Erding:Zwischen Freude und Schrecken

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Die Böllerei zu Silvester kann bei Flüchtlingen ungute Erinnerungen auslösen, die Helfer wollen besonders wachsam sein. Viele kennen Neujahresfeierlichkeiten aber aus ihrer Heimat. "Sie sind ja nicht weltfremd", sagt Martin Orthuber

Von Regina Bluhme, Erding

Es wird laut werden in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Die Böller und Kanonenschläge an Silvester sind auch bei den Helferkreisen Asyl ein Thema. Über die lautstarken Feierlichkeiten haben die Ehrenamtlichen inzwischen die meisten Flüchtlinge aufgeklärt. Die Neuankömmlinge im Camp Shelterschleife werden von Dolmetschern informiert. Wie die zum Teil traumatisierten Menschen auf die Knallerei reagieren werden, bleibt dennoch abzuwarten. Volker Grönhagen ist vorbereitet. Der Leiter des Warteraums Asyl im Fliegerhorst Erding sagt, Dolmetscher informierten die neu ankommenden. Manche könnten nicht lesen, daher werde das "direkt kommuniziert".

Wie die zum Teil traumatisierten Kriegsflüchtlinge auf die Knallerei reagieren, könne er aber nicht sagen. "Aber wir sind vor Ort und werden wachsam sein." Wie Weihnachten verbringt Grönhagen auch Silvester im Erdinger Camp. "Das gehört zu meinem Job." Der Lärm an Silvester ist auch in den ehrenamtlichen Gruppen im Landkreis ein wichtiges Thema, das sagt Maria Brand, Sprecherin der Aktionsgruppe Asyl im Landkreis. Die Menschen, die mitunter eine schreckliche Flucht vor Bombenlärm und Sirenenalarm hinter sich haben, sollen über die Bedeutung der Silvesterböllerei aufgeklärt werden - und sie sollen wissen, dass sie keine Angst haben müssen. Für die Flüchtlinge, die schon länger im Land seien, sei das Böllern aber keine Überraschung mehr. "Das spricht sich auch herum, dass es bei uns an Silvester laut ist", so Brand.

Kürzlich hat Maria Brand als Sprecherin der Aktionsgruppe Asyl im Landkreis Erding (AGA) ein Infoblatt der Münchner Polizei erhalten, das über den Umgang und die Gefahren mit Feuerwerk und Böllern in arabischer Sprache aufmerksam macht. "Das schicke ich an alle Helferkreise raus", erklärt Maria Brand. Dass Asylbewerber ihr Geld für ein eigenes Feuerwerk ausgeben, hält sie jedoch für unwahrscheinlich. "Ich habe in all den Jahren noch nie erlebt, dass einer so etwas gekauft hat", sagt sie.

Wie stark die Flüchtlinge auf den Lärm reagieren werden, kann aber auch sie nicht sagen. Allerdings bezweifelt sie, "dass das Böllern für alle gut ist". Nicht nur der Lärm mache den Flüchtlingen zu schaffen, dazu komme auch noch Heimweh. Feierlichkeiten zu Neujahr gäbe es schließlich auch in den meisten Heimatländern, betont Brand. "In Syrien wird ebenfalls Silvester gefeiert." Und gerade zum Jahreswechsel dächten viele besonders stark an ihre Familie. Für sie Menschen gäbe es an dem Abend wenig Grund, "besonders hoffnungsfroh ins neue Jahr zu gehen", so Maria Brand.

Gertrud Eichinger vom Helferkreis Finsing betreut seit Oktober Flüchtlinge in ihrem Ort. Derzeit sind es 15 Menschen, aus Pakistan und Afghanistan. "Sie wissen, was an Silvester los ist", sagt Eichinger. Durch regelmäßige Kontakte über Patenschaften oder Deutschkurse seien die Menschen informiert. "Wir sind immer im Gespräch." Was freilich "tief im Inneren abläuft, das können wird nicht sagen".

Silvester könne für die Flüchtlinge aber auch eine willkommene Abwechslung sein, hofft Eichinger. Sie glaubt nicht, dass die Knallerei um Mitternacht ein großes Problem darstellen wird. "Bei uns war kürzlich Treibjagd auf Hasen, da wurde auch geschossen", fügt sie hinzu. Größere Probleme habe es nicht gegeben.

Wie Martin Orthuber von der Flüchtlingshilfe Erding sagt, sollen einige Helferkreise darum gebeten haben, dass in unmittelbarer Nähe von Flüchtlingseinrichtungen nicht geschossen werde. Orthuber betreut mit der Flüchtlingshilfe das Camp Shelterschleife. Er geht nicht davon aus, dass es an Silvester ohrenbetäubend laut wird. "Die Einrichtung befindet sich ja doch ein wenig außerhalb der Stadt." Im Prinzip sei für die Flüchtlinge Silvester nichts Neues, so Orthuber. Viele seien vor der Ankunft in Erding schon durch halb Europa gereist, "und da haben sie sicher einiges mitbekommen". Außerdem seien die Leute "ja nicht weltfremd, die meisten kennen Feierlichkeiten zu Neujahr."

In Dorfen versucht der Helferkreis, der rund 160 Flüchtlinge vor allem aus Afghanistan betreut, die positive Seite von Silvester hervorzuheben. Adalbert Wirtz vom Helferkreis hofft, dass sich die Menschen auch sich ein wenig über das Feuerwerk freuen können. "Die Menschen sollen sehen, dass das etwas ist, worauf man sich freuen kann", sagt auch Maria Brand. Manchmal bleibe allerdings nur Galgenhumor: "Wir haben schon zum Spaß gesagt, dass an Silvester eine große kollektive Geburtstagsfeier steigen sollte", sagt sie. Eine Party für die Flüchtlinge, die bei der Einreise keine Papiere vorweisen konnten. "Ihnen allen wurde von Amts wegen als Geburtsdatum der 1. Januar eingetragen."

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