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Inklusion in der Politik:Echte Chance

Cornelia Ermeier ist seit ihrem 13. Lebensjahr querschnittsgelähmt und Spitzenkandidatin des Grünen Ortsverbands für den Stadtrat Erding. Ihre Kandidatur soll auch ein Zeichen gelebter Inklusion sein

Kinder kennen keine Scheu. Sie fragen Cornelia Ermeier einfach, warum sie denn im Rollstuhl sitzt. Die Erdingerin antwortet dann immer: "Ich habe nicht aufgepasst und bin vom Fahrrad gefallen." Seit einem Unfall im Alter von 13 Jahren ist sie querschnittsgelähmt und auf ein künstliches Beatmungsgerät angewiesen. Die heute 50-Jährige ist neugierige Blicke gewohnt und geht offen damit um, ihre Stimme ist heiser und doch erzählt sie so lebendig und interessant, dass man ihr automatisch aufmerksam zuhört. Womöglich auch bald im Erdinger Stadtrat. Der Ortsverband der Grünen hat Ermeier auf Listenplatz Eins gesetzt. Sie will sich vor allem für Barrierefreiheit, Sozialen Wohnungsbau und Klimaschutz stark machen.

Cornelia Ermeier sitzt gerade am PC, dann steuert sie mithilfe eines kleinen grünen Balls vor ihrem Mund den Rollstuhl ins Wohnzimmer. Sie muss beatmet werden, ein Team von Fachkräften und Helfern sorgt für eine Betreuung rund um die Uhr. Und doch hat sie sich ihren Freiraum geschaffen, wohnt in den eigenen vier Wänden, arbeitet, schreibt und engagiert sich in mehreren Behindertenverbänden. Jetzt will sie in den Stadtrat. "Ich muss was tun", habe sie sich gedacht. "Und von den Zielen waren mir die Grünen am nächsten." Zum Beispiel bei den Themen Gleichberechtigung oder Umwelt- und Klimaschutz. Im Januar 2019 ist sie dem Ortsverband beigetreten und bald schon Beisitzerin geworden. "Ich mach nichts Halbes", betont die 50-jährige mit einem Lächeln, ihre Stimme ist sehr heiser, doch gut verständlich.

Mit 13 Jahren verunglückte Cornelia Ermeier mit dem Fahrrad. Seither ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Nun kandidiert sie für den Stadtrat.

(Foto: Renate Schmidt)

Negative Reaktionen auf ihre Kandidatur habe sie persönlich bisher nicht erfahren, sagt Cornelia Ermeier. Sie bemerke im Alltag durchaus eine gewisse Unsicherheit ihr gegenüber und sie könne das auch verstehen. "Ich konfrontiere die Leute mit dem Thema ,Behindertsein', damit beschäftigen sich nun mal niemand gern". Ihr gehe es ja manchmal auch so: "Was ich nicht kenne, das schaue ich erst mal bisschen blöd an", sie nehme das niemanden krumm, "ich lächle dann einfach zurück".

Beruflich steht sie ebenfalls vor einem Neustart. Lange hat sie bei einem Beatmungsgerätehersteller gearbeitet, jetzt wird sie bei einer Unternehmensberatung, der Gesellschaft für Arbeits- und Projektorganisation, im Bereich Online Marketing tätig sein. Sie werde zum Beispiel Mitarbeiter unterstützen, wenn neue Arbeitsabläufe eingeführt werden, erklärt sie.

Inzwischen hat Cornelia Ermeier ins Erdinger Rathaus hineingeschnuppert. Sie war im Stadtrat und im Bauausschuss als Zuhörerin dabei. Der Zugang mit dem Aufzug in den Sitzungssaal gelang problemlos. Die Sitzungen und Redebeiträge habe sie interessiert verfolgt. Sie hoffe schon, dass sie ins Gremium gewählt werde. Und kündigt gleich an, Oberbürgermeister Max Gotz (CSU) dürfe sich dann "auf ein bisserl mehr Gegenwind gefasst machen".

Sie habe sich von Anfang an sehr eingebracht und engagiert, sagt Helga Stieglmeier, Erdinger Stadträtin und Kreisvorstand der Grünen über Cornelia Ermeier. Als sie Interesse an einer Kandidatur gezeigt habe "das dachten wir: Wunderbar: Alle reden von Inklusion und wir haben hier jemanden mit einer gewissen Einschränkung - und diese Kandidatin wollen wir auf der Liste nicht ganz hinten verstecken, sondern ihr mit Platz Eins eine reelle Chance bieten, in den Stadtrat zu kommen".

Wie Stieglmeier betont, müsse auch der Stadtrat die Diversität der Gesellschaft abbilden. "Und da gehören Menschen mit Beeinträchtigungen dazu". Gleichzeitig solle die Grüne Spitzenkandidatin aber auch nicht auf "die Frau im Rollstuhl" reduziert werden: "Cornelia Ermeier ist eben eine kompetente Stimme unserer Fraktion."

Noch ist nicht geklärt, wie künftig die nichtöffentlichen Sitzungen ablaufen, da Cornelia Ermeier immer einen Betreuer an der Seite hat. Hier werde sich eine Lösung finden, ist Stieglmeier überzeugt. "Sie hat das Recht im Stadtrat zu sitzen. Ganz einfach. Punkt." Wer Stieglmeier so reden hört, findet es doch ein wenig verwunderlich, dass die Grüne Stadträtin 2014 nicht den neugeschaffenen Referentenposten für Inklusion bekommen hat. Die ÖDP hatte Stieglmeier vorgeschlagen, CSU und SPD hatten dann CSU-Stadtrat Walter Rauscher auf den Position gehievt.

Cornelia Ermeier hofft auf eine gute Zusammenarbeit im Stadtrat, die nächsten Wochen herrscht jetzt aber erst mal Wahlkampf. An den Ständen der Grünen wird die Spitzenkandidatin dabei sein, auch an Haustüren Flyer verteilen. "Ich bin gespannt, wie die Leute auf mich reagieren." Die Passanten sollten keine Scheu haben. "Ich bin froh, wenn die Leute auf mich zugehen. Dann rede ich wie ein Wasserfall".

© SZ vom 22.01.2020
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