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Erding:Hinter den Bäumen

Mehr als 400 Jahre lang gibt es schon ein Schloss in Aufhausen, seit 30 Jahren wohnen dort eine Baronin und ein Baron. Ein Besuch

Von Mathias Weber

Ja, wo sind sie denn? Irgendwo hier müssen sie ja herum streunen, sagt Giorgio Zolyniak, aber sie sind nirgendwo zu finden: Nicht hinter dem Stadl, nicht bei der Pferdekoppel, nicht im Hof und auch nicht im Schlosspark selbst; nirgends ist die Pfau-Mutter mit ihren Jungen. Dabei seien die kleinen Pfaue so süß, wie sie ihrer Mutter hinterher wackeln - das will der Reporter natürlich festhalten. Zolyniak, der Mitarbeiter der Schlossverwaltung, zuckt aber mit den Schultern, gerne hätte er dem Besucher die Tiere gezeigt. Er öffnet das Tor zum Schlosspark, der Kiesel knirscht unter den Füßen, und dann fragt er, halb im Spaß: "Wird die SZ jetzt eigentlich zur Yellow Press?"

Die großen Probleme der Welt wirken hinter den Bäumen, die das Aufhausener Schloss von der Durchgangsstraße abschirmen, tatsächlich weit weg. Hinter diesen Bäumen verbirgt sich eines der schönsten Schlösser des Landkreises, mit einer Jahrhunderte alten Geschichte. Ende August findet hier, unter der massiven Rotbuche im Park, ein nicht alltägliches Spektakel statt: Die Oper Prag wird hier für einen Abend Station machen und im Schlosspark Verdis Oper Nabucco aufführen.

Friederun Baronin von Hammerstein und ihr Mann Alexander - die Hausherren - haben natürlich Karten für die erste Reihe; obwohl, wie die Baronin sagt, sie sich eher für Kammermusik interessierten - die Baronin selbst ist ausgebildete Geigerin. 1500 Karten seien bereits verkauft, sagt die Baronin - sie im Kostüm mit Perlenkette, er trägt einen Janker - "und wir könnten noch viel mehr verkaufen". Gerne habe man eingewilligt, die Oper im Schlosspark aufzuführen: "Wir sind jetzt 30 Jahre hier in Erding", sagt die Baronin, jetzt wolle man auch einmal etwas für die Kultur in der Großen Kreisstadt tun. Auch wenn das eine enorme Belastung bedeutet: "Es wird schlimm aussehen", sagt der Baron, "schon allein wegen der ganzen Autos!". Die werden auf den Feldern um das Schloss herum parken müssen, und Giorgio Zolyniak, der auch mit der Organisation des Events betraut ist, stöhnt leise: Beschilderung, Toiletten, Parkplätze - das müssen die Schlossbesitzer alles organisieren.

"Jetzt denken alle: Die machen da das große Geschäft", sagt Frau von Hammerstein. "Wir haben gar nichts davon, das ist eine Goodwill-Sache", sagt Herr von Hammerstein. Trotzdem: Der PR-Effekt ist da. Viele Menschen aus der Region werden das Schloss kennenlernen, und in die Welt tragen, was hier möglich ist: Seit Jahren organisiert das Ehepaar in den historischen Gemäuern des Schlosses Seminare und vor allem Hochzeiten. Der enorme Standortvorteil von Aufhausen: Das Schloss verfügt über eine eigene Barock-Kapelle, die 1718 entstand, Platz für gut 80 Personen bietet und sowohl evangelisch als auch katholisch geweiht ist. Im Schlosspark gibt es außerdem eine historische Kegelanlage, mehr als 100 Jahre ist sie alt - ein nettes Zusatzangebot für die Gäste von Hochzeiten und Seminaren.

Schloss Aufhausen Hammerstein

Im Schloss daheim: Baronin und Baron von Hammerstein.

(Foto: webe)

So leben die Baronin und der Baron heute nicht nur im, sondern auch vom Schloss. 1985 hat sich das Paar entschlossen, von München, wo sie Antiquitätenhandel betrieben, nach Aufhausen überzusiedeln. Das Schloss war damals schon im Besitz der Familie der Baronin, seit Jahrzehnten schon; die Familie kommt ursprünglich aus Augsburg, als ihr Urgroßvater aber Anfang des 20. Jahrhunderts zum Direktor der Bayerischen Hypothekenbank in München wurde, suchte er einen Jagdsitz in der Nähe. Er kaufte der verwitweten Ernestine von Auer den Sitz ab - zu welchem Preis, ist unbekannt, aber von Auer konnte den Preis nachträglich noch erhöhen, weil man vom Park aus so einen schönen Blick auf die Alpen hat -10 000 Goldmark war der noch wert.

Mittlerweile sind die Bäume im Park gewachsen, den Blick auf die Berge hat man höchstens noch vom dritten Stock des Haupthauses, in dem das Paar lebt. Dorthin kommen die beiden aber kaum mehr, die Wege sind zu lang. "Man stellt sich das immer so schön vor, im Schloss zu wohnen", sagt die Baronin, "früher hatte man ja viel Personal, aber heute müssen Sie jede Flasche einzeln hochtragen."

Damals, als es hier noch dieses Personal gab, wurde rund um das Schloss Landwirtschaft betrieben, Ackerbau, Viehzucht, mit der Bahn wurde frische Milch sogar jeden Morgen nach München geliefert. Aber am Ende war das Anwesen herunter gewirtschaftet: Von einem "desolaten Zustand" spricht Herr von Hammerstein, in den Wirtschaftsgebäuden lebte schon lange niemand mehr, das Haupthaus war heruntergekommen, die Fensterläden hingen schief herunter. Schlimmer noch in der Kapelle: Seit 100 Jahren unbenutzt, die Empore herunter gebrochen, die Bodenplatten waren mit der Hand zu zerkrümeln.

Kleine Chronologie

Schon vor dem Jahr 788, so geht aus Notizen hervor, muss es in "Ufhusa" einen so genannten Herrenhof gegeben haben. Später wird die Siedlung als Edelsitz bezeichnet. Die Errichtung des Schlosses selbst beginnt im Jahr 1596 durch Christoph Schrenk zu Notzing, Egmating und Aufhausen, Landschaftskommissär und Bürgermeister in München. Dieses Amt schrieb vor, dass er nur einen Tagesritt von München entfernt seinen Wohnsitz haben darf.

1718 entsteht die Schlosskapelle. In den folgenden Jahrhunderten wechseln die Besitzer des Schlosses regelmäßig, unter ihnen sind bekannte Geschlechter wie die Fuggers, die Preysinger und die Auer. 1883 schließlich wird das Schloss und seine Güter an Robert von Froelich verkauft, den Urgroßvater der heutigen Besitzerin Baronin von Hammerstein. Seitdem ist es in Besitz ihrer Familie. webe

Was also tun mit dem Anwesen? Verkaufen, renovieren? Die von Hammersteins haben sich dazu entschieden, eine Komplettrenovierung zu versuchen. "Es ist eine gewisse Verpflichtung, es ist ja ein Kulturgut", sagt die Baronin, auch wenn es Geld kostet: "Dann muss man eben eine Reise weniger machen." Bereut haben sie es nicht, auch wenn der Denkmalschutz sehr streng war und Nerven gekostet habe: Das Haupthaus zum Beispiel wollten die von Hammersteins in Maria-Theresia-Gelb streichen, der Denkmalschutz fand aber heraus, dass das Haus früher weiß war. "Sie müssen immer die teuerste Farbe nehmen und die teuersten Ziegel", sagt die Baronin, "Aber in 30 Jahren haben wir keinen Pfennig Zuschuss bekommen", sagt der Baron. "Doch, einmal." "Ja, 3000 Mark." "600 Mark waren das", die Baronin streng. "Genau, 600 Mark für den Erhalt eines historischen Ofens." Diskussion beendet. Heute ist wieder Leben im Schloss: In den Wirtschaftsgebäuden sind Wohnungen, junge Familien leben dort mit ihren Kindern. Und das zu günstigen Preisen, wie der Baron sagt - sechs Euro für den Quadratmeter verlangen sie, aber die Warteliste sei erwartungsgemäß lang. Und Leben wird wohl auch noch lange in der Schlossanlage sein, sie bleibt in der Familie: Die von Hammersteins haben vier Kinder und 14 Enkelkinder.

© SZ vom 08.08.2015
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