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Erziehungsberatung schlägt Alarm:Die kindliche Seele leidet

Schon jetzt gibt es Ängste und Depressionen, doch der Bedarf wird in Folge der Corona-Maßnahmen noch weiter steigen

Von Antonia Steiger, Erding

Kinder sind in den vergangenen eineinhalb Jahren unter Bedingungen aufgewachsen, die es so noch nicht gegeben hat: "Für kleine Kinder zwischen ein bis drei Jahren ist es nicht normal, andere Menschen zu treffen oder sie gar anzufassen." Das sagte Sabine Wolf, die Leiterin der Erziehungs- und Familienberatung am Landratsamt Erding, am Montag in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses. Sie betonte, dass heute noch nicht absehbar sei, welche Auswirkungen die Beschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus auf die kindliche Entwicklung haben werden. Manches ist aber jetzt schon erkennbar: Schulverweigerung, psychische Belastungen, Ängste und Depressionen treten Wolf zufolge vermehrt auf. Sie rechnet mit steigendem Bedarf.

Es war nicht der erste, sondern der zweite Lockdown, der die Familien ausgeknockt habe, sagte Wolf. Der erste sei gar nicht so schlecht für viele, wenn auch nicht für alle Familien gewesen. Keine Termine, kein Schulstress, kein Druck: "Das haben viele positiv erlebt. Sie sind runtergekommen und haben zusammengefunden." Nicht nur Eltern und Kindern, sondern auch Paare. Dem Großteil der Familien sei es so ergangen, sagt Wolf. Es gab aber auch andere Fälle, in denen es zu heftigen Auseinandersetzungen gekommen sei.

Die Erziehungsberatungsstelle musste ihr zufolge schon zwei Wochen vor dem ersten Lockdown schließen, weil es einen positiven Fall im Team gegeben habe. Weil Präsenzberatungen und Gruppenstunden nicht mehr möglich waren, haben die Mitarbeiter dann zum Telefon gegriffen und die Familien aktiv kontaktiert und nachgefragt, wie es ihnen geht. "Viele haben erst mal durchgeatmet", sagte Wolf. Wie sehr die Familien von der zweiten Corona-Welle und ihren Folgen getroffen worden seien, das spüre man an der Beratungsstelle aber erst jetzt. Ängste, Depressionen und Schulverweigerung gebe es nun viel mehr als vor Corona. "Viele Kinder haben noch nie einen normale Schulalltag erlebt", sagte sie. Wenn es Probleme gebe, dann reagierten sie mit Schulangst. "Es ist für sie nicht normal, zur Schule zu gehen." Jetzt und in den kommenden Jahren werde spürbar sein, wie sehr Familien von Corona getroffen worden seien.

Sabine Wolf sicherte zu, dass sie mit ihrem Team alles tun werde, um die Familien zu unterstützen. Wichtig sei, dass die Wartezeit für das erste Gespräch nicht zu lange sei. Und das ist im Moment nicht der Fall. "So lange die Wartezeiten noch stabil sind, passt es noch." Das sei der Maßstab. Im Moment machen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aber viele Überstunden.

Wie sich die kommende Zeit gestalten wird, das wisse sie nicht, sagte Wolf auf Nachfrage. Zuletzt sei die Gruppenarbeit entfallen, das habe Kapazitäten für die Beratung geschaffen. In der nächsten Woche sollen aber die Mutter-Kind-Gruppen wieder beginnen. 750 Familien haben im Jahr 2020 Hilfe bei der Erziehungsberatungsstelle gesucht. Auffallend ist laut Wolf, dass sie deutlich länger und mit häufigeren Gesprächskontakten betreut werden müssten als früher. Die Probleme würden komplexer, "eine kurzfristige Begleitung reicht oft nicht".

Zwei Wochen müssten Familien schon mal auf einen Termin warten. "Denn die Erziehungsberatungsstelle ist keine Kriseninterventionsstelle." Sie hilft Familien, damit es nicht so weit kommt, wie es Martin Hagner in der Sitzung des Jugendhilfeausschusses schilderte. Er ist Leiter des Josefsheims Wartenberg, das in seinen Wohngruppen Kinder und Jugendliche aufnimmt, die einen hohen Bedarf an intensiver Erziehungs- oder Eingliederungshilfe haben. Sie bieten ihnen "eine Heimat auf Zeit oder sogar auf Dauer", wie es auf der Homepage heißt. Hagner sagte, dass der Bedarf stark gestiegen sei. So stark, dass das Josefsheim gar nicht mehr alle Kinder und Jugendliche unterbringen könne. Zwei bis vier Anfragen pro Woche seien keine Ausnahme, sagte Hagner. "Der Bedarf an Inobhutnahme steigt", manchmal sei das sogar innerhalb weniger Stunden erforderlich.

© SZ vom 11.06.2021
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