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Erding:"Nur sehr eingeschränkt benötigt"

Immobilienunternehmer Georg Scharl plant in Erding einen 40 Millionen teuren Komplex mit 200 Einzelappartements, in dem exklusiv Beamten und Behördenmitarbeiter wohnen dürften. Doch die Immobilienanstalten von Bund und Land sehen kaum Bedarf für ein solches Boardinghouse

Von Florian Tempel, Erding

Seit vielen Jahren schon arbeitet der Dorfener Immobilienunternehmer Georg Scharl an einem Boardinghouse für Behördenmitarbeiter. Auf einem Acker am Stadtrand, noch hinter der Weißbierbrauerei, soll ein Gebäudekomplex mit 200 kleinen Appartements entstehen. Dort darf dann aber nicht jedermann einziehen. Die Stadt Erding hat im Bebauungsplan Nr. 220, den sie nach den Wünschen Scharls erlassen und mehrmals überarbeitet hat, festgesetzt, dass nur Beamte und Angestellte von Bundes- und Landesbehörden dort wohnen können. Zum Beispiel Bundespolizisten, die am Flughafen Dienst schieben. Wohnen dürfen die Staatsdiener dort aber nur vorübergehend, maximal für sechs Monate.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) und die Immobilien Freistaat Bayern haben der SZ Erding auf Nachfrage mitgeteilt, dass sie kaum oder gar keinen Interesse haben, Behördenmitarbeiter in dem geplanten Boardinghouse unterzubringen. "Boardinghouse-Appartements, wie sie von der Unternehmensgruppe Scharl angeboten wurden, werden nur sehr eingeschränkt benötigt", schreibt die Bima. Bei der Suche nach Wohnraum für Bundesbedienstete und deren Familien "liegt der Fokus auf bezahlbarem Wohnraum, der auch längerfristig zur Verfügung gestellt werden kann". Die Bima habe nur "unverbindliche Sondierungsgespräche mit der Unternehmensgruppe Scharl geführt", bei denen aber "kein Konsens erzielt werden konnte". Die Bima habe dementsprechend weder "Verträge noch Vorverträge mit der Unternehmensgruppe Scharl abgeschlossen und beabsichtigt auch nicht, dies zu tun".

So sieht der Entwurf der Erdinger ArchitektenBiersack und Brunnerfür das Boardinghousean der Stadtgrenze aus.Grafik: Architekturbüro

Die Immobilien Freistaat Bayern, die für die bayerischen Behörden "zentraler staatlicher Dienstleister in Fragen des Immobilienmanagements" ist, wie es auf der Homepage des Staatsbetriebs steht, hatte mit Unternehmer Scharl zwar ebenfalls Kontakt. Er habe seinen geplanten Erdinger Komplex auf zwei öffentliche Ausschreibungen hin angeboten, sagt Christine Hahn, die Leiterin der Regionalvertretung München. Scharls Angebot sei aber in beiden Fällen unpassend gewesen. Boardinghouse-Appartements würden für Mitarbeiter bayerischer Behörden nicht benötigt, sagt Hahn: "Wir hätten es ausgeschrieben, wenn wir einen Bedarf hätten."

Scharl "Unterbringungsstätte für Bundes- und Landesbehörde" ist seit jeher ein Projekt mit viele Fragenzeichen. Los ging es 2013. Zunächst wurde die Genehmigung eines exklusiven Bundespolizisten-Wohnblocks mit 120 bis 148 "Dienstunterkünften" und Schulungsräumen beantragt und vom Erdinger Stadtrat genehmigt. Tatsächlich suchte die Bima damals für die Bundespolizei nur 80 Einzelzimmerappartements. Aber das interessierte im Erdinger Rathaus niemanden. Auch als das Projekt 2015 wegen eines Verstoßes gegen die Vergaberichtlinien auf eine Weisung des Bundesfinanzministeriums gestoppt wurde, stellte man in Erding das Projekt nicht etwa in Frage, sondern billigte seine Vergrößerung.

Georg Scharl hält an seinem Projekt fest.

(Foto: Renate Schmidt)

Die Stadtverwaltung hat offenbar nie Kontakt mit der Bima aufgenommen und nachgefragt, ob und welcher Bedarf denn bestehe. Das gehe die Stadt nichts an, sagte der Pressesprecher der Stadt, als die Pläne 2015 auf drei Gebäude mit je 60 bis 80 Unterkünften vergrößert wurden. Die Kommune, die das Sondergebiet genehmigte, kümmere sich nur um baurechtliche Fragen. Drei Jahre später wurde der Bebauungsplan erneut überarbeitet. Die wesentliche Änderung bestand nunmehr in der Erweiterung des erlaubten Nutzerkreises. Nun kamen Beamte und Angestellte von Landesbehörden als mögliche Kurzzeitmieter dazu. Ob der Freistaat Interesse an so einem Boardinghouse für seine Mitarbeiter hat, fragte wieder niemand nach.

Im Herbst 2019 schaltete Scharl Anzeigen zu seinem Projekt - "einzigartig im Großraum München" -, laut denen in diesem Jahr Baubeginn sein sollte. In einem Bericht des Erdinger Anzeiger hieß es unlängst, im kommenden Jahr könnte der Startschuss für den Bau erfolgen, zwei Jahre später würde alles stehen, eine Hotelkette könnte den Betrieb Übernehmen, das Investitionsvolumen betrage etwa 40 Millionen Euro und die Bima werde sich einen Teil der 200 Wohneinheiten reservieren. Auf der Homepage der Unternehmensgruppe Scharl wird das ganze Projekt derweil zum Erwerb angeboten: "Verkaufspreis nach Vereinbarung."

Immobilienunternehmer Scharl will sich nicht selbst äußern, sondern kommuniziert über seinen Anwalt Christian Otto. Der teilte mit, alles was zuletzt über das Projekt geschrieben wurde, stimme. Und: "Der Fokus des Projekts liegt nach wie vor auf der Unterbringung von Beamten der Bundespolizei und des Zolls, weshalb wir ausschließlich mit der Bima verhandeln." Die Verhandlungen liefen noch, zum Zeithorizont könne man nichts sagen.

© SZ vom 04.07.2020

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