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Gastronomie in Erding:Im Biergarten zählt jede Stunde

Gastwirte und Gäste atmen auf: Seit Montag dürfen Außenflächen wieder bewirtschaftet werden

Endlich! Bei Sonnenschein und guter Laune konnten die Wirte nach zwei Monaten Zwangspause am Montag wieder ihre ersten Gäste empfangen - wenn auch nur draußen und nur bis 20 Uhr. Sowohl Erdings Innenstadt als auch der Erdinger Sommergarten und der Grünbacher Biergarten der Schlossbrauerei waren gut besucht. Gerade wieder an die zurückerlangte Freiheit gewohnt, wollten die Erdinger am liebsten gar nicht mehr nach Hause gehen. Auch die Gastronomen verstehen die verordnete Beschränkung auf 20 Uhr nur bedingt. Aber trotzdem: Sie sind dankbar für jede einzelne Stunde Normalität.

Im Herzen Erdings am Kleinen Platz sei die Terrasse der Herzogstubn schon am Montagvormittag voll gewesen, erzählt Franziska Sturm, die in dem Wirtshaus bedient. Sie alle seien nicht nur von dem Ansturm am Montag, sondern auch von der Unterstützung, die sie während des Shutdowns erfahren haben, überwältigt. Obwohl die Herzogstubn erst vor zwei Jahren am Kleinen Platz öffnete, haben sie sich bereits einen engen Kreis an Freunden und Stammgästen aufgebaut. In den zwei Monaten der Schließung aufgrund der Pandemie wollte die Herzogstubn durch kleine "Corona"-Aktionen präsent bleiben. In Sozialen Netzwerken riefen sie dazu auf, Gutscheine für die Herzogstubn zu kaufen, die der Chef Thomas Eichloff alle mit dem Fahrrad ausfahren würde. Die Aktion habe die Herzogstubn über Wasser gehalten.

Biergärten, Corona

Thomas Eichloff (hinten) von der Herzogstubn.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Stimmung der ersten beiden Tage sei sehr harmonisch und ausgelassen gewesen, sagt Franziska Sturm. Keiner der Gäste wirkte verunsichert oder gar ängstlich, und die Abstands- und Hygieneregeln seien verständnisvoll respektiert worden.

Gäste und Wirte müssen sich umstellen, wie Franziska Sturm erklärt: Am Eingang findet sich eine Liste, in die sich jeder Gast mit Name, Adresse, Telefonnummer und Uhrzeit eintragen muss. Die Gäste werden dann von einem Türsteher zu einem Tisch gebracht, die natürlich alle in 1,50 Meter Abstand zueinander aufgestellt wurden. Vom Eingang bis hin zum Platz, sowie auf dem Weg auf die Toilette herrscht Maskenpflicht - für die Bedienungen selbstverständlich die ganze Zeit. Salz, Pfeffer, Aschenbecher, Tische und Stühle werden nach jedem Gast desinfiziert.

Corona Biergärten Wirte

Froh über ein bisschen Normalität: David Ritter vom Sommergarten.

(Foto: Renate Schmidt)

David Ritter, Besitzer des Sommergartens und des Kennedys in Erding, musste zusätzlich umplanen. Aufgrund der Baustelle des Rathaus-Tunnels, die direkt an der Haustür des Kennedys vorbeiführt, hat Ritter den Außenbereich des Bistros auf unbestimmte Zeit in die Lokalität des Sommergartens umdisponiert. Der erste Tag sei sowohl für das Kennedys als auch für den Sommergarten sehr gut gelaufen. Man merke, wie groß das Bedürfnis der Bevölkerung sei, endlich wieder nach draußen zu gehen und ein paar Stunden Normalität zu genießen, so Ritter. Die Gäste seien auffallend verständnisvoll und kompromissbereit gewesen "und wollten am liebsten gar nicht mehr gehen".

Die Brüder Tarik Gülcü, Geschäftsführer des Papa Remo, und Murat Gülcü, Besitzer des Bistro Zeitlos in Erding, haben versucht, die letzten beiden Monate mit Essen und Cocktails To Go zu überbrücken. Dies könne selbstverständlich nicht den Umsatz unter Normalbetrieb ersetzen, verhinderte im Zeitlos aber die Kündigung von Angestellten, so Murat Gülcü. Tarik Gülcü habe sich für den ersten Tag mehr Kundschaft erhofft, freute sich dafür umso mehr über jeden Gast. Das Papa Remo lebe eben von der Abend- und Nachtkultur und genau die falle im Moment weg. Auch hier sei die Stimmung der Gäste sehr entspannt gewesen, teilweise sogar zu entspannt: "Ich habe das Gefühl, wenn ich den Leuten nicht sagen würde sie sollen die Maske für den Gang auf die Toilette tragen, würden sie es nicht tun", so Tarik.

Biergärten, Corona

Murat Gülcü und Serhat Senyoldas vom Zeitlos.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Zeitlos sei die ersten Tage zwar nicht voll gewesen, aber durchaus gut besucht. Murat Gülcü sei überglücklich endlich wieder so viele lachende Gesichter in seinem Garten sitzen zu sehen. Er sei dankbar für jede Stunde zurückgewonnene Normalität, aber die Zeitbeschränkung bis 20 Uhr sei schon ein großes Hindernis dafür, die letzten beiden Monate wieder aufarbeiten zu können. Der Hauptandrang sei nun mal ab 20 Uhr, denn viele arbeiten auch bis 18 Uhr, so Murat Gülcü. Er verstehe nicht, warum die Innengastronomie ab kommender Woche bis 22 Uhr geöffnet sein dürfe, die Schließzeiten der Außenbereiche aber noch nicht sicher seien. Immerhin sei es Tatsache, dass die Ansteckungsgefahr an der frischen Luft nicht so hoch sei wie die in geschlossenen Räumen.

Dennoch habe er mit seinem Team ein gründliches Reinigungs- und Durchlüftungskonzept für den Innenbereich ausgearbeitet, das sogar die Anbringung neuer Deckenventilatoren vorsehe. Murat Gülcü wolle wirklich vorsichtig sein, denn seine Freude über die Wiederöffnung sei auch mit Sorgen verbunden: "Ich denke wirklich einen zweiten Lockdown überleben nur die wenigsten Klein-Gastronomen in Erding."

Biergärten, Corona

Selim Karacaoglan vom Biergarten Schlossbrauerei Grünbach.

(Foto: Renate Schmidt)

Auch Karl Gratzl, Prokurist und Verpächter des Bräustüberls und des Biergartens der Schlossbrauerei Grünbach, sowie dessen Betreiber und Serviceleiter Selim Karacaoglan sehen die 20 Uhr-Regelung kritisch. Der Biergarten sei den ganzen ersten Tag voll und die Stimmung überragend gewesen, und es gebe auch jetzt schon viele Reservierungen für die nächsten Tage. Das größte Problem sei jedoch die reduzierte Anzahl der Tische. "Die Hälfte aller Sitzmöglichkeiten heißt auch die Hälfte an Umsatz", so Gratzl. Sie hätten sehr unter der Zwangsschließung der letzten beiden Monate gelitten, erzählt Karacaoglan.

Sein Partner Seco Villanuevo Stettler und er haben das Bräustüberl erst im Januar übernommen, mussten also erst einmal in neue Geräte und Ausstattung investieren. Januar und Februar liefen zwar gut, aber Rücklagen hätten sie trotzdem noch keine gehabt. Eigentlich sollte im Frühjahr auch ein Kinderspielplatz gebaut werden, doch diese Pläne wurden durch die enormen Einbußen der Schließung durchkreuzt.

© SZ vom 23.05.2020

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