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Landwirtschaft in Erding:Bauern bleiben auf Kartoffeln sitzen

Weil die Gastronomie kaum noch Pommes verkauft, ist die Nachfrage gering und die Preise sind im Keller. Ein Teil der Ernte wandert nun in Biogasanlagen und die Landwirte erhalten dabei 1,50 Euro für 100 Kilogramm

Von Michael Kienastl, Erding

Wenn Lebensmittel vernichtet werden statt gegessen, liegt etwas im Argen. In der Kartoffelbranche passiert momentan genau das. Tonnenweise müssen Landwirte ihre Produkte in die Biogasanlagen fahren, weil ein Großteil der Gastronomie wegen Corona als Abnehmer ausfällt. Vor allem für Verarbeitungskartoffeln, aus denen Abnehmer meist Pommes herstellen, sind die Preise deshalb stark gesunken. Das trifft besonders Gegenden wie den Erdinger Landkreis, in dem der Kartoffelanbau ein Schwerpunkt ist.

Johann Heilinger ist sauer. Vor vier Jahren hat er den Betrieb von seinem Vater übernommen. Auf 70 Hektar baut er Kartoffeln an und dieses Jahr war die Ernte überdurchschnittlich gut. "Ein guter Ertrag kann aber nicht retten, was ein schlechter Preis zerstört", sagt der Niederdinger. Vor einem Jahr hat er noch 15 Euro für 100 Kilo Verarbeitungskartoffeln bekommen. Derzeit sind es fünf.

In China, weltweit das größte Anbauland, ist der Markt coronabedingt eingebrochen - mit enormen Auswirkungen auf den Weltmarkt und die Preisentwicklung. Der aktuelle Preis decke nicht einmal die Kosten für Anbau und Lagerung, die bei circa 8,50 Euro liegen.

Konrad Zollner aus Eitting mit seinen Pommeskartoffeln.

(Foto: Renate Schmidt)

Während er zumindest 85 Prozent seiner Ware vertraglich abgesichert an zentrale Abnehmer wie den Kartoffelverarbeiter Aviko Deutschland GmbH in Rain am Lech verkaufen kann, findet er für die restlichen 15 Prozent, die sogenannte frei gehandelte Ware, keine Abnehmer. "Sie landet komplett in der Biogasanlage", sagt Heilinger. Auch von den Corona-Hilfen aus Bund und Land habe er bisher noch nichts erhalten.

Alleine in der Eittinger Biogasanlage werden derzeit 15 bis 20 Tonnen täglich vernichtet, so Konrad Zollner, Vorsitzender der bayerischen Kartoffelerzeuger: "Bei den Kartoffeln ist es eine Gratwanderung zwischen Lebensmittel und Müll". Johanns Vater Reinhold Heilinger nennt das ein "Riesendilemma", auch die Aussichten für das nächste Jahr "sind gar nicht schön". Viele Abnehmer würden bereits jetzt Verträge und Mengen für das nächste Jahr kürzen und die Verträge "kaputt machen". Gerade weil der Anbau wegen der Fruchtfolge eine längerfristige Planung erfordert, könne man darauf aber schlecht reagieren. Kartoffeln können nur alle drei bis vier Jahre an der gleichen Stelle angebaut werden.

Auch im Biobereich sind die Preise stark gesunken. Hier gibt es allerdings weniger Absatzschwierigkeiten als im konventionellen Bereich, da die Produkte meist direkt vermarktet werden, unter anderem in Hofläden und Supermärkten. Martin Reischl baut, ebenfalls in Niederding, auf zweieinhalb Hektar Biokartoffeln an. Vor zwei Jahren hat er den Betrieb übernommen und seitdem sukzessive auf ökologische Landwirtschaft umgestellt. Ein Teil wird noch konventionell produziert. Die Nachfrage nach biologisch hergestellten Kartoffeln sei stark gestiegen. "In diesen für viele entschleunigten Coronazeiten essen mehr Leute zuhause und haben ein größeres Interesse an bewusster Ernährung", stellt Reischl fest. Er sieht sich eher als Gewinner der Krise. Trotzdem macht der Preisdruck auch vor seinem Betrieb nicht halt. Im vergangenen Jahr bekam er noch 60 Euro für 100 Kilo, dieses Jahr sind es 35, so der Niederdinger. Dabei sei der finanzielle Aufwand ungefähr der doppelte wie bei konventionell produzierten Kartoffeln.

Die Ernte Zollners ist heuer gut ausgefallen, die Kartoffeln sind schön groß geworden, aber wegen Corona gibt es nun Absatzschwierigkeiten und einen Preisverfall.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Kartoffelbauern haben laut Zollner viel investiert in Kühllager und Keimhemmer, um die Haltbarkeit der schnell verderblichen Kartoffeln zu steigern und sie das ganze Jahr über anbieten zu können. Und auch die Anbauflächen wurden vergrößert. Viele würden nun aber den Anbau im nächsten Jahr wieder stark reduzieren, weil ihnen das Risiko zu hoch ist.

Im Landkreis Erding bauen derzeit 113 Betriebe auf 1496 Hektar Kartoffeln an, sagt Otto Roski. Die Bedeutung des Erdapfels für Erding ist mit jener des Hopfens für den Freisinger Landkreis vergleichbar, so der Leiter des Amts für Landwirtschaft in Erding. Die meisten Kartoffelbauern seien im Vollerwerb tätig und überdurchschnittlich stark betroffen.

Im Frühjahr noch konnte die Oberdinger Brennerei als Puffer dienen. Die 2013 stillgelegte Destillerie wurde im März zu Beginn der Coronakrise reaktiviert, um bei der Produktion von dringend benötigtem Desinfektionsmittel zu helfen. Auch aus den Kartoffeln der Heilingers wurde dadurch literweise Alkohol. Doch bereits fünf Wochen später wurde die Produktion wieder gestoppt, weil laut bayerischem Wirtschaftsministerium kein Bedarf mehr an den täglich circa 2000 Litern Alkohol aus Oberding bestand. "Für die war die Brennerei wahrscheinlich von vornherein nur eine Übergangslösung" meint Heilinger senior.

Neben Kartoffeln bauen die Heilingers Mais, Weizen und Rote Beete an. Auch bei letzterer sind die Abnehmerzahlen aus der Großgastronomie fast komplett eingebrochen. Trotzdem ist Heilinger junior froh, dass er mit 85 Prozent überdurchschnittlich viel Kartoffeln vertraglich abgesichert hat. In anderen Betrieben sei der Anteil der frei gehandelten Ware deutlich größer, so Heilinger. Sie fülle die Lager oder ist auf dem Weg in die nächste Biogasanlage, wo die Landwirte 1,50 Euro pro 100 Kilo bekommen.

© SZ vom 24.11.2020
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