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Der Erdinger Einzelhandel stöhnt:Neuer Tag, neue Regel

Die ständige Änderung der Verordnungen macht einen Einkaufsbummel in der Erdinger Innenstadt zu einer komplizierten Angelegenheit. Alle sind verunsichert. Die Ladenbetreiber fühlen sich schlecht informiert, die Kunden wissen nicht mehr, welche Verordnung nun greift

Von Theresa Lackner, Erding

Es ist ruhig in der Erdinger Innenstadt an diesem sonnigen Mittwochvormittag Ende April. Die Bänke um den Brunnen auf dem Schrannenplatz sind abgebaut, dort, wo Menschen mit einem Kaffeegetränk vor Cafés und Bistros sitzen könnten, sitzt schon lange niemand mehr. Hier und da entdeckt man prominent platzierte Aufsteller mit der Aufschrift: "Wir haben geöffnet!" oder "Einkauf ohne Test!", fast so als wollten sie die Vorbeigehenden daran erinnern, dass manche Erledigungen eben doch unkompliziert möglich sind. Überwiegend blickt man jedoch in Schaufenster mit handschriftlichen Aushängen, die auf die Art und Weise hinweisen, wie man aktuell einkaufen kann. Ein Rundgang durch Erding.

Am Mühlgraben führen Thomas und Sibylle Fischer Pro Function, ein Outdoor-Sportgeschäft. Thomas Fischer blickt beeindruckt nach Tübingen und das dortige Modellprojekt. So etwas hätte er sich in Erding auch gewünscht und ist sich sicher, dass das aufgrund der Größe und Übersichtlichkeit Erdings gut umsetzbar gewesen wäre. Doch von der Stadt käme nichts und er fühle sich verloren: "Im Moment haben wir keinen Oberbürgermeister und keinen Landrat. Die sind verschwunden." Fischer wünscht sich mehr Kommunikation von der Stadt - und sei es nur die Frage: "Wie läuft es bei euch?" Aktuell ist Click-and-Collect an der Tagesordnung, das heißt, Kunden können anrufen und sich bestellte Ware abholen. Die Fischers konzentrieren sich zunehmend auf den Onlineshop, haben mehr Waren im Eingangsbereich platziert für Menschen, die einen Blick in den Laden werfen, und an der Eingangstür kann man mit dem Smartphone einen QR-Code scannen, der über den Laden und die Waren informiert.

Seit Mittwoch dürfen auch Buchhandlungen wieder Kundschaft empfangen, darunter auch das Leseglück im Heilig-Geist-Hof. Unabhängig vom aktuellen Inzidenzwert kann hier unter Einhaltung der üblichen Hygieneregelungen gestöbert werden. Anita Helfrich-Apathy freut sich darüber, weiß aber auch, dass es einige Zeit dauern wird, bis sich die Kundinnen und Kunden wieder daran gewöhnen. Kein Wunder: "Wir hatten erst eine Zeit lang zu, dann wieder auf, dann wieder zu, jetzt wieder auf." Sie selbst hat am Tag zuvor zufällig aus dem Radio erfahren, dass sie am folgenden Tag wieder arbeiten könne. Immerhin sei die Abstimmung der Dienstpläne in einem kleinen Team auch kurzfristig machbar, denn langfristiges Planen falle derzeit schwer.

Dem schließt sich Judith Wiesbeck, Inhaberin des Bastelfachgeschäfts Kreatives Portal, an. Zwar sei es in einem kleinen Team einfacher, kurzfristige Änderungen zu berücksichtigen. Trotzdem wünscht sie sich eine bessere Planbarkeit, denn aktuell stehe der Einzelhandel ständig "Gewehr bei Fuß", ohne zu wissen, ob und wann sich etwas ändern werde: "Die Regeln sind vermeintlich einheitlich und trotzdem gibt es so viel Spielraum." Wiesbeck wünscht sich eine bessere Kommunikation des Landratsamts, das schwierig zu erreichen sei. Sie selbst habe sich deswegen bereits mit einer anderen Geschäftsfrau zusammengetan: Zusammen koordinieren sie ihre Anrufe, um relevante Informationen zu erhalten. Aktuell gilt auch im Kreativen Portal Click-and-Collect.

Zuletzt waren noch Fußpflege und Handpflege möglich, doch nun haben Kosmetikstudios bayernweit wieder geschlossen. Csenge Varga, die mit ihrer Mutter ein Kosmetikstudio in der Münchner Straße führt, ruft ebenfalls immer wieder das Landratsamt an, um aktuelle Informationen zu erhalten. Sie wissen nicht, wie und wann es weitergeht. Zunächst wurden sie wie Friseure eingestuft und hätten ihre Kundinnen und Kunden so zumindest nach Vorlage eines Negativtests behandeln können. Doch auch das habe sich wieder geändert. Ganz verständlich ist das für Varga nicht: "Wenn das Haarefärben wichtig ist, sind auch die Nägel wichtig."

Bei Brillen Weber am Kleinen Platz sind Angelique Kern und Berndt Albers jedenfalls froh, dass sie arbeiten "dürfen", wie sie sagen. Optiker sind als systemrelevant eingestuft, sodass beim Betreten des Ladens kein Negativtest vorgelegt werden muss. Einerseits haben Kern und Albers das Gefühl, dass Kundinnen und Kunden routinierter im Umgang mit den Maßnahmen geworden sind und sich freuen, dass sie die Leistungen in Anspruch nehmen können. Andererseits spüre man bei vielen eine Verunsicherung, die mit den häufigen Regeländerungen einhergehe. Sie erhielten jedenfalls immer wieder Anrufe von Menschen, die fragen, ob sie einen Test benötigen, um den Laden zu betreten.

"Sie meinen, sie machen es leichter, aber es wird schwerer", so bewerten Monika und Norbert Strobel die Situation um Öffnungen, Schließungen und Inzidenzwerte. Sie führen das Jeans House in der Zollnerstraße. Aktuelle Informationen erhalten sie hauptsächlich vom Einzelhandelsverband oder aus der Tagespresse. Momentan gilt im Jeans House Click-and-Collect, oder wie es hier heißt: "Abholung und Lieferung". Sie haben die Erfahrung gemacht, dass Anglizismen unverständlich sein können. Kundinnen und Kunden können ihre Bestellung per Telefon, Whatsapp oder Instagram aufgeben und sie abholen oder sie werden an der Ladentür mit passenden Teilen versorgt. Zum Einkaufskonzept gehört auch, dass die Ware mitgegeben und erst nach Anprobe und Kaufentscheidung abgerechnet wird. Das Konzept jedenfalls, so ihre Erfahrung, funktioniert.

© SZ vom 29.04.2021
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