Kitas im Landkreis Erding:"Die Luft wird dünner"

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Coronavirus - Berlin

Vor verschlossenen Türen müssen derzeit nur wenige Kita-Kinder stehen. Aber die Erzieher kommen langsam an ihr Limit.

(Foto: Annette Riedl/dpa)

Schon wieder eine neue Corona-Regel: Über Quarantäne entscheidet nicht mehr das Gesundheitsamt, sondern die Einrichtung selbst. Das kommt nicht überall gut an

Von Regina Bluhme, Erding

Vor kurzem hat es wieder einmal eine neue Vorschrift für die bayerischen Kindertageseinrichtungen gegeben: Wenn einzelne Kinder positiv getestet werden, muss nicht gleich eine ganze Gruppe geschlossen werden, sondern erst bei "einer Häufung der Fälle", wenn mindestens 20 Prozent der Kinder betroffen sind. Entscheiden sollen das im jeweiligen Fall die Erzieher oder Träger - und die sind verärgert oder verunsichert und ziemlich am Ende ihrer Kraft.

"Warum eigentlich 20 Prozent, warum nicht zehn? Wie kommt man auf diese Zahl?", das fragt sich Sabine Materna, Verwaltungsleiterin des Katholischen Kita-Verbunds Erding und damit zuständig für fünf Einrichtungen. Bisher hat das Gesundheitsreferat von Fall zu Fall entschieden, ob eine Kita-Gruppe nach einem Corona-Fall geschlossen wird. Seit Ende Anfang Februar gibt es feste Regeln, veröffentlich im Newsletter des bayerischen Familienministeriums: Wenn 20 Prozent der Kita-Kinder wegen einer Covid-Infektion die Einrichtung nicht besuchen, wird diese Gruppe für fünf Wochentage geschlossen. Die neue Regelung habe nicht zu mehr Sicherheit, sondern zu einem Gefühl der Unsicherheit geführt, sagt Materna. Wer wisse denn, wie viele Kinder nach einem positiven Coronafall in der Gruppe auch infiziert sind und weiter in die Gruppe kommen? "Man schickt die Pädagogen ins Feuer."

Zudem werde die Arbeit des Gesundheitsamts auf die ohnehin am Limit arbeitenden Einrichtungen abgewälzt, "eine Frechheit". Mit Blick auf den Gesundheitsschutz ihrer Mitarbeiter habe sie inzwischen Kontakt mit der Berufsgenossenschaft aufgenommen. Viele offene Fragen gäbe es noch zu klären, zum Beispiel welche Angebote es zum Beispiel für mögliche Long-Covid-Folgen gibt. Gerade in den letzten Tagen häuften sich die Erkrankungen der Mitarbeiter. "Sie fallen länger als sonst", habe sie festgestellt. Angesichts des ohnehin knappen Personals sei eine Entlastung nicht in Sicht. "Die Luft wird dünner."

Auch Sandra Liebold, Leiterin des Kindergartens Sonnenschein in Erding und Fachbereichsleitung Kinder bei der Arbeiterwohlfahrt, kritisiert die neue Regelung. "Der Weg ist für mich nicht der richtige", sagt sie. Ohnehin häufe sich die Bürokratie, jetzt müsse auch noch die Arbeit des Gesundheitsamts übernommen werden. "Wir sind pädagogisch gut geschult, aber wir sind keine Ärzte." Die Verantwortung werde auf die Erzieher und Träger abgegeben. Sie habe inzwischen das Gefühl, "wir werden einfach komplett geöffnet und durchseucht", während in anderen Bereichen, wie der Gastronomie, noch sehr strenge Kriterien angelegt würden. "Das fühlt sich nicht gut an. Aber wir schlagen uns irgendwie durch."

Gabriela Kemether, Geschäftsführerin der Kinderland Plus GmbH, die in den Landkreisen Erding und Ebersberg mehrere Einrichtungen betreut, sieht die größte Belastung in den letzten Tagen in der immer höheren Zahl der Erkrankungen beim Personal. Deshalb sei es auch hin und wieder nötig, Gruppen zusammen zu legen. Neben Personal und Kindern müsse man natürlich auch die Eltern im Blick haben. Bislang zeigten die Eltern gerade im Landkreis Erding sehr viel Verständnis für die verschiedenen Maßnahmen.

Sorgen bereiten Gabriela Kemether die Kinder. Innerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs musste sie feststellen, dass seit vergangenen September 40 Prozent mehr Kinder mit erhöhtem Förderbedarf in den Kitas sind, das reiche von Kindern mit einer körperlichen Behinderung bis Kindern mit ADHS oder einer Angststörung. Die Folgen von zwei Jahren Pandemie machten sich bemerkbar, "in den Köpfen der Kinder ist schon was passiert", auf das Personal kämen große Herausforderungen zu. Und dennoch: "Hut ab, wie unsere Pädagogen das bislang alles stemmen", sagt Gabriela Kemether. Es gelte, "mit Vernunft und Bedacht" weiterzumachen. Bislang sei es auch gelungen, die Vorschulkinder gut vorzubereiten. Auch Sandra Liebold ist froh, dass "die Vorschulkinder weiterhin gutes pädagogische Niveau haben". Im Moment sei dies leichter zu halten als im Jahr zuvor, als die Kitas drei Monate sehr eingeschränkt waren.

Ansonsten fahre man eben auf Sicht, erklärt Sabine Materna. Die Meldungen aus dem Ministerium würden sich mitunter fast überschlagen. Gerne erscheine eine Neuerung mal an einem Freitagnachmittag. "Wir arbeiten von Tag zu Tag", so Materna. Oder von Newsletter zu Newsletter.

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