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Die Gespräche laufen:Führungsgruppe steuert durch Krise

Katastrophenschutz-Lagezentrum

Die Führungsgruppe des Katastrophenschutzes im großen Sitzungssaal des Landratsamtes, wo ansonsten der Kreistag und die Kreisausschüsse zusammentreten. Erst Ende vergangenen Jahres fand eine Übung in dieser Zusammensetzung statt, nun ist es plötzlich ernst geworden.

(Foto: Stephan Görlich)

Landratsamt nimmt Aufgabe als Katastrophenschutzbehörde wahr: Im Sitzungssaal laufen die Fäden von BRK, Malteser, Johanniter, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Polizei, Bundeswehr und Klinikum zusammen

Seit der Katastrophenfall für den gesamten Freistaat ausgerufen ist, hat der große Sitzungssaal im Landratsamt eine neue Verwendung gefunden. Wo normalerweise aufgereihte Stühle und Tische stehen, befinden sich jetzt Drucker, Telefone und Arbeitsplätze. Die Führungsgruppe Katastrophenschutz zur Bekämpfung des Coronavirus hat sich hier eingerichtet.

Was nach Ausnahmezustand klingt, geht auf klare und routinierte Richtlinien zurück, die das Bayerische Katastrophenschutzgesetzes vorgibt. Ist die "Gesundheit einer Vielzahl von Menschen gefährdet", so Artikel 1 des Gesetzes, nimmt die Kreisverwaltungsbehörde ihre Rolle als Katastrophenschutzbehörde wahr: im Falle des Landkreises Erding das Landratsamt. Erst im Herbst vergangenen Jahres hatte eine Übung für den Katastrophenfall stattgefunden. Zwar exemplarisch am Beispiel eines Schneesturms und nicht eines Virus, doch auch damals fand sich der Krisenstab in den Räumlichkeiten des großen Sitzungssaales zusammen.

"Auch davor fanden täglich Krisenbesprechungen zu Corona statt, jetzt läuft das aber alles zentralisiert ab", sagt die Sprecherin des Landratsamts Daniela Fritzen in Bezug auf die Änderungen, die die Führungsgruppe mit sich bringt. Eine der ersten Handlungen der Gruppe, die Landrat Martin Bayerstorfer (CSU) leitet, war es, den Einkauf von Masken und Schutzanzügen für den gesamten Landkreis in die Hand zu nehmen. Davor stimmten sich Klinikum, Ärzte und Verbände zwar ab, die Materialien bestellte aber jeder einzeln. Auf Bestreben der Führungsgruppe stellte ein Erdinger Apotheker gemeinsam mit der Feuerwehr 1800 Liter Desinfektionsmittel her, das in Einrichtungen im Landkreis Verwendung findet.

Etwa 25 Personen sind Teil der Führungsgruppe. Knapp die Hälfte davon sind Mitarbeiter des Landratsamtes, die andere Hälfte besteht aus Vertretern von Rotem Kreuz, Malteser, Johanniter, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Polizei, Bundeswehr und dem Klinikum. Täglich tage die Gruppe im großen Sitzungssaal, so die Claudia Fiebrandt-Kirmeyer, Sprecherin des Landratsamts. Seit Montag dieser Woche ist sogar eine 24- Stunden-Präsenz durch die Regierung von Oberbayern angeordnet worden. Führungskompetenz hat in diesem Fall Martin Bayerstorfer, als Landrat und damit leitender Beamter der Katastrophenschutzbehörde.

Der ärztliche Kreisverband ist zwar nicht dauerhaft im Landratsamt vertreten, habe aber einen direkten Draht zum Gesundheitsamt, sagt Ärztesprecher Markus Marschall. "Ich war selbst schon als Gast bei den Besprechungen dabei. Wenn ich jeden Tag im Landratsamt sitzen müsste, wäre das aber von Nachteil für meine eigenen Patienten", so Marschall, der als Lungenfacharzt eine Praxis in Erding betreibt.

Eine andere Sofortmaßnahme, die auf die Führungsgruppe zurückgeht, war die Einsetzung weiterer Screening-Stellen im Landkreis. Außerdem wurde die Suche nach einem Hilfskrankenhaus vom Sitzungssaal aus geleitet. Auch der Warteraum Asyl am Fliegerhorst ist hier im Gespräch, weswegen unter anderem die Bundeswehr im Gremium vertreten ist. Um jeder Katastrophe angemessen begegnen zu können, räumt das Katastrophenschutzgesetz den Behörden weitreichende Kompetenzen ein. Beispielsweise kann das Landratsamt nach Artikel 9 "von jeder Person die Erbringung von Dienst-, Sach- und Werkleistungen verlangen". Das schließe auch Beschlagnahmungen ein, die aber derzeit nur als "rein theoretische Ultima Ratio" betrachtet würden, so das Landratsamt.

Die Zahl der Beatmungsgeräte in der Intensivstation des Klinikum konnte auf 19 gesteigert werden, drei weitere Geräte sind bereits bestellt. Zudem wurden Beatmungsmaschinen aus dem OP-Saal in die Intensiv-Isolierstation verlagert. Hier waren Kapazitäten frei geworden, da zahlreiche geplante Operationen verschoben worden sind. Die drei neuen Beatmungsgeräte wären in den nächsten ein bis zwei Jahren ohnehin angeschafft worden, sagt Fritzen. Die Bestellung wurde nun lediglich vorgezogen. Welcher Topf die Kosten trägt, ist bislang unklar und sei vorerst nachrangig. "Das Katastrophenschutzgesetz hält einen Fonds bereit und das Bundesgesundheitsministerium hat auch schon Finanzhilfen angekündigt", betont Fritzen.

© SZ vom 31.03.2020

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