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Camp Shelterschleife:Einsatzbereit für den Tag X

Die Gebirgsjäger, die bislang vor allem das Rote Kreuz bei der Aufnahme von Flüchtlingen unterstützten, werden demnächst aus Erding abziehen.

(Foto: Renate Schmidt)

Das Camp Shelterschleife rüstet sich für den Fall, dass Erding zu einem Ankunftszentrum umfunktioniert wird. Die Zelte werden durch Hallen ersetzt, im Kleiderlager der Flüchtlingshilfe wird weiter fleißig sortiert

Von Florian Tempel, Erding

Seit Wochen kommen im Warteraum Asyl am Erdinger Fliegerhorst keine Flüchtlinge mehr an. Dennoch drehen die Mitarbeiter vom Roten Kreuz, die zahlreichen Bundeswehrsoldaten und Ehrenamtlichen im Camp Shelterschleife keineswegs Däumchen. Zelte werden durch Hallen ersetzt, im Kleiderlager des Flüchtlingshilfe Erding wird fleißig Kleidung sortiert und die Camp-Leitung ist intensiv auf der Suche nach hauptamtlichen Mitarbeitern. Irgendwann, da sind sich alle sicher, werden wieder Asylsuchende ankommen.

Auch wenn es offiziell niemand bestätigen will, deutet einiges daraufhin, dass Erding zu einem sogenannten Ankunftszentrum umfunktioniert wird. Im neuen Konzept des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) spielen Ankunftszentren eine wesentliche Rolle. Dort sollen Flüchtlinge nicht nur registriert, sondern ihre Asylverfahren binnen weniger Tage komplett erledigt werden. Bis Mitte des Jahres soll in jedem Bundesland mindestens ein Ankunftszentrum eröffnet sein. In Bayern ist Erding ein möglicher Standort. Da nach dem EU-Abkommen mit der Türkei syrische Flüchtlinge aus der Türkei wohl bald per Flugzeug nach Deutschland gebracht werden, scheint das Fliegerhorst-Camp wegen seiner Nähe zum Münchner Flughafen besonders geeignet. Noch ist aber nichts entschieden. Das Bamf teilt mit: "Die Verhandlungen mit dem Land Bayern bezüglich der Standorte für die Ankunftszentren laufen noch."

Am Flieghorst-Camp laufen bereits umfangreiche Umbaumaßnahmen. Die Volksfestzelte, die im vergangenen Herbst für die provisorische Unterbringung von etwa 2500 Menschen aufgestellt wurden, werden durch stabilere Leichtbauhallen ersetzt. Auch das Verpflegungszelt für die Camp-Mitarbeiter wurde abgebaut und an anderer Stelle, gleich neben den Bürocontainern, wo die Akten der Flüchtlinge angelegt werden, wieder aufgebaut. Das Essen für die Camp-Mitarbeiter wird nun von der Küche des Fliegerhorstes geliefert. Für die Essensausgabe, die vorher von Gebirgsjägern erledigt wurde, sind zivile Mitarbeiter angestellt worden. Die etwa 80 Gebirgsjäger, die bislang vor allem das Rote Kreuz bei der Aufnahme von Flüchtlingen unterstützten, werden demnächst nicht mehr in Erding sein. Sie müssen sich auf Auslandseinsätze in Mali und im Irak vorbereiten.

Für die Registrierung der Flüchtlinge gibt es 40 Bürocontainer. Bislang ist jedoch nur etwa die Hälfte funktionsfähig ausgestattet. In den Containern sollten eigentlich Soldaten die Vorakten von Flüchtlingen anlegen. In den vergangenen Wochen wurden neue Programme installiert, mit denen die Personaldaten allen Behörden, die mit Flüchtlingen zu tun haben, zugänglich gemacht werden. Derzeit sind die Soldaten aber nicht mit der Anlage neuer, sondern mit der Durchsicht älterer Akten befasst. Sie sollen in den Datenbanken Mehrfachregistrierungen aufspüren. Mühsame Kleinarbeit, die sich nicht automatisieren lässt. Es geht um zigtausend Fälle.

Als Unterstützungskräfte für das Bamf waren bislang stets etwa 180 Soldaten aus ganz Deutschland in vier Schichten rund um die Uhr im Einsatz. Viele kehren zum Monatswechsel zu ihren Truppeneinheiten zurück. Das Bamf will zwar weiterhin 180 Mann von der Bundeswehr in Erding haben. Doch es hapert mit dem Ersatz. Nach Informationen der SZ haben viele Soldaten, die sich freiwillig für einen Einsatz von April an gemeldet hatten, einen Rückzieher gemacht. Der Grund: Zunächst gewährte Verpflegungspauschalen sind drastisch gekürzt worden und vermeintlich steuerfreie Zulagen müssen nun doch versteuert werden. Nun werden weniger als die Hälfte der vorgesehenen Soldaten in Erding im Einsatz sein.

Keine Motivationsprobleme hat hingegen die Flüchtlingshilfe Erding. Im Kleiderlager des Vereins werden jeden Tag viele Stunden lang Kleidung und Schuhe sortiert. Am Mittwoch waren zum Beispiel 25 Leute im Einsatz, berichtet die Vereinsvorsitzende Sabrina Tratnik. Darunter sind auch zwei Schweizer, die bereits zum dritten Mal extra nach Erding gereist sind, um hier ehrenamtliche Hilfe zu leisten. Die beiden Schweizer sortierten täglich mehr als zwölf Stunden Klamotten, sagt Tratnik. Insgesamt verfüge die Flüchtlingshilfe über einen Stamm von etwa 250 Aktiven, die sich nicht nur in der Kleiderkammer, sondern auch bei der Spendenakquise oder der Betreuung der Homepage und in sozialen Netzwerken einbringen.

Nachdem Ende Februar die Kleidervorräte der Flüchtlingshilfe erschöpft waren, ist der Fundus wieder aufgefüllt. Nach wie vor bringen viele Bürger reichlich Kleidung, die jeden Samstag von 11 bis 13 Uhr auf dem Parkplatz vor dem Fliegerhorst entgegengenommen wird. Zudem gebe es weiterhin viele Großspenden, sagt Tratnik. Mormonen aus den USA haben Kleidung für mehr als 1000 Menschen geschickt. Auch viele Unternehmen zeigten sich weiterhin großzügig und besorgten nach Absprache mit der Flüchtlingshilfe zum Beispiel frische Unterwäsche in großen Mengen. Der Aufbau eines umfangreichen Kleiderfundus sei wichtig, sagt Tratnik. Falls Erding zum Ankunftszentrum werde und die Flüchtlinge dann länger als nur eine Nacht bleiben, müsse man sie auch mit mehr als einem T-Shirt, einer Unterhose und ein paar Socken versorgen.

© SZ vom 01.04.2016
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