiß nicht, ob das richtig war. Denn wenn ich mit dem Lagerhaus noch keinen Vertrag habe, kann es sein, dass ich leer ausgehe, wenn sie nicht in die Bevorratung gehen."

Maier sagte, Viehhaltungsbetriebe könnten einen Teil des Düngens damit kompensieren, dass sie Gülle ausbringen. Aber auch das habe seine Grenzen in der Düngemittelverordnung, die eine Höchstmenge vorschreibe. Wie sich der Düngermangel auf die Ernte des kommenden Jahres auswirke, darüber könne er nur spekulieren. Nur eines könne er mit Sicherheit sagen: "Die Erträge werden nicht steigen." Im Landkreis Erding habe man eigentlich ein hohes Niveau, was die Ernteerträge betreffe, nun habe man auch noch hohe Preise beim Getreide. "Die Abnehmer bieten auch schon Vorkontrakte an, aber jeder Landwirt muss nun genau kalkulieren, wie er die hohen Betriebsmittelpreise beim Dünger und beim Diesel ansetzt."

Auch Jakob Maier kann sich vorstellen, dass die extremen Düngerpreise wieder zurück gehen, wenn Nordstream 2 einmal läuft. Aber seines Erachtens werden sie nicht wieder das alte Niveau erreichen. Durch "Mitnahmeeffekte" würden sie teurer als zuvor bleiben. "Wir Landwirte müssen uns ohnehin darauf einstellen, dass energieintensive Düngemittel teurer werden, das hängt auch an der CO₂-Problematik."

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