Erding Forschungsstandort Herzogsstadt

Projekt "Erding im ersten Jahrtausend" geht 2013 an den Start: Wissenschaftler werten archäologische Ausgrabungen aus. Die Kommune unterstützt die Arbeiten mit 50 000 Euro

Von Cornelia Weber

Wissenschaftlich besonders interessant sind vor allem Funde aus Aufhausen-Bergham. In einem Schachtgrab ist vor mehr als zwanzig Jahren ein Sattel gefunden worden, gemeinsam mit Reitgeschirr und den Skeletten einer Frau und eines Maultieres.Dieser Fund wird nun von Studenten aufbereitet

(Foto: Peter Bauersachs)

- Wer schon einmal wissenschaftlich geforscht hat, weiß, wie lange es dauern kann, Daten zu sammeln, auszuwerten und daraus Erkenntnisse zu gewinnen. In Erding sind archäologische Ausgrabungen teils seit 20 Jahren dokumentiert, wissenschaftlich ausgewertet sind die meisten bisher nicht. Ohne diesen zweiten Schritt aber, sind die historisch bedeutsamen Fundstücke wertlos. Das soll sich ab 2013 ändern: Das Kooperationsprojekt "Erding im ersten Jahrtausend" geht samt neu eingerichteter Haushaltsstelle an den Start, das hat der Verwaltungs- und Finanzausschuss der Stadt Erding am Donnerstag Abend einstimmig beschlossen. Eigentümer der Exponate ist die Stadt Erding, die Projektmittel von 50 000 Euro stellt sie freiwillig zur Verfügung.

Drei Einrichtungen sind an dem Kooperationsprojekt beteiligt: Das Institut für vor- und frühgeschichtliche Archäologie und provinzialrömische Archäologie der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München, das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege und das Museum in Erding. Impulsgeber war Harald Krause. Als freier Mitarbeiter erstellt er das neue Konzept für die archäologische Abteilung im Erdinger Museum. "Die Stadt Erding kann stolz sein und sich geehrt fühlen, so einen tollen Partner gewonnen zu haben", sagte Krause über den LMU-Professor Bernd Päffgen, der das Projekt von wissenschaftlicher Seite betreut.

Geforscht wird ausschließlich an Ausgrabungen, die der Stadt Erding auch gehören. "Der Boden ist voller Geschichte", sagte Krause. Wissenschaftlich besonders interessant sind vor allem die Funde aus Aufhausen-Bergham. Aus einem Schachtgrab ist vor über 20 Jahren ein Sattel gefunden worden, gemeinsam mit Reitgeschirr und den Skeletten einer Frau und eines Maultieres. "Das Maultier war ein Reittier der hohen Geistlichkeit", erklärte Päffgen und ergänzte, dass man zuerst dachte, es handelte sich um ein Pferd. Lediglich eine zweiseitige Publikation kann die Wissenschaft laut dem Professor dazu aufweisen. Auch Auswertungen zu den Fundkomplexen aus dem Altenerdinger Gräberfeld sollen mit neuen, computergestützten Verfahren von Studierenden der Archäologie an der LMU in Magister- und Masterarbeiten erforscht werden. Die Fundstücke selbst gehören der Archäologischen Sammlung in München. Der Sattel allerdings ist Bestand des Erdinger Museums und damit Eigentum der Stadt. Laut gesetzlichen Bestimmungen sei der Bauherr der Eigentümer von Ausgrabungen, diese würden im Regelfall über Schenkungsverträge an die Stadt übertragen werden, sagte Jochen Haberstroh vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege.

An dem Sattel aus dem siebten oder achten Jahrhundert, genaueres müsse erst erforscht werden, wird eine Doktorandin in Erding arbeiten. Aus dem neuen Fördertopf soll unter anderem ihr Stipendium bezahlt werden. Hierfür wird die Archäologin laut Krause interdisziplinär vernetzt arbeiten, beispielsweise für Untersuchungen am Material naturwissenschaftliche Forscher beauftragen. Das kostet Geld. Junge Wissenschaftler seien auf Stipendien stark angewiesen, um nicht kostbare Zeit durch Kellnern oder sonstige Nebenjobs zu verlieren, weiß Krause, der sich seine eigene Doktorarbeit selbst finanzieren muss.

Und was bringt die historische Aufarbeitung? Krause sieht daran einen wichtigen Beitrag zur Kulturarbeit der Stadt. "Nur wenn wir forschen, können wir wissenschaftliche Erkenntnisse über die Lebensumstände gewinnen", sagte der Archäologe: "So können wir den Regionalbezug in die Geschichtsbücher schreiben." Mit dem Altenerdinger Gräberfeld zähle die Stadt zu den archäologisch bedeutsamsten Orten Europas, wenn es um die Erforschung des ersten Jahrtausends nach Christus geht. Fortan kann Forschung in Erding betrieben werden, das neue Museum soll auch Arbeitsräume für Wissenschaftler bieten. Die LMU sei, nicht zuletzt durch ihre Auszeichnung zur Exzellenzuniversität, ein attraktiver Kooperationspartner, der Standort Erding durch die S-Bahnanbindung gut zu erreichen, sagte Krause.

Wenn Bauherren künftig auf archäologische Funde stoßen, können Wissenschaftler aktiv in das Grabungsgeschehen eingreifen. Durch das langjährige Engagement von Krause hätten Baustopps aufgrund archäologischer Funde an Schrecken verloren und die kulturelle Bedeutung sei in das öffentliche Bewusstsein getreten, lobte Jakob Mittermeier (CSU). "Wir tragen ein Stück übergeordnete Verantwortung", begründete Bürgermeister Max Gotz die Projektförderung. Er freue sich auf die Zusammenarbeit - und auf die Chance, wissenschaftliche Erkenntnisse zu begleiten.