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Islamunterricht auf Deutsch:Eine Hängepartie

Das Pilotprojekt läuft Ende Juli aus, und keiner weiß, wie es weitergeht. Im Landkreis sind 14 Schulen betroffen. Sie planen die Stunden fürs kommende Schuljahr jetzt erst mal ein

Von Regina Bluhme, Erding

Islamunterricht an der Hauptschule in Neumarkt,

Islamunterricht in deutscher Sprache und nach staatlich verordnetem Lehrplan findet im Landkreis an 14 Schulen statt.

(Foto: Peter Roggenthin)

14 Schulen im Landkreis nehmen an einem bayernweiten Modellversuch teil: Muslimische Schüler erhalten Islamunterricht - in deutscher Sprache und nach einem staatlichen Lehrplan. Das Pilotprojekt gilt als Erfolgsgeschichte, und doch steht das Pilotprojekt, das das bayerische Kultusministerium vor zehn Jahren gestartet hat, auf der Kippe. Ende Juli läuft es aus, und im Moment ist ungewiss, ob es weitergeht. Der neue bayerische Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) will erst noch eine Evaluation abwarten. In der Zwischenzeit hängen Schüler, Schulleiter und die Islamlehrer in der Luft.

Die Zitterpartie hält schon länger an, seit im April 2018 Piazolos Vorgänger Bernd Sibler (CSU) erklärt hatte, dass das bis 2019 befristete Projekt erst mal auslaufen und nicht weiter ausgebaut werden soll. Den Unterricht an den neun Grund- und fünf Mittelschulen im Landkreis teilt sich das Ehepaar Özlen und Levent Balci mit zwei weiteren Kollegen. Özlen Balci unterrichtet zum Beispiel an der Carl-Orff-Grundschule in Erding, Levent Balci ist unter anderem an der Mittelschule Erding tätig. In früheren Gesprächen haben sie gerne über ihre Arbeit erzählt. Aber jetzt will sich das Ehepaar öffentlich nicht äußern. Zu den Gründen schweigt Özlen Balci. Die Verunsicherung ist offenbar groß.

Sie wisse, dass momentan "viele Lehrer übervorsichtig sind", sagt Marion Bauer, die Leiterin des Schulamts Erding. Die Situation sei auch nicht einfach, weil die Islamlehrer nur befristete Verträge hätten, und diese enden am 31. Juli 2019. Ob und wie es dann weitergeht, das ist nun die Frage.

Marion Bauer, Leiterin des Schulamtes.

(Foto: Renate Schmidt)

"Wir schätzen die Arbeit der Islamlehrer sehr", erklärt Marion Bauer. Solange sie anderweitig nichts aus dem Ministerium höre, werde auch fürs kommende Schuljahr mit dem Pilotprojekt geplant. Meist beginne die Organisation des Stundenplans im Mai, und bis dahin, so ist Bauer sicher, werde schon eine Entscheidung gefallen sein. Sie gehe im Moment davon aus, dass das Modell weitergeführt werden kann. Das würde sich auch Stephan Treffler, Konrektor der Mittelschule Erding, wünschen. In Levent Balci habe die Schule "einen äußerst engagierten Lehrer", der sich sehr um die Zusammenarbeit bemühe. Er habe sogar schon einmal einen Fortbildung abgehalten an der Schule: Thema: das Frauenbild im Islam. Er würde es sehr bedauern, wenn der Unterricht gestrichen werden würde.

Auch der Rektor der Mittelschule Dorfen, Rainer Sonnleitner, betont: "Bisher hat alles sehr gut geklappt." An seiner Schule unterrichtet Ahmet Demirez. Der Islamunterricht in deutscher Sprache sei ein sinnvolles Angebot, auch die Religionslehrer untereinander hätten in Projekten gut zusammen gearbeitet.

Das Pilotprojekt war 2009 als Alternative zum Ethikunterricht auf den Weg gebracht worden. Der staatlich abgesegnete Lehrplan geht weit über einen Religionsunterricht hinaus. Er soll auch Wissen über das Grundgesetz und die bayerische Verfassung vermitteln und somit die Integration fördern. In der Praxis sieht das zum Beispiel so aus, dass muslimische Schüler an Erdinger Schulen nicht nur den Koran kennenlernen, sondern auch alles über das christliche Osterfest erfahren. Bayernweit nehmen aktuell etwa 16 000 Schüler an rund 350 Grund-, Mittel- und Realschulen, an Gymnasien oder beruflichen Schulen teil.

Marion Bauer

"Wir schätzen die Arbeit der Islamlehrer sehr."

Piazolo stehe einem "entsprechenden staatlichen Angebot" für muslimische Schüler "positiv gegenüber", schreibt indes die Pressestelle des bayerischen Kultusministeriums. Sie verweist darauf, dass "eine pädagogische Bewertung und eine wissenschaftliche Evaluation" erstellt werde. Insbesondere werde "zu bewerten sein, ob der Unterricht seine integrativen und wertebildenden Ziele erreicht". Dabei gibt es bereits eine Erhebung zu diesem Thema: 2014 wurden Schulleitungen, Lehrkräfte des Islamunterrichts, muslimische Schüler und deren Eltern an 72 Schulen befragt. Die Ergebnisse zeigten, so das Kultusministerium im März 2016, dass der Modellversuch "als sehr erfolgreich eingestuft werden kann und überwiegend positiv wahrgenommen wird".

Dass das offiziell als Erfolg eingestufte Modell wenig später auf der Kippe stehen würde, damit hatten weder die Schulen noch die Islamlehrer gerechnet. Die Aussagen von Bernd Sibler kamen damals für die teilnehmenden Schulen und Lehrer völlig überraschend. Levent Balci war jedenfalls recht ratlos, als ihn die SZ im April 2018 befragte. "Ich weiß auch nicht, was jetzt los ist."

© SZ vom 02.03.2019
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