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Forschung in Erding:Die schlaue Uniform

Am Wehrwissenschaftlichen Institut für Werk- und Betriebsstoffe entsteht eine neue Forschungslandschaft. In Erding wird Bekleidung entwickelt, die mitdenkt, um Soldaten im Einsatz zu unterstützen

Von Philipp Schmitt, Erding

Technologische Leistungssprünge durch die Digitalisierung sorgen für Umbrüche in allen Bereichen des Lebens, auch in solchen, die nicht jedermann ständig im Blick hat, zum Beispiel bei der Ausrüstung und Bekleidung von Soldaten. Was vor Jahren noch als Science Fiction galt, ist durch den digitalen Wandel Realität geworden. So können Soldaten per Funk überwacht werden, wenn sie sich mit einem ABC-Schutzanzug in kontaminiertem Gelände bewegen. Von einem sicheren Ort aus beobachten Kollegen die Vitalwerte des Soldaten und können eingreifen, wenn es gefährlich wird. Möglich machen dies Wissenschaftler und Ingenieure des Wehrwissenschaftlichen Instituts für Werk- und Betriebsstoffe (Wiweb), die im Erdinger Forschungszentrum experimentieren und tüfteln. Das Institut ist nun mit einem neuen Geschäftsfeld aufgewertet worden. Der Forschungsbereich befasst sich mit dem "System Soldat und Ausrüstungstechnologien", es wird an Smart Textiles gearbeitet, dazu werde der Aufbau einer ganzen "Forschungslandschaft" angestrebt, wie das Wiweb mitteilt.

Die Bundeswehr will bei der Ausrüstung und multifunktionalen Bekleidung ihrer Soldatinnen und Soldaten auf der Höhe der Zeit bleiben. "Der neue Bereich wird derzeit aufgebaut", sagt Institutsleiter Wolfgang Kreuzer. Das Themengebiet sei "von herausragender Bedeutung für den künftigen Schutz, Kommunikation, Führungsfähigkeit und Leistungsfähigkeit unserer Soldatinnen und Soldaten". Geforscht wird an High-Tech-Bekleidung, den sogenannten Smart Textiles, die Daten und Strom leiten, und an einer "Digitalisierung der Ausrüstung". Einzeltechnologien sollen "zu einem vernetzten System Soldat im digitalen Umfeld" zusammengeführt werden, wie Kreuzer erklärt. Geleitet wird das neue Team von Timo Hofmann. Wegen der hohen Dynamik in der digitalen Forschung soll das Geschäftsfeld auch noch ausgebaut werden.

Einen Eindruck von der wehrwissenschaftlichen Ressortforschung in Erding haben sich kürzlich der Erdinger und Ebersberger CSU-Bundestagsabgeordnete Andreas Lenz und Reinhard Brandl aus Ingolstadt verschafft, wie das Wiweb in einem Schreiben mitteilt. Auf ihrem Rundgang begleitete sie auch Rainer Krug, der Abteilungsleiter "Land-Unterstützung" im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung. Kreuzer erklärte ihnen dabei, dass "erhebliche Leistungssprünge und Umbrüche" für die Soldaten absehbar seien, was Fertigungstechnologien, mechatronische Systeme, Robotik, Sensoren und Visualisierungstechnologien beträfen, wie es in er Pressemitteilung des Wiweb heißt. Ziel sei es, ein System zu verschaffen, das die Soldaten "bei ihren vielfältigen Aufgaben bestmöglich unterstützt".

Für die Forschungsaktivitäten werden Kompetenzen gebündelt, nicht nur die der Streitkräfte, sondern auch die von Universitäten, zivilen Partnern und Partnernationen. Das Institut werde "zunächst im nationalen Bereich mit namhaften Forschungseinrichtungen und Universitäten zusammenarbeiten". Aber auch mit anderen Nationen und zivilen Partnern werde die Bundeswehr kooperieren. Mittelfristig werde die Einbeziehung internationaler Partner angestrebt.

Seit Jahren wird am Wiweb in Erding, dem Schlüsselelement der Bundeswehr bei der Entwicklung der High-Tech-Ausrüstung, an Bekleidung und Ausrüstung gearbeitet. Smart Textiles, also "intelligente Textilien mit Grips" mit besonderen Eigenschaften und Zusatzfunktionen, spielen dabei eine große Rolle. Prototypen für neue Einsatzbekleidungen werden genäht, Gefechtshelme werden entwickelt und im Labor steht eine Röntgen-Photoelektronenspektroskopie-Anlage (XPS), die bei der Analyse der chemischen Zusammensetzungen von Oberflächen, zum Beispiel für dünnste Materialbeschichtungen, eingesetzt werden kann.

So werden Technologien entwickelt, die in Kleidung und Ausrüstung integriert werden können und die Soldaten mit neuer digitaler Technik und der Verfügbarkeit von Informationen im Einsatz unterstützen können. Sensoren und Mikroprozessoren in multifunktionaler Kleidung reagieren auf Körperfunktionen und Umwelteinflüsse, geforscht wird im Bereich Biomonitoring an Methoden, wie der menschliche Körper aktiv gekühlt werden kann. Weitere Themen sind die Augmented Reality (AR), also eine erweiterte Realität, unterstützende Systeme wie Luft- und Landfahrzeuge ohne Besatzung und Exoskelette, also Roboteranzüge.

WIWeB in Erding

Die Puppe links trägt in einer Tasche verpackt die Sensorik, die für die Puppe daneben bereits in die Unterwäsche eingearbeitet wurde.

(Foto: Stephan Goerlich)

Vor allem die AR als computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung bietet im militärischen Bereich neue Chancen durch eine visuelle Darstellung von computergenerierten Zusatzinformationen. Dadurch können alle Sinne angesprochen werden. AR könne Hilfestellung bei komplexen Aufgaben, Navigation, Simulation liefern. Exoskelette sind durch Motoren angetriebene und am Körper getragene mechanische Stützstrukturen. Sie können Soldaten beim Heben von Lasten helfen und beim Tragen schwerer Rucksäcke entlasten.

Andreas Lenz und sein Ingolstädter Parteifreund Brandl signalisierten, dass sie das Wehrwissenschaftliche Institut bei der Umsetzung der innovativen Forschung in Berlin politisch unterstützen wollten. Rainer Krug würdigte zudem die hohe Identifikation der Wiweb-Mitarbeiter mit ihren Aufgaben und bedankte sich für die in Erding geleistete gute Arbeit. Die wehrwissenschaftliche Forschung hat in Erding eine jahrzehntelange Tradition: Bereits nach dem Zweiten Weltkrieg haben am Erdinger Militärflughafen US-Streitkräfte eine Prüfanlage betrieben. 1959 übernahm sie die Bundeswehr als Materialprüfstelle. Seit 2009 gibt es das Wiweb, das wissenschaftliche und technologische Grundlagen für die Bundeswehr erarbeitet. James Bond und Q hätten in dem Erdinger High-Tech-Forschungsinstitut ihre helle Freude.

© SZ vom 28.11.2020
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