bedeckt München 20°
vgwortpixel

Erding:Die Macht des bösen Clowns

Ensemble der Augsburger Puppenkiste spielt am Anne-Frank-Gymnasium das Stück "Nicht lustig". Fünftklässler werden gegen Rassismus sensibilisiert

Ob klatschen oder nicht, das war die Frage, als das Stück "Nicht lustig" nach einer Dreiviertelstunde zu Ende ging. Manche der Schüler klatschten, um "die Schauspieler zu loben", wie sie sagten. Andere klatschten nicht, "weil der Clown böse war", wie sie sagten. Ein Clown nimmt schrittweise einem kleinen Puppenmann alles weg, indem er große, graue Kisten über sein Hab und Gut stülpt. Zum Schluss verschwindet der Puppenmann selbst. Das Stück "Nicht lustig", gespielt von einem Ensemble der Augsburger Puppenkiste, leitete am Mittwoch Morgen den Antirassismustag der fünften Klassen des Anne-Frank-Gymnasiums ein.

Das Freie Ensemble Augsburg, das sich zusammensetzt aus Mitgliedern der Augsburger Puppenkiste, mit der gebürtigen Erdingerin Judith Gardner, führte das Handpuppenstück ´Nicht lustig` in Erding auf.

(Foto: Bauersachs)

Zum sechsten Mal hat der Arbeitskreis "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage", unter der Leitung von Jens Gertitschke und Hermann Reinhard, den Antirassismustag geplant und realisiert. Die Fünftklässler sollten sich auf der Basis des Stücks "Nicht lustig" mit Themen wie Mobbing, Ausgrenzung und Rassismus auseinandersetzen. Etwa 30 Schüler ab der neunten Jahrgangsstufe, die sich im Arbeitskreis engagieren, unterstützten die Fünftklässler am Antirassismustag als Tutoren. "Es macht Spaß mit den fünften Klassen.

Dieses Jahr sind sie auch ganz ruhig", sagte eine der erfahreneren Tutorinnen. Wie ihnen denn das Stück gefallen hat, fragten sie die jüngeren Schüler. "Lustig", "schön", "gemein", "böse" sei der Clown - die Reaktionen der 5b zeigen, dass es wichtig ist, über das Stück zu reden und die vielen Eindrücke zu sortieren. Warum zerstört der Clown den Lebensraum des kleinen Mannes, hakten die Tutoren mit Fragen weiter nach. Vorurteile könnten ein Grund sein, wie ein Videoclip zeigte. "Alle Franzosen heißen Pierre, essen gerne Baguette, sagen olala und tragen eine Baskenmütze", heißt es darin. "Es gibt ja auch andere Franzosen", warf ein Schüler ein.

Aufgrund ihres entwicklungspsychologischen Standes sei das Stück für die Zehn- und Elfjährigen eine echte Herausforderung, sagte Gertitschke. Die Stimmung sollte langsam auf die Schüler übergreifen, sie sensibilisieren für das Thema Ausgrenzung und Mobbing. "Eine Nachbesprechung ist eine Notwendigkeit." Deshalb ist die Aufführung auch nur der Einstieg in ein Projekt, das den gesamten Vormittag in Anspruch nimmt.

Zusätzlich an Komplexität gewann das Stück durch die Parallelen, die Ernst Grube später zum Naziregime zog. Er ist Zeitzeuge des Dritten Reiches und verglich seine Erfahrungen mit denen des Puppenmanns. "Als ich sechs war, wurde ich mit meiner Familie aus unserem Haus vertrieben. Als Sauhund beschimpften uns die Nachbarskinder, weil wir Juden waren", erzählte der 1932 geborene Münchner. Wie dem kleinen Puppenmann wurde ihm alles weggenommen, bis er im Konzentrationslager Theresienstadt landete.

Der Puppenmann hatte auch nichts Böses getan, er freute sich an der Natur, kochte, arbeitete als Schmied und schlief. Der Clown aber ließ ihm nicht einmal das Telefon, um sich mit der Außenwelt in Verbindung zu setzen. "Ich habe erfahren, was es heißt alleine zu sein, ausgegrenzt zu werden", sagte Grube. Es sei wichtig, keine Angst zu haben vor der Meinung der Anderen, vermittelte Grube den Kindern. "Ihr hättet ja aufstehen können, etwas gegen den Clown unternehmen können", sagte er.

Das Stück haben wir extra für die Schule geschrieben", sagte Judith Gardner. Eigentlich sind sie und ihr Mann Carsten Gardner sowie der Clowndarsteller Stefan Schmieder bei der Augsburger Puppenkiste tätig. "Das hier ist mehr eine Freizeitbeschäftigung", sagten sie. Es sei interessant das Stück auch für die sechsten Klassen der Mädchenrealschule Heilig Blut aufzuführen. Sie waren um zehn Uhr dran. "Die fingen immer mehr an Buh zu rufen, wenn der Clown wieder etwas wegnahm", sagte Gardner. Verwirrung stehe immer am Ende des Stückes in die Gesichter der Kinder geschrieben, aber darauf zielten sie ja auch ab, so die Schauspieler. "Das zeigt, dass wir die Schüler zum Nachdenken anregen."