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Erding:Drastisch reduzierte Arztbesuche

Aushang am Medizinischen Versorgungszentrum: Patienten mit Symptomen oder Rückkehrer aus Risikogebieten sollen die Praxen nicht betreten.

(Foto: Renate Schmidt)

Damit man sich nicht ausgerechnet in einer Praxis mit dem Coronavirus infiziert, schützen niedergelassene Mediziner mit verschiedenen Mitteln ihre Patienten und ihr Personal. Der persönliche Kontakt und notwendige Behandlungen bleiben dennoch erhalten

Häufigere Desinfektionen, Plexiglasfenster an der Anmeldung, Hinweisschilder an der Praxistür: Wegen der Coronakrise passen die Arztpraxen im Landkreis zunehmend ihre Vorsichtsmaßnahmen an, um Patienten und das eigene Personal zu schützen. Ein größeres Problem ist, dass die Hygieneausrüstungen knapp ist. Erst in den kommenden Tagen soll ausreichend Nachschub an Masken ankommen, wie mehrere Ärzte berichten. Um die Wartezimmer möglichst leer und das Infektionsrisiko gering zu halten, versuchen die niedergelassenen Mediziner, das Patientenaufkommen zu reduzieren. Eine Arztpraxis im Landkreis beklagt außerdem den Ausfall von vier Ärzten.

Das Medizinische Versorgungszentrum Dorfen (MVZ) setzt laut Geschäftsführer Francisco Moreano vermehrt auf Videosprechstunden. "Für Risikopatienten wie ältere Menschen oder chronisch Erkrankte ist das ein sinnvolles Instrument in der ambulanten Versorgung, denn sie sollen zurzeit möglichst zu Hause bleiben." Der persönliche Kontakt sei unersetzlich, denn eine Behandlung aus der Distanz sei nur sehr eingeschränkt möglich. "Es ist wichtig, dass wir so oder so die Nähe zum Patienten halten", sagt Moreano. Aus Angst vor einer Ansteckung haben schon einige Patienten von sich aus abgesagt.

Die Fernsprechstunde sei freilich eher ein Beratungsgespräch, um die Lage des Patienten besser einzuschätzen. Sei eine persönliche Behandlung notwendig, könne der Patient weiterhin in die Praxis kommen - sofern der Arzt eine Gefährdung ausgeschlossen hat. Patienten, die Symptome wie Atembeschwerden aufweisen und sich möglicherweise mit dem Coronavirus angesteckt haben, sollen natürlich nicht in der Praxis erscheinen. "In einem Videogespräch können wir klären, ob der Verdacht auf eine Corona-Infektion besteht, und über entsprechende Maßnahmen sprechen", sagt Emil Rudolf, der ärztliche Leiter des MVZ Dorfen.

Die Videosprechstunden werden von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern gefördert und es gibt sie auch schon länger. Regelmäßig zum Einsatz kommen sie jedoch erst seit Beginn der Corona-Krise. Wegen der hohen Nachfrage seien die Nutzungsgenehmigungen vereinfacht worden, um die Methode schneller anzuwenden, sagt Moreano. Gleichzeitig komme es nun aber zu Systemüberlastungen. "Die Anbieter sind dabei, die technischen Kapazitäten zu erhöhen."

Der Erdinger Zahnarzt Wolfgang Kronseder setzt die Videosprechstunde nicht ein. Bei einer zahnmedizinischen Behandlungen sei das nicht hilfreich. Damit dennoch möglichst wenig Patienten in seiner Praxis aufeinandertreffen, hat er alle aufschiebbaren Behandlungen vorerst abgesagt. "Unser Patientenaufkommen beträgt aktuell nur noch etwa zehn bis 20 Prozent", sagt Kronseder. So seien nie mehrere Personen gleichzeitig an der Anmeldung oder im Wartezimmer. Wegen der wenigen Patienten hat Kronseder sein Praxisteam in zwei sich abwechselnde Halbtagsschichten eingeteilt. Auf diese Weise sind nicht alle gleichzeitig einem Infektionsrisiko ausgesetzt.

Ähnlich handhabt es die Kinderärztin Marei Huber in ihrer Gemeinschaftspraxis in Erding. Auch dort gibt es zwei Teams. "Wir trennen Infektiöse und Nicht-Infektiöse räumlich und zeitlich voneinander und teilen uns entsprechend auf." In einer Isener Praxis werden die Patienten ebenfalls in separaten Räumen behandelt, wie eine Ärztin berichtet. Aufkleber am Boden sollen Abstände bei der Anmeldung garantieren. Damit weniger Patienten erscheinen, treten die Ärzte mit ihnen telefonisch in Kontakt. Ziel sei es abzuwägen, ob sie die Person in die Praxis bitten, an eine Screening-Stelle verweisen oder per Telefon krankschreiben. "Bei akuten Erkältungssymptomen bekommen die Patienten eine Krankschreibung von bis zu 14 Tagen", so die Ärztin. Ob es sich um eine Corona-Infektion handelt, sei nicht relevant, auch bei Schnupfen sei man inzwischen vorsichtig: Wer krank ist, müsse sich auskurieren.

In der Regel erfragen auch Huber und ihre Kollegen vorab die Symptome am Telefon, um das Ansteckungsrisiko einzuschätzen. Vorsorgen werden verlegt, Patienteneltern sagen Termine zum Teil selbst ab. Einige Routineuntersuchungen seien aber weiterhin notwendig, besonders bei Säuglingen, die derzeit die Kliniken meist schon kurz nach der Geburt verlassen. "Wir überlegen deshalb, unsere Sprechstundenzeiten auf das Wochenende auszuweiten und Hausbesuche vorzunehmen, um wichtige Behandlungen zu gewährleisten", sagt Huber. Auf jeden Fall dürften die Patienten nicht aus dem Blick geraten, sagt auch Francisco Moreano: "Indem wir besonnen und mit guten Konzepten reagieren, erhalten wir die Versorgung aufrecht und die Patienten können sich sicher fühlen."

© SZ vom 01.04.2020

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