Erding Im Bann der brennenden Kohlenstofffaser

Bei einem Symposium am militärischen Forschungsinstitut Wiweb in Erding diskutieren 90 Experten über superhartes Plastik - und fragen sich, was mit ihm bei einem Hubschrauberabsturz passiert

Von Robert Gast

Fester Programmpunkt des jährlichen Wiweb-Symposiums ist der Empfang im Landratsamt. Am Dienstagabend begrüßte Oberbürgermeister Gotz die Militär-Forscher und Industrievertreter.

(Foto: Renate Schmidt)

Luftfahrtingenieure können nicht genug von ihnen kriegen: Mit Kohlenstofffasern verstärkte Kunststoffe sind fast so robust wie Stahl, aber deutlich leichter. Ganz neue Formen können die Ingenieure mit ihnen in die Luft schicken. Das Militär verbaut das Wunderzeug seit Jahrzehnten in Jets und in jüngerer Vergangenheit auch in Hubschraubern - dabei kommen manche Eigenschaften des Carbons erst heute ans Licht. Das zeigt sich dieser Tage auch in Erding. Das Wehrwissenschaftliche Institut für Werk- und Betriebsstoffe (Wiweb) der Bundeswehr veranstaltet eine Konferenz zum Thema "Kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe im Einsatz".

Dazu hat das Wiweb etwa 90 Industrievertreter und Forscher in das Institut unweit des Fliegerhorsts Erding eingeladen. In 23 Vorträgen berichten die Experten von ihren Erfahrungen mit den sogenannten CFK-Werkstoffen, die zunehmend auch die zivile Welt erobern: BMW baut beispielsweise seit kurzem Elektroautos mit Kohlenstofffaser-Karosserie in Serie, Carbon-Tennisschläger und Carbon-Notebooks gibt es schon länger auf dem Markt.

Beim Symposium in Erding dominierten Mitarbeiter der Rüstungsindustrie die Referentenliste: Den Einführungsvortrag hielt Christian Weimer aus der Innovations-Abteilung von EADS darüber, wie man die aufwendige Herstellung der Stoffe verbessern kann. Ein Mitarbeiter von Thyssen Krupp Marine Systems referierte, inwiefern die Stoffe auch auf See eingesetzt werden können - hier, genauso wie auf dem Land, zögert die Bundeswehr noch, faserverstärktes Plastik zu nutzen.

Aber auch die Fraunhofer-Gesellschaft erforscht Carbon, wie ein Referent vom Freiburger Ernst-Mach-Institut belegte: Er sprach darüber, wie sich die Kohlenstofffasern unter extremen Bedingungen verhalten - ein Thema, das der Bundeswehr und der Rüstungsindustrie dieser Tage besonders am Herzen liegt.

Denn im März dieses Jahres stürzte ein hochmoderner Tiger-Hubschrauber der Bundeswehr im oberbayerischen Ettal ab und ging in Flammen auf. Weil er zu einem großen Teil aus Carbon bestand, konnten die Industrieforscher viel darüber lernen, welche Gefahr von den Kohlenstofffasern für Bergungskräfte ausgeht, wenn die Fasern bei großer Hitze in die Luft geschleudert werden. Das Fazit der Referenten bei der Konferenz sei gewesen, dass Menschen ohne Schutzkleidung während der Bergungsarbeiten mindestens 20 Meter Abstand von dem Wrack halten müssen, während an ihm gearbeitet wird, so Organisator André Chripunow.

Auch am Wiweb wird untersucht, wie gefährlich die Fasern bei einem Brand sind. Schließlich seien noch nicht alle "Verhaltensweisen" im Detail verstanden, heißt es in einer Pressemitteilung. Im Labor haben die Forscher kleine CFK-Platten angezündet und gemessen, welche Partikel dabei freigesetzt werden. Auf dem Gelände des Fliegerhorsts haben die Wissenschaftler zusammen mit der Feuerwehr sogar einen Freilufttest unternommen, bei dem jedoch sicher keine Partikel in Richtung Stadt wehten, wie Chripunow betont. Man habe ein "sehr gutes grundlegendes Verständnis" des Materials. "Aber man kann immer noch dazu lernen."

Auch deshalb veranstalte man mindestens einmal im Jahr ein Symposium - um Einblicke zu bekommen, was die Industrie so macht. Gleichzeitig wolle man den Unternehmen vermitteln, was die Bundeswehr leisten könne und was sie benötige. In Zukunft könnten das beispielsweise U-Boot-Propeller aus Carbon sein oder daraus gefertigte Lenkraketen - beides war Thema in Erding.