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Fliegerhorst:Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts

Gute Ergebnisse in den ersten zehn Jahren: Darauf kommt es an bei der Konversion des Fliegerhorstes, sagt Professor Alain Thierstein. Die Stadt müsse den Bürgern zeigen, dass sie es ernst meint mit der integrierten Planung von Wohnen, Arbeiten und Mobilität

Interview von Antonia Steiger, Erding

Wer gerne in großen Dimensionen denkt, ist in Erding richtig: Hier entsteht ein neuer Stadtteil und ein neuer Bahnhof - alles auf dem Fliegerhorst-Gelände, das die Bundeswehr Ende 2024 verlassen wird. 14 Planungsbüros sind zu einem Wettbewerb zugelassen, der die Gestaltung des neuen Quartiers zum Gegenstand hat. Dass Erding eine Stadt ist, über die es sich nachzudenken lohnt, ist Alain Thierstein, Professor für Raumplanung an der TU München, schon lange klar. Er machte die Entwicklungspotenziale der Stadt bereits zum Thema für Studierende der Urbanistik. Jetzt erklärt er, wo er großen Chancen sieht - und Risiken.

SZ: Sie haben bereits ein Projekt mit Studierenden zur Zukunft der Stadt Erding gemacht, jetzt kommt der Wettbewerb, bei dem Sie in der Jury sitzen. Bitte beschreiben Sie die Situation, in der sich Erding befindet.

Alain Thierstein: Der eine entscheidende Faktor ist der S-Bahn-Ringschluss. Die S-Bahn bringt für Erding nicht nur eine extreme Verbesserung der Erreichbarkeit. Sie bringt für Erding auch eine deutliche Verbesserung der Attraktivität. Das war der Anlass dafür, dass wir uns gesagt haben: Lass uns über Erding nachdenken. Ergebnis war das Projekt "ED 2050 Gap Closing" von Studierenden im Masterstudiengang Urbanistik, deren Ergebnisse wir vor einem Jahr in Erding vorgestellt haben.

Es ist viel Platz auf dem Fliegerhorst Erding. Noch ist das 350 Hektar große Gelände eingezäunt, aber Ende 2024 soll die Bundeswehr das Feld geräumt haben. Dann gibt es dort für die Erdinger viel zu entdecken, unter anderem eine ungeheure Artenvielfalt aufgrund der extensiven Nutzung weiter Teilbereiche.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Zweite ist: Der Fliegerhorst steht bald quasi zur Verfügung, das ist ein riesiges Pfand in der vermutlich wachstumsstärksten Region Deutschlands. Die Kommune hätte wahrscheinlich kein Problem damit, dieses riesige Gelände irgendwie aufzufüllen. Aber um es gut zu machen, braucht man eine strategisch orientierte Entwicklungsplanung. Den neuen Haltepunkt an dieser Stelle, wo auch der neue Stadtteil entsteht, zeugt von Weitsicht der Kommune. Er schafft hervorragende Voraussetzungen für eine gute Erreichbarkeit mit dem ÖPNV. Es ist aber auch eine ganz große Herausforderung, wie die S-Bahn funktional am besten zu nutzen ist.

Herr Thierstein, wie gut kennen Sie das Gelände?

Wir waren mit den Studierenden drei Stunden mit dem Bus unterwegs, haben uns über die Lage der Landebahn informiert, über das Gelände, die Bäume, den Nato-Bunker und auch über das, was bestehen bleiben soll: die Werkshallen von MTU. Eines ist dabei klar geworden: Da kann eine faszinierende Zukunft entstehen.

Wo sehen Sie Risiken?

Man muss in Etappen denken. Die Frage, wie man Wohnen, Arbeiten und Mobilität verknüpfen kann, ist die ganz große Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Erding kann ein Beispiel geben. Dazu kommt der Zugriff auf diesen extrem weitläufigen Raum. Das ist schon eine sehr reizvolle Aufgabe für Planer. Das größte Risiko ist, vor lauter Möglichkeiten zu viel Chancen zu vergeben. Die Zeitachse ist wichtig: Es kommt darauf an, belastbare gute Ergebnisse in den ersten zehn Jahren zu schaffen und damit der Bevölkerung zu zeigen, dass man es ernst meint, die Themen Wohnen, Arbeiten und Mobilität integriert zu planen. Es muss sehr sorgfältig daran gearbeitet werden, unter Umständen muss die Planungsabteilung im Erdinger Rathaus mit zusätzlichen Mitarbeitern ausgestattet werden.

Bis auf den Tag der offenen Tür blieb die Bevölkerung ausgeschlossen vom militärischen Treiben. Das wird sich nun ändern.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Gefahr, die man von anderen Projekten kennt, ist, dass die Kommune durch die Geschwindigkeit der Ideen und der Forderungen der Investoren nicht auf Augenhöhe reagieren kann. Es geht darum zu erkennen, welche Ressourcen man benötigt, um die ersten zehn Jahre zu planen. Die Stadt muss in die Lage versetzt werden, den Rhythmus selbst zu bestimmen. Dabei kann sie sich auch Unterstützung ins Haus holen, zum Beispiel bei der Umsetzung einer sozialorientierten Bodennutzung - Abschöpfen von Planungsmehrwerten für soziale Zwecke - da hat München schon Erfahrung. Das alleine ist eine hochanspruchsvolle Aufgabe.

Wie ist eine gelungene Bürgerbeteiligung sicherzustellen?

Auch die Studierenden haben schon das Thema aufgeworfen und darauf hingewiesen, dass Partizipation enorm wichtig ist. Man könnte sehr früh damit beginnen, erste Stücke des Geländes zu öffnen und Zugänge für die Menschen zu schaffen. Man könnte Möglichkeiten für Zirkus, Theater und Kultur zu schaffen. Auch die Artenvielfalt, die auf dem militärischen Gelände aufgrund seiner extensiven Nutzung so groß ist, sollte man für die Menschen erfahrbar machen. Das sind ganz niederschwellige Angebote für ganz unterschiedliche Leute.

Alain Thierstein

Professor Alain Thierstein, TU München.

(Foto: Günther Hartmann)

Sie können dabei erfahren, wie weit es überhaupt ist auf das Gelände? Wie kann man sich dort bewegen? Wie sieht es dort aus? Der Fliegerhorst ist ja eine Art Terra Incognita für die meisten Erdinger, die dort ja nur selten oder nie waren. Sie müssen die Gelegenheit bekommen, den Raum zu erfahren. Eines ist klar: Ohne die Beteiligung der Bürger geht es nicht.

Wie finden Sie die Zusammensetzung der Büros, die an dem Wettbewerb beteiligt sind?

Es sind in dem zweistufigen Verfahren einige Büros eingeladen wurden, die sich bereits mit großen Projekten hervorgetan haben: Pesch Partner Architekten Stadtplaner aus Dortmund, Reicher Haase Assoziierte aus Aachen und Adept ApS aus Kopenhagen, die in Hamburg für die HafenCity tolle Sachen machen. Aber auch die anderen Büros haben schon einiges umgesetzt. Man kann davon ausgehen, dass da sehr gute Qualität herauskommt.

Noch viel wichtiger als die Auswahl der Büros ist aber die Auswahl der Jury. Es wird darum gehen, ob man sich zusammenfindet. Wie beurteilt man eine gemischte Nutzung? Wie wichtig ist den Jurymitglieder das Thema Nachhaltigkeit oder die Frage der Integration des Freiraums? Da wird es schon ein Gerangel geben. Wir haben uns schon einmal getroffen, da sind Leute darunter mit ganz unterschiedlichen Sozialisationen. Auch solche, die vor allem das Thema Wohnen im Blickfeld haben und weniger die Integration von Wohnen, Arbeiten, Soziales und Kultur.

Tag der offenen Tür im Fliegerhorst Erding, 2006

Beim Tag der offenen Tür durfte jeder in den Fliegerhorst.

(Foto: Peter Bauersachs)

Sie setzen auf eine Kombination von Wohnen, Arbeiten und Mobilität?

In der geschickten Kombination mit Freiraum ist es das Erfolgsgeheimnis. Es wäre kein Problem, die große Fläche wie in Freiham einfach zuzuschütten. Man sollte aber in Erding zeigen, wie es in einer Wachstumsregion möglich ist, durch eine dichte und durchdachte Städteplanung den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden. Das unterscheidet sich dann vielleicht auch von der ländlich geprägten Wahrnehmung der alteingesessenen Erdinger. Das ist ein dynamischer Raum, da braucht es auch eine Jury, die in Zeiträumen von 50 bis 70 Jahren denkt und die Weitblick und Sachverständnis zeigt. Der Blick derer, die hier schon immer oder schon lange gelebt haben, ist nur ein Teil der Zukunft.

Der Zuzug in der Flughafenregion ist enorm. Was bedeutet das?

Ich arbeite seit 16 Jahren an der TU München. Von Anfang an haben wir uns mit dem Flughafen auseinandergesetzt. Wir haben einmal eine Untersuchung gemacht zur Durchsetzung der Bevölkerung in etwa 70 Kommunen der Flughafenregion. Wie viele Menschen ziehen her? Wie viele ziehen weg? Wie viele bleiben?

Das Ergebnis war, dass es in Kommunen wie Hallbergmoos und Oberding zu einer Durchsetzung der Bevölkerung zu 100 Prozent kommt. Das bedeutet: In einigen Kommunen wird die Bevölkerung im Laufe von fünf Jahren rein rechnerisch komplett ausgetauscht. Es ziehen viele in die Region, die einen urbanen Lebensstil gewohnt sind mit der unkomplizierten Verknüpfung von Fußläufigkeit, Radfahren und ÖPNV. Diese produktive Unruhe soll für die Städteplanung Antrieb sein.

Wie beurteilen Sie die Auslobung. Es wurde viel darüber diskutiert, ob der Auslobungstext zu unpräzise oder zu präzise sein würde.

Anfangs war der Auslobungstext zu sehr auf das Thema Wohnen ausgerichtet, das wurde korrigiert. Jetzt sind Themen wie Nachhaltigkeit und Energieeffizienz ebenfalls einbezogen. Man hat es geschafft, das präziser zu formulieren. Es noch präziser zu formulieren, wäre nicht gut gewesen. Da überschätzt man sich in der Regel. Es sind gute kreative Büros am Start, ihre Beiträge werde ausreichend Stoff zur Debatte liefern. Die Wettbewerbsbeiträge werden alle öffentlich präsentiert, dann wird die öffentliche Diskussion richtig losgehen.

Was bedeutet die Konversion für die Stadt Erding?

Was wir schon unseren Studierenden mit auf den Weg gegeben haben: Was am Fliegerhorst passiert, hat auch Rückwirkungen auf die Altstadt und andere Bereiche Erdings. Es werden neue städtische Verbindungen entstehen, zum Beispiel zwischen der Altstadt und dem neuen Bahnhof. Darauf muss großen Wert gelegt werden. Auch das alte Bahnhofsgelände muss transformiert werden. Ebenso wird das Gewerbegebiet West ins Spiel kommen und der Bereich rund um die Therme: Wenn an einer anderen Stelle eine kräftige, attraktive Lage entsteht, gibt es rückwirkend Folgen für die bisherigen Strukturen. Man kann es so sagen: Das gesamte Gefüge Erdings ist von diesem Projekt angesprochen.

© SZ vom 10.04.2021
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