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Erding:Umstrittene Abholzaktion

Das Wort "Kahlschlag" beschreibt die Situation auf dem Gelände des Reiterhofs der Fischers Wohltätigkeitsstiftung dann wohl doch besser als "Rückschnitt". Nach Ansicht der Stadt Erding lag für einzelne Exemplare keine Genehmigung vor.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Fischers Wohltätigkeitsstiftung unternimmt auf dem Gelände des Reiterhofs an der Dachauer Straße großzügige Rodungsarbeiten. Die Stadt Erding hat erst im Nachhinein davon erfahren und will jetzt ermitteln, ob Bäume unrechtmäßig gefällt worden sind

Von Regina Bluhme, Erding

Reiner Zufall, dass ausgerechnet die Kreisvorsitzende des Bund Naturschutz am 10. November an der massiven Abholzaktion auf dem Reiterhof von Fischers Wohltätigkeitsstiftung vorbei radelte. Gabriele Betzmeir war auf dem Weg in die Arbeit und traute ihren Augen nicht. Sie spricht von einem "skandalösen Kahlschlag". Die gefällten Bäume waren am Dienstag auch Thema im Erdinger Stadtrat. Dort informierte Jurist Andreas Erhard, dass die Stadt nun ermittelt, ob und welche Bäume innerhalb des Bebauungsplans zu Unrecht entfernt worden sind.

Am 10. November waren auf dem Gelände des Stiftungsguts an der Dachauer Straße Bäume und Sträucher entnommen worden. Kein kleiner Eingriff, denn er dauerte "bis in den späten Abend hinein", wie Gabriele Betzmeir in einer E-Mail schreibt mit der Betreffzeile: "Wurden in Erding Bäume illegal gefällt?" Das will die Stadt Erding jetzt herausfinden. Grundsätzlich hätte die Stiftung für die Baumfällarbeiten für den Geltungsbereich des Bebauungsplans Nr. 135.0 eine Befreiung bei der Stadt einholen müssen, erklärt der Pressesprecher der Stadt, Christian Wanninger, auf Nachfrage der SZ. Dies es sei nicht geschehen. Von den Abholzarbeiten habe die Stadt erst durch Hinweise aus der Bevölkerung erfahren. Im Bebauungsplan sei festgelegt, welche Bäume auf keinen Fall gefällt werden dürfen, sie seien "punktgenau" festgehalten, so Wanninger. Dabei betrifft der Bebauungsplan nicht das gesamte Gelände, sondern nur einen Teil des Areals. Anhand der Festsetzungen werde die Stadt nun ermitteln, ob und wenn ja, welcher dieser Bäume im Geltungsbereich des Bebauungsplans entfernt worden ist.

Matthias Vögele, der Geschäftsführer der Fischers Wohltätigkeitsstiftung, lässt am Mittwoch über die Pressestelle des Landratsamts ausrichten: "Aus unserer Sicht war keine Genehmigung für das Fällen der Bäume einzuholen." Die Bäume im Bereich des Reiterhofes seien zur Vorbereitung des Rückbaus der Wirtschaftsgebäude des Reiterhofes gefällt worden. "Hierfür bedarf es keiner Genehmigung", heißt es weiter. Für den Reiterhof gebe es auch lediglich einen Flächennutzungsplan und keinen Bebauungsplan, "so dass eine Genehmigung nach einem Bebauungsplan bereits begrifflich nicht eingeholt werden kann". In einer früheren Pressemitteilung vom 12. November hatte Vögele zudem erklärt, die beauftragte Fachfirma habe die Rückschnitte so durchgeführt, "dass der Naturschutz vollumfänglich gewährleistet wurde". Die Bäume auf dem Grundstück seien unterschiedlich alt, die ältesten circa 40 Jahre. Bäume, "bei denen der Naturschutz zu beachten war, wie Pappeln, ein Kirschbaum oder markante Einzelbäume" blieben stehen, so Vögele.

Die Wohltätigkeitsstiftung ist Eigentümerin des Reiterhofs, dessen Nutzung Ende März 2021 ausläuft. Dann sollen alle Gebäude bis auf das Wohnhaus so rückgebaut werden, dass sie verkauft werden und einer Zweitnutzung zugeführt werden können. Offensichtlich hat es pressiert. Mit den Bauarbeiten solle im kommenden Jahr möglichst rasch begonnen werden können, schließlich bestehe nach Ansicht der Stiftung die Gefahr, dass die ab März leer stehenden Reiteranlagen "Vandalen, Zündeln etc. ausgesetzt sind", heißt es in dem Schreiben von Mitte November.

Das Landratsamt Erding, dessen Leiter auch Vorsitzender des Verwaltungsrats der Stiftung ist, spricht ebenfalls lieber von einem "Rückschnitt". Die artenschutzrechtliche Prüfung, die eigentlich vor einer Abholzaktion stattfinden sollte, sei nachgeholt worden: Die Untere Naturschutzbehörde sei am Tag nach der Abholzaktion, also am 11. November, "zur Ortseinsicht" erschienen, schreibt Claudia Fiebrandt-Kirmeyer, Pressesprecherin des Landratsamts auf Nachfrage. Ein Ergebnis lag am Mittwoch noch nicht vor. Die Bäume im Bereich Remise und beim Stall, die auch zurückgeschnitten werden sollten, bleiben deswegen jetzt erst einmal stehen. Der Bestand an sich sei nicht geschützt, heißt es in dem Presseschreiben weiter, bei der Begutachtung sei es um etwaige Nester oder Fledermaushöhlen gegangen.

Die bereits entfernten Bäume und Sträucher wiederum warten jetzt auf dem Gelände an der Dachauer Straße auf den Abtransport und werden laut Landratsamt zuvor begutachtet und dokumentiert.

Auf dem Areal des Reiterhofs ist interessanterweise auch ein Biotop eingezeichnet, das aber nach Angaben des Landratsamts Erding eigentlich keins mehr ist. Die Ortsbegehung der Unteren Naturschutzbehörde hat laut Fiebrandt-Kirmeyer gezeigt, dass dessen beeinträchtigte Fläche "allenfalls circa 250 Quadratmeter umfasst" und dieses Biotop "bereits vor dem Rückschnitt in der kartierten Qualität" nicht mehr bestanden habe, da die "gebietscharakteristischen" Sträucher nur noch teilweise vorhanden gewesen seien. Jetzt sind sie wohl ganz verschwunden.

© SZ vom 26.11.2020
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