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Erding:Eine Ära geht zu Ende

35 Jahre war Bernhard Rötzer Wirt vom Gasthof zur Post. Jetzt will er nicht mehr. Das Traditionslokal ist geschlossen

Auf den ersten Blick sieht es Mitte März im Gasthof Zur Post wie immer aus: Auf einem Tisch liegen Tischdecken bereit, an den Wänden hängen Pferdehalfter und Fotos und mitten drin steht Wirt Bernhard Rötzer. Und doch ist alles anders. Familie Rötzer, die das Wirtshaus 35 Jahre betrieben hat, räumt das Gebäude. Die Schließung der Traditionsgaststätte in der Innenstadt ist seit September vergangenen Jahres beschlossene Sache. Am 22. März sollte die offizielle Abschiedsfeier sein. Angesichts der verhängten Corona-Ausgangssperren ist Rötzer froh, dass er sich schon vorher fürs Aufhören entschieden hat, gleichzeitig fürchtet er um seine Wirtskollegen, die nicht wissen, wie es nach der staatlich angeordneten Lokalschließung weitergehen wird.

Dass er einmal das Traditionshaus führen würde, das konnte sich Bernhard Rötzer lange nicht vorstellen. Der gelernte Koch und Metzger aus Erding hatte sich nach dem Besuch der Hotelfachschule zunächst als Gastronom für die damals neugebaute Stadthalle Erding beworben und war abgeblitzt. "Zum Glück", wie er heute sagt. Denn er wurde auf den Gasthof Zur Post aufmerksam gemacht. Allerdings sei der Gasthof damals komplett heruntergewirtschaftet gewesen, "er hatte keinen guten Ruf, keiner wollte den haben", erinnert er sich . Nicht zuletzt seine Mutter Marianne Rötzer, ehemalige Stadt- und Kreisrätin und dritte stellvertretende Landrätin, ermunterte ihn, es doch mit dem Wirtshaus zu versuchen. Auch seine damalige Freundin und spätere Frau Gisela war bereit zum Mitmachen. "Dann hat mich der Ehrgeiz gepackt", so Rötzer. Und es begann "eine sehr, sehr schwierige Zeit". In der Anfangszeit habe es Abende gegeben, da waren zwei, drei Tische besetzt. "Da überlegt man sich bei jeder Bratpfanne, ob man die kaufen soll oder nicht."

Wirt Bernhard Rötzer ist derzeit mit Ausräumen beschäftigt. Die Schließung hatte die Wirtsfamilie schon vor sieben Monaten beschlossen. Leicht fällt der Abschied nach 35 Jahren natürlich nicht.

(Foto: Renate Schmidt)

Langsam ging es aber bergauf, "der große Boom kam mit der Eröffnung der Therme", so Rötzer. Denn diese spülte ab Ende 1999 auch viele Touristen in die Stadt "und die wollten bayerisch essen". Die letzten Jahre liefen sehr, sehr gut, das große Problem jedoch war die Personalsituation, "die letzten Jahre war das eine reine Katastrophe", schimpft der Wirt. Niemand wolle mehr in der Gastronomie arbeiten mit Dienst am Feiertag und Wochenende. "Keiner will mehr Koch werden, jeder will studieren." Enttäuscht sei er auch von der Politik: Da habe er "mühsamst" passende Arbeitskräfte unter den Flüchtlingen gesucht, sie angelernt und dann sei ihnen die Arbeitserlaubnis wieder entzogen worden. Er habe das als "Watschn" empfunden.

Mit seiner Meinung hat Bernhard Rötzer nie hinterm Berg gehalten. Bundesweit bekannt wurd er 2011, als er dem damaligen deutschen ÖDP-Chef Sebastian Frankenberger den Zutritt zu seiner Wirtschaft verwehrte aus Ärger über das Rauchverbot, das auf Initiative der ÖDP bayernweit wirksam wurde. "Mir ist es damals vor allem um die kleinen Wirte und Kneipen gegangen, die hatten nämlich schon Umsatzeinbußen", sagt er. Das Verbot findet er noch immer übertrieben. Harte Kritik äußert er auch an den vielen Auflagen und bürokratischen Erfordernissen, die der Gastronomie, die ohnehin mit dem Rücken zur Wand stehe, den Überlebenskampf erschwerten.

In den Räumen wird so schnell kein Gast mehr sitzen.

(Foto: Renate Schmidt)

Den Kampf will er sich und seiner Familie einfach nicht mehr antun. Bis zuletzt sei er täglich um 9 Uhr im Wirtshaus gestanden, hat Saucen angesetzt, zum Beispiel für das Rehragout, die Spezialität des Hauses. Das Rezept stammt von der Urgroßmutter und hatte sehr viele Fans, "wir hatten Gäste aus Österreich, die sind nur wegen des Ragouts gekommen". Der eine oder andere Prominente hat auch in der Post getafelt, einmal sei er zur Tür herein und habe Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder am Tisch sitzen sehen. "Wie kommen Sie denn hier her?", sei ihm zur Begrüßung herausgerutscht. Schröder habe gelacht und seine Brotzeit fertiggegessen.

Das Wirtshaus zur Post hat eine lange Tradition. Wie es auf der Homepage heißt, ist der Gasthof Ende des 17. Jahrhunderts entstanden. Dort befand sich früher die Posthalterstation mit Pferdeställen, Gäste konnten übernachten, die Pferde wurden ausgetauscht. Später bewirtschafteten die Brauerei- und Posthalterleute Friedrich und Katharina Fischer den Gasthof und die Brauerei bis 1890. Das Ehepaar Fischer gründete die Fischers Wohltätigkeitsstiftung. Ihr gehören der Gasthof zur Post und viele andere Wirtschaften im Landkreis. Das Wirtshaus hat schon einiges mitgemacht. Im Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude bei einem Fliegerangriff beschädigt, blieb aber in seiner Substanz erhalten. Von 1978 bis 1980 erfolgte eine aufwendige Sanierung, 1985 übernahm die Familie Rötzer.

Der Gasthof zur Post ist eins der markantesten Gebäude in der Erdinger Innenstadt. Bis auf Weiteres ist die bayerische Traditionsgaststätte geschlossen.

(Foto: Renate Schmidt)

Für die Stadt Erding ist das Wirtshaus von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Erst Ende 2017 schloss der Gasthof Mayr-Wirt an der Haager Straße. Viele Stammgäste und Vereine wurden somit heimatlos, einige fanden im Gasthof zur Post eine neue Heimat. Dort findet jedes Jahr eine weitere Erdinger Traditionsveranstaltung statt: Ein Fasching ohne den Lumpen- und Bazi-Ball in der Post ist kein richtiger Fasching, zumindest in Erding. Dieses Jahr wurde der Ball noch einmal gefeiert, wohl zum letzten Mal.

Am 22. März hätte die große Abschiedsfeier im Wirtshaus zur Post stattfinden sollen, doch nachdem die ersten Schutzmaßnahmen gegen Corona angelaufen waren, haben die Rötzers bereits am 16. März offiziell Schluss gemacht. Gefeiert wurde im Familienkreis, mit Freunden des Hauses und einigen Stammgästen.

Jetzt hilft die ganze Familie, die drei Töchter und die Schwiegersöhne, zusammen und räumt das Wirtshaus. In dem bayerischen Lokal mit Kutscher- und Bauernstube und Biergarten gibt es viel zu tun. Möbel, Dekoration, Geschirr, alles muss bis spätestens 31. März raus. Gerne hätte Rötzer einen Flohmarkt veranstaltet, das geht aufgrund der aktuellen Ausgangssperre nicht, alles wird nun erst mal eingelagert.

Mit Blick auf die vergangenen 35 Jahre sagt Bernhard Rötzer, dass er sehr gerne Wirt gewesen sei. "Wenn man d'Leut mag, dann ist das eine wunderbare Sache, und ich mag d'Leut." In den Jahren sei er so vielen Menschen begegnet aus ganz unterschiedlichen Schichten, die hätte er sonst nie getroffen. Jetzt allerdings empfinde er auch eine "Riesenerleichterung", dass der tägliche Druck weg sei. Angesichts der Corona-Schutzmaßnahmen sei er froh, "dass wir es jetzt beenden". Zugleich sorgt er sich um seine Wirtskollegen, "ich hoffe, dass sie es wirtschaftlich überleben". Seine Frau und er wollen nun als "Großeltern in Teilzeit" weiterzumachen, auch um die Mutter Marianne wolle er sich kümmern und dann ist da noch der große Garten.

Wie es mit dem Gasthaus zur Post jetzt weitergeht, steht in den Sternen. Die Suche nach einem neuen Pächter läuft seit sieben Monaten. Rötzer fürchtet, dass das Wirtshaus erst mal leer steht. Einen neuen Wirt für das bayerische Wirtshaus zu finden, das sei im Moment "fast unmöglich".

© SZ vom 25.03.2020
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