Geigerin Sandra Rieger:Die Vielseitige

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Geigerin Sandra Rieger: Zwischen Haydn und Hipster. Die 24-jährige Geigerin Sandra Rieger fühlt sich musikalisch in vielen Welten zu Hause.

Zwischen Haydn und Hipster. Die 24-jährige Geigerin Sandra Rieger fühlt sich musikalisch in vielen Welten zu Hause.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Die 24-jährige Musikerin ist nicht nur in allen wichtigen musikalischen Genres zu Hause, sondern als Konzertmeisterin von "Violinissimo" auch eine herausragende Mannschaftsspielerin

Von Thomas Jordan, Erding

Wenn Sandra Rieger länger über Musik spricht, nimmt ihre Aussprache einen weichen Wiener Akzent an. Man kann das ein wenig affektiert finden, schließlich ist die 24-jährige Violinistin in dem Dorf Bachenhausen bei Freising aufgewachsen, weit weg von der Stadt Beethovens und der heutigen Poprocker von Wanda. Man kann an Sandra Riegers Zungenschlag aber auch erkennen, wie stark sich die junge Frau mit ihrer Kunst identifiziert. Seit gut einem Jahr ist Sandra Rieger Konzertmeisterin des Erdinger Jugendkammerorchesters Violinissimo, am Samstag ist sie damit auf BR Klassik zu hören. Wien, das ist nicht nur die Welthauptstadt der Musik. Der Auftritt mit Violinissimo im dortigen Konzerthaus im Februar vergangenen Jahres war neben der New Yorker Carnegie Hall einer der Höhepunkte in Sandra Riegers bisheriger musikalischer Karriere. Und Musik und Leben, das lässt sich für die 24-Jährige kaum voneinander trennen.

Um die 50 Auftritte hatte sie im letzten Jahr mit den vier Musikformationen, in denen sie festes Mitglied ist, darunter viele Kirchenmusik-Auftritte in Oberbayern, für die sie gebucht wird. Mit ihren engen schwarzen Jeans und der weiten, grauen Wolljacke könnte die junge, blonde Frau aber auch in Berlin-Kreuzberg zu Hause sein. Sandra Rieger ist Haydn und Hipster zugleich, sie kombiniert hohe musikalische Eigenständigkeit mit hoher Wandelbarkeit. Wie selbstverständlich wechselt sie zwischen den musikalischen Genres, fühlt sich in der klassischen Musik genauso zu Hause wie im Jazz. Und mit ihrem Trio edel stoff interpretiert der Crossover-Crack Sandra Rieger ihr traditionsreiches Streichinstrument ganz modern: Zu funkigem Balkan-Pop auf der Geige kombinieren sie eine Lasershow. Auf die Hierarchien zwischen den musikalischen Genres könnte Sandra Rieger gut verzichten. Gerade schreibt die 24-Jährige außerdem ihre Bachelorarbeit im Fach Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater in München, nebenher studiert sie noch Geige. Ein Doppelstudium.

Wenn sie die täglichen S-Bahn-Fahrten und das Essen abends miteinrechne, dann komme sie auf vielleicht zwei Stunden pro Tag, an denen sie sich nicht mit Musik beschäftige. Für Hobbys und Freunde bleibt da kaum Zeit. "Es kommt schon vor, dass meine Freunde mich gar nicht mehr fragen, wenn sie was machen wollen" sagt sie und lächelt ein wenig verschämt. Dabei hatte zunächst gar nichts darauf hingedeutet, dass Musik einmal ihr wichtigster Lebensinhalt werden sollte. Ihre Eltern konnten keine Noten lesen, schickten sie aber in die musikalische Früherziehung. Und ihre erste Musiklehrerin stellte schnell fest, dass die Fünfjährige mit der Blockflöte unterfordert war und schlug ihr stattdessen die Geige vor. "Da habe ich gemerkt, das ist meins." Mit ihrem Streichinstrument konnte sie, die heute von sich sagt, auf der Bühne eine "Rampensau" zu sein, schon zu Schulzeiten auf einmal Dinge tun, die ihr vorher unmöglich waren. "Vorne stehen und etwas vortragen, da hatte ich wirklich Probleme. Aber mit der Geige ging's." Mit 17 Jahren, erzählt die junge Frau mit der weichen, melodischen Stimme, der man zugleich den Willen anmerkt, stets exakt zu formulieren, ist sie in die Klasse für Hochbegabte der katholischen Hochschule für Kirchenmusik in Regensburg aufgenommen worden. "Ziemlich alt dafür" fügt sie gleich hinzu. Seit 2011 studiert sie nun an der renommierten Münchner Hochschule für Musik und Theater.

Sandra Rieger ist auf eine sehr bescheidene, aber beharrliche Weise ehrgeizig. Und sie will sich auf ihrem Weg nicht verbiegen lassen. "Ich möchte die beste Künstlerin werden, die in mir steckt." sagt sie über sich. Und ergänzt selbstbewusst: "Ich will ja nicht spielen wie Anne-Sophie Mutter, sondern wie Sandra Rieger." Denn Geige zu spielen ist für sie zuallererst eine Möglichkeit, sich selbst auszudrücken. "Wenn ich Musik mache, kann ich etwas erzählen. Es ist eine andere Art der Kommunikation zwischen Stück und Publikum." Der ganz persönliche musikalische Ausdruck hat für Sandra Rieger einen so hohen Stellenwert, wie man ihn sonst von Sängern kennt. Und unter keinen Umständen möchte die Perfektionistin Rieger die Zuhörer langweilen: "Lieber schimpft jemand und sagt, es war unsauber."

Seit 2011 unterrichtet die 24-Jährige nebenher an der Musikschule in Freising das Fach Geige: Auch als Pädagogin will sie die Schüler zum eigenen Interpretieren anzuregen, ihnen helfen, ihren eigenen musikalischen Ausdruck zu finden. Da passt es wunderbar, dass sie seit gut einem Jahr Konzertmeisterin bei dem Jugendkammerorchester Violinissimo ist. Denn gerade weil die Erdinger ohne Dirigenten spielen, kommt der ersten Geigerin eine Schlüsselrolle zu. Musikalisch, wenn es um Einsätze und Abschlüsse geht, vor allem aber auch "organisatorisch und menschlich", wie Sandra Rieger das nennt. Schließlich spielen bei "Violinissimo" Musiker im Alter von 13 bis 30 Jahren, die sich in ganz unterschiedlichen Lebensphasen befinden. Sandra Rieger, für die Musik Kommunikation bedeutet, ist auch eine herausragende Teamplayerin, die alle miteinbinden will.

"Die Jungen bringen die Frische mit, die Älteren die Erfahrung." sagt sie. Die Mitarbeit bei Violinissimo hat die Freisingerin so sehr geprägt, dass sie sich später nicht mehr vorstellen kann, hauptberuflich in einem Orchester mit Dirigent zu spielen. Stattdessen sieht sie ihre Zukunft in der kleinen, intimeren Form der Kammermusik, in der die Musiker ihre eigenen Dirigenten sind. "Am besten ein Ensemble, das ich selbst gegründet habe." sagt sie. Genau wie die Geigerin Ulli Büsel, die vor 14 Jahren mit dem Jugendkammerorchester Erding begann. Die Österreicherin Büsel, die Mentorin von Violinissimo, hat übrigens in Wien studiert.

Am Samstag von 14.05 bis 15 Uhr sendet BR-Klassik ein Orchesterporträt von "Violinissimo". Und wer Sandra Rieger live erleben will, hat dazu am Sonntag, 22. April, 19 Uhr, in der Stadthalle Erding Gelegenheit. Dort sind "Violinissimo" und edel stoff zum ersten Mal gemeinsam zu hören.

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