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Erding:Darauf hat der Einzelhandel gewartet

In seinem normalen Leben geht Jakob Landbrecht an die FOS Erding. In seiner Freizeit hat er eine vielversprechende App entwickelt.

(Foto: privat)

Der 16-Jährige Jakob Landbrecht aus Niederding hat mit einer App den zweiten Platz bei "Jugend gründet" errungen

Von Lilly Schäfer, Erding

Der niedergelassene Einzelhandel macht sich seit Jahren Gedanken darüber, wie er sich digital besser präsentieren und wie er am Online-Geschäft partizipieren kann. Jakob Landbrecht, 16, von der FOS Erding hat die Lösung: Er hat die App "Artis" entwickelt und mit ihr den zweiten Platz des bundesweiten Unternehmer-Wettbewerbs "Jugend gründet" gewonnen. Bundesweit haben daran mehr als 4100 Schülerinnen und Schüler teilgenommen. Mit Artis findet der Kunde das von ihm gewünschte Produkt im Einzelhandel vor Ort. Das ist nicht nur nachhaltig, weil lange Lieferwege wegfallen. Das hilft auch den lokalen Händlern, sich im digitalen Markt zu behaupten. Den 16-jährigen Gewinner erwartet nun ein Mentoring mit der erfahrenen CEO Antje Leminsky, ein neues Tablet und eine einjährige Mitgliedschaft für die Unternehmer-Plattform YEP. Außerdem erhielt er den Sonderpreis "Support your Ort" des Unternehmens Vaude, das umweltfreundliche Sportkleidung und Ausrüstung produziert.

Überrascht, aber überglücklich nahm Landbrecht bei der live übertragenen Online-Siegerehrung am Freitag den Preis und jede Menge Lob entgegen. "Damit hätte ich niemals gerechnet", beteuerte der 16-Jährige Niederdinger in der Pressekonferenz. Die GFT Technologies-Unternehmerin Maria Dietz sagte, die Jury habe sich einstimmig für Jakob Landbrecht als Zweitplatzierten entschieden, weil er seine App und ihren Nutzen nachvollziehbar und voller Leidenschaft präsentiert habe. Außerdem sei er der einzige Teilnehmer gewesen, der nicht im Team, sondern alleine ein so beeindruckendes Geschäftsmodell auf die Beine gestellt habe, betont Dietz.

Landbrechts Idee kommt nicht zur Unzeit. Online-Shopping ist während der Ausgangsbeschränkungen für viele zum Ersatz für den Einkaufsbummel geworden. Weil immer mehr im Internet eingekauft wird - auch schon vor Corona -, wollte Landbrecht die Menschen dazu animieren, wieder beim Händler vor Ort einzukaufen.

Die zündende Idee hatte er bei einem Urlaub in Österreich, als er den Akku für seine Drohne vergessen hatte und stundenlang nach einem Laden für einen Ersatz-Akku suchen musste. Diesem Problem möchte er mit seiner App entgegenwirken: Über eine einfache Suchfunktion erfährt der Nutzer, wo und zu welchem Preis sein Wunschprodukt in der Nähe zu kaufen ist. Das spart Verpackungsmüll und reduziert Lieferfahrten und hilft so, die Umwelt zu schützen. "Außerdem kann man sich in den Geschäften auch immer beraten lassen. Und natürlich geht es viel schneller als Onlineshoppen. Artis hilft also besonders bei Käufen, die man sofort braucht."

Den Einzelhändlern bietet die App ein digitales Schaufenster für ihre Produkte, das sie nicht einmal selbst verwalten müssen. Finanziert wird Artis durch die Händler: Sie zahlen eine Provision pro Kunde. Mit GPS und Bluetooth wird ermittelt, welche Kunden nach der Nutzung der App den Laden betreten. Landbrecht sagt, er habe den Prototypen der App selbständig programmiert, nur sein Bruder habe geholfen. "Der hat auch ein bisschen Ahnung vom Programmieren." Um die App zu testen, hat er auch schon einige Kooperationspartner in Erding gefunden. Namen will er noch nicht nennen. Es gebe ein breites Spektrum vom Schuhhändler über Juweliere bis zu Getränkemärkten. Ihm sei aufgefallen, dass nur die wenigsten Händler einen geeigneten Kommunikationskanal haben, um mit ihren Kunden in Kontakt zu treten. "Das hat mich in der Idee bestärkt, auch eine Chatfunktion miteinzubauen", sagt er. Auf diesen Weg wäre auch ein individuellerer Produktaustausch möglich, beispielsweise in Form von einem Lieferangebot.

Planen und Programmieren der App waren nicht die einzigen Aufgaben, die die Teilnehmer von "Jugend gründet" bewältigen mussten. In der ersten Phase hatten sie vier Monate Zeit, um einen Businessplan zu entwickeln mit Konzept, der Wahl eines Namens und einer Vision bis zum technischen Verfahren, der Finanzierung und den Marketingstrategien. Ebenso wichtig wie die Umsetzbarkeit sei die Zukunftsorientiertheit und die Kreativität, erklärt die Projektleiterin Franziska Metzbaur. Die Jury urteile nicht nur nach der Rentabilität, sondern auch nach Kriterien der sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit. "Sehr viele der eingereichten Projekte haben starke soziale Tendenzen, das heißt sie erfüllen einen gemeinnützigen Zweck. Auch Artis erfüllt diese Kriterien", sagt sie.

Der zweite Teil des Wettbewerbs war ein Planspiel mit einer digitalen Startup-Simulation. Mit diesem Programm werden die Mechanismen des Marktes nachgebildet, und die Teilnehmer testen ihre Führungskompetenzen in den nächsten acht Jahren ihres Unternehmens. Sie müssen Strategien entwerfen, auf konjunkturelle Veränderungen reagieren, sich gegenüber Konkurrenten behaupten, Buchhaltung führen, Marketing betreiben und Entscheidungen zu den Finanzen und der Nachhaltigkeit des Startups treffen.

"Die Businessplan-Phase fand ich richtig cool. Da konnte man kreativ sein und sein Projekt strukturieren", sagte Landbrecht. "Die zweite Phase fand ich ziemlich anstrengend. Ich hab erst mal zwei von fünf Versuchen in den Sand gesetzt. Mit einer riesigen Excel-Tabelle hab ich mich dann Stück für Stück voran gearbeitet." Jetzt will er die App fertig stellen. Ob er das Startup Artis wirklich gründen wird, sei noch ungewisse. "Wenn man unter 18 ist, gibt es da rechtlich immer einige Schwierigkeiten." Für den Moment sei er erst einmal sehr zufrieden.

© SZ vom 23.06.2020

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