Erding Amt der Leere

Die Agentur für Arbeit in Erding vermeldet stets bundesweite Niedrigstwerte - und schaut sich selbst nach Jobsuchenden um

Von Benedikt Warmbrunn

Erding Um acht Uhr morgens ist das Foyer im Arbeitsamt Erding noch leer. Verlassen summen die Computer. Die schwarzen Metallstühle sind kühl. Draußen schüttelt der Wind die Bäume an der Einfahrt durcheinander. Das Rascheln der Blätter ist auch drinnen zu hören, neben dem Quietschen der eigenen Schuhe. Ansonsten: Stille. Ist das tatsächlich das Arbeitsamt? Wo sind die wild gestikulierenden Arbeitslosen, die wüst die völlig überlastete Frau am Infoschalter beschimpfen? Wo sind die Warteschlangen, in denen sie frustriert die Nummer auf ihrem Zettel lesen?

Die Lage am Arbeitsmarkt im Landkreis Erding ist so entspannt, dass man sich in der Agentur für Arbeit  immer wieder neue Ideen einfallen lässt, um neue Arbeitnehmer anzuwerben.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Arbeitsamt Erding: Eigentlich ist das Foyer hier nie so richtig voll. Natürlich gibt es diese Tage, an denen mehr los ist, zum Monatsbeginn, oder zwischen Weihnachten und Silvester, dann herrscht Urlaubssperre für die Mitarbeiter. Aber an einem Vormittag wie diesem zum Monatsende halten sich nie mehr als vier Personen gleichzeitig im Foyer auf.

Am Mittwoch wurden die allmonatlichen Arbeitslosenzahlen veröffentlicht, bundesweit ist die Quote im April auf sieben Prozent gesunken. In Erding können sie traditionell Niedrigstwerte vorzeigen, im April: eine Quote von 2,1 Prozent.

Im zweiten Stock hat Klaus Katzschner dazu einen Berg an Papier vor sich aufgebaut: Langzeitarbeitslose, junge Arbeitslose, weibliche Arbeitslose. In allen Bereichen stünde Erding bundesweit gesehen sehr gut da, sagt Katzschner, der seit 2007 die Geschäftsstelle in Erding leitet. Lange hatte Erding unter den bayerischen Landkreisen die Spitzenwerte überhaupt, inzwischen steht Eichstätt besser da. Dort lag die Arbeitslosenquote im April bei 1,2 Prozent.

Um das Heim dieser Zahlen zu zeigen, führt Katzschner an diesem Vormittag durch sein Amt, durch die Leere, durch die Stille und somit irgendwie durch die Situation am Erdinger Arbeitsmarkt.

Um zehn Uhr sitzen drei Männer an den Computern im Foyer, sie klicken sich durch die aktuellen Job-Angebote. Einer der Männer steht schnell auf, als Katzschner durch die Tür kommt. Einen Termin hätte er gern, am liebsten sofort. Katzschner grüßt und gibt die Hand. Natürlich, sagt er, muss dann jedoch vertrösten: Gerade nicht, aber in der nächsten Woche, ganz sicher. Lange Wartezeiten gibt es auf dem Arbeitsamt in Erding nicht. Warteschlangen? Katzschner schüttelt sanft den Kopf.

Im April haben sich acht ehemalige Schlecker-Mitarbeiter arbeitslos gemeldet, dazu 16 von Müller-Brot. Für den Bezirk Freising-Erding hatten sie mit insgesamt 500 Zugängen von der Großbäckerei gerechnet, "da sind wir gut weggekommen", sagt Katzschner.

Die Lage im Landkreis ist so entspannt, dass sich Katzschner und seine Mitarbeiter immer wieder Ideen einfallen lassen, um neue Arbeitnehmer anzuwerben. Gemeinsam mit dem Flughafen hatten sie sich vor einigen Jahren mehrmals in den neuen Bundesländern nach Jobsuchenden umgeschaut, ein paar sind sogar hergezogen. Ende März war zudem eine Delegation in Polen, um dort im Pflegebereich für den Landkreis zu werben. Es wird wohl scheitern: die Sprache, die Entfernung zur Heimat. Die Firmen werden weiter suchen müssen.

Um den akuten Arbeitermangel kümmern sich am Arbeitsamt Erding zwei Sachbearbeiter. Sie speisen Stellenanzeigen aus der Zeitung in das eigene Computersystem ein, immer wieder rufen Firmen selbst an, manchmal melden sich auch die Sachbearbeiter und fragen, ob es freie Plätze gibt. Einmal, zweimal pro Woche schaut ein Arbeitgeber persönlich vorbei. Besonders begehrt sind Handwerker, im Landkreis gibt es viele kleine, mittelständige Betriebe, vor allem im Baugewerbe. Für akademische Berufe und andere Exoten gibt es dagegen kaum Nachfrage. "Da fehlt uns die große Industrie", sagt Katzschner. Dennoch wohnen viele Gutverdienende in Erding und pendeln, vor allem nach München. Das drückt die Quote noch weiter nach unten.

Wenige Türen weiter bearbeitet eine Sachbearbeiterin die Anträge der Arbeitslosen. Die Frau kümmert sich um die Arbeitssuchenden, die sie ihre "Kunden" nennt. Sie stellt den Erstkontakt her, kontrolliert die Formulare, prüft, ob Arbeitslosengeld gezahlt werden kann. Gerade sitzt ihr ein junger Rumäne gegenüber, sein Deutsch hat einen starken Akzent, aber das meiste versteht er, manchmal sagt er jedoch etwa mechanisch "freilich, freilich".

Der Mann hat bisher als Kellner gearbeitet, bei zwei italienischen Restaurants in Dorfen. Das erste hat ihm ein gutes Arbeitszeugnis ausgestellt, von dem zweiten hat er sich im Streit getrennt. Eigentlich ein Nachteil. Außerdem hat er die Krankenkasse gewechselt, als er bei dem zweiten Italiener gearbeitet hat. Noch ein Nachteil.

Aber der Mann spricht fließend Rumänisch und Italienisch, dazu Deutsch und Englisch. Die Mitarbeiterin schlägt ihm mehrere Arbeitsplätze in einem Umkreis von 50 Kilometern von Dorfen vor. Bars, Restaurants, ein Steak-House ist dabei, auch ein Hotel. Eine Bewerbung pro Woche, das ist die Aufgabe, die ihm die Sachbearbeiterin mitgibt. Das Angebot zu einem Bewerbungscoaching schlägt er aus, er will sich lieber gleich persönlich vorstellen.

In acht Wochen wäre das nächste Gespräch, sagt die Beraterin nach einer halben Stunde. Falls er bis dahin keinen Job gefunden habe. Aber er hat so viele ausgedruckte Stellenangebote in die Tasche gesteckt, Kellner sind zurzeit sehr gefragt im Landkreis, eigentlich immer. Die Sachbearbeiterin glaubt nicht, dass sie diesen Kunden wiedersehen wird. Und so hört sie zu, wie das Quietschen seiner Schuhe immer leiser wird.