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Besondere Herausforderung:Männerdomäne

Der Frauenanteil in Stadt- und Gemeinderäten im Landkreis hinkt dem bundesweiten Schnitt noch deutlich hinterher - und der beträgt lediglich 30 Prozent

Rein statistisch gesehen stellen Frauen die Hälfte der Bevölkerung. Doch der Blick in die Stadt- oder Gemeinderäte zeigt, dass dieses Verhältnis dort nirgends erreicht wird. Die Gremien werden von Männern dominiert. Nur durchschnittlich jeder fünfte Sessel ist von einer Frau besetzt. Die Gremien spiegeln den immer noch vorherrschenden Trend wider, dass gerade auf kommunaler Ebene Frauen in politischen Ämtern deutlich unterrepräsentiert sind. Der Landkreis Erding hinkt in dieser Hinsicht sogar dem bundesweiten Schnitt hinterher: deutschlandweit liegt der Frauenanteil in Stadt- und Gemeinderäten bei etwa 30 Prozent.

Dass die kommunale Ebene eine besondere Herausforderung für Frauen in der Politik darstellt, bestätigt ein Bericht der Forschungs- und Beratungsorganisation EAF Berlin, die sich auf Chancengleichheit spezialisiert hat. Dort heißt es: "Je kleiner die Gemeinde, desto niedriger der Frauenanteil im Stadt- beziehungsweise Gemeinderat."

Im Großen und Ganzen ist dies auch im Landkreis so. Kleinere Gemeinden wie Steinkirchen oder Hohenpolding, wo es nur zwölf Gemeinderäte gibt, haben nur eine Frauenquote von 16,7 Prozent. Schlusslicht ist Lengdorf, bei 14 Sitzen und obwohl eine Frau, Gerlinde Sigl, Bürgermeisterin ist: Das entspricht sieben Prozent . In 14 der 26 Kommunen im Landkreis liegt der Frauenanteil bei unter 20 Prozent. In größeren Orten wie Oberding, Isen oder der Stadt Erding ist jeder fünfte Rat eine Frau. Deutlich darüber sind Ottenhofen (25 Prozent, und eine Bürgermeisterin, Nicole Schley) und Dorfen (29 Prozent). Alle Rekorde für Landkreisverhältnisse sprengt Walpertskirchen: rund 2100 Einwohner, 14 Gemeinderatssitze und davon werden fünf von Frauen eingenommen - macht 35,7 Prozent. Auch im Kreistag ist das Verhältnis mit 23 Prozent knapp über dem Landkreisdurchschnitt.

Laut dem Bericht der EAF sind "intransparente Nominierungsprozesse" ein Hindernis für Frauen in der Kommunalpolitik. Demnach werden gerade für höhere Posten wie Landrats- oder Bürgermeisterämter Frauen seltener nominiert - oder nur, wenn ein Wahlsieg der Partei ohnehin unwahrscheinlich ist.

"Je ländlicher, desto traditioneller ist häufig das Rollenbild", so der Erklärungsversuch der Landesvorsitzenden der Frauen-Union Angelika Niebler. Oft fehlten weibliche Rollenbilder in der Politik und letztlich müssten Frauen noch besonders angesprochen und motiviert werden. "Es ist eher selten, dass eine Frau neu in eine Partei kommt und sagt: Hallo, hier bin ich. Ich möchte in den Gemeinderat." Bei Männern sei das oft anders. Überhaupt würden die vermeintliche Ellenbogen-Mentalität und das Machtgehabe viele Frauen abschrecken. Die Entwicklung gehe zwar in die richtige Richtung, insgesamt aber müsse der Frauenanteil noch steigen. "Zufrieden sein kann man auf keinen Fall", betont Niebler.

Der Kreisvorsitzende der Freien Wähler, Rainer Mehringer, bedauert, dass so wenig Frauen in den kommunalen Gremien sitzen. "Dabei wärees wichtig, da viele Themen die dort besprochen werden, Themen sind, die sie persönlich treffen. Wenn es um Kindergärten, Schulen, Seniorenbetreuung geht oder wie man jetzt sieht bei der Debatte über das Frauenhaus oder die Kreisklinik." Frauen würden sich seiner Meinung nach genauso für Politik interessieren, aber erst einmal müssten die Männer überzeugt werden, Listenplätze bei den Wahlen Frauen zu überlassen. Dass Frauen seltener als Männer vertreten seien, habe auch rein praktische Gründe. "Die Sitzungen, die Vorbereitung durch das Studieren der Unterlagen zu den einzelnen Tagesordnungspunkten, Einholen von Informationen und so weiter kostet viel Zeit. Wer berufstätig ist und oder Kinder hat, hat die oft nicht." Mehringer hat aber auch eine andere Beobachtung gemacht: "Die Solidarität unter Frauen ist nicht sehr groß". Denn wenn es nach den Stimmen geht, die Frauen bei Kommunalwahlen vergeben können, könnten sie jede Frau auf den Listen nach vorne wählen. Aber das passiere nicht.

Helga Stieglmeier, Sprecherin des Grünen-Kreisvorstands, sieht hingegen gerade bei dem immer noch vorhandenen Rollenverständnis das Problem. "Warum sollen nur Frauen sich für Schulen oder Kindergärten interessieren? Viele Frauen sind noch in diesem klassischen, konservativen Rollenverständnis aufgewachsen. Und wählen deshalb Männer, weil man ihnen Politik mehr zutraut." Immerhin würden Frauen vor allem die Grünen wählen. Um Zeit für ein Amt zu haben, müsse man eine gleichberechtigte Partnerschaft führen. "Egal ob man im Gemeinderat oder Stadtrat sitzt, oft ist vieles in wenig berufs- oder familienfreundlichen Zeiten. Alleine ist das nicht zu schaffen, wenn zum Beispiel daheim die Familie wartet." Die Frauenquote bei den Wählern und bei den Wahllisten sei auch deshalb höher, weil Frauen sehen, dass sie bei den Grünen tatsächlich Chancen haben, so Stieglmeier, während bei der CSU noch nicht mal eine Quote eingeführt sei und die wenigen Frauen dann bei der Kommunalwahl von den Männern auf den hinteren Listenplätzen überholt würden. Auf dem Land haben es sogar die Grünen schwer, genügend Frauen zu finden, um die Wahllisten im Reißverschlusssystem zu füllen.

Die Staatsministerin und stellvertretende CSU-Kreisvorsitzende Ulrike Scharf sieht ihre Partei indes auf einem guten Weg: "Generell fördern wir natürlich in der CSU die Frauen". Zur Förderung der Frauen in Oberbayern habe man in der FU das Mentoring-Programm initiiert. "Hier werden ganz gezielt Frauen von erfahrenen Politikerinnen und Politikern unterstützt und betreut, um ihnen einen Einblick und einen Einstieg in das politische Geschehen zu geben. Dieses Programm läuft bereits seit über zehn Jahren sehr erfolgreich. Auch in Erding sind wir mit der Frauen Union sehr gut aufgestellt, wie beispielsweise mit unserer jungen FU-Kreisvorsitzenden Janine Krzizok. Und in der Erdinger Jungen Union sind ebenfalls sehr viele und vielversprechende junge Frauen engagiert. Um weiblichen Nachwuchs mache ich mir bei uns also keine Sorgen."

Der SPD Kreisvorsitzende Martin Kern vermutet, dass sich die Einstellung von Frauen zur Politik gerade wandle, während früher Politik für sie uninteressant gewesen sei. "Frauen sind deutlich kommunikativer als Männer und setzen öfter auf Kompromisse. Das sehen die Machtstrukturen in der Politik oft nicht vor. Auch die starren formalen Abläufe bei Versammlungen und Sitzungen widersprechen oft den Kommunikationsmustern von Frauen", sagt Kern. Das beste Mittel um Frauen für ein kommunalpolitisches Engagement zu gewinnen, sei die direkte Ansprache. "Wir als Kreis-SPD versuchen gerade gezielt junge Leute anzusprechen, was uns mit dem neuen Juso-Kreisverband gut gelingt. Aber auch hier zeichnet sich ab, dass der Anteil an jungen Frauen deutlich geringer ist. Dabei befinden wir uns aktuell unter der oberbayerischen Quote. Denn nur ein Drittel der jungen Neumitglieder im oberbayerischen Raum sind Frauen. Daher versuchen wir in Erding gezielt auf junge Frauen zuzugehen und werden dementsprechend Aktionen starten", sagt der Kreisvorsitzende. Grundsätzlich schreiben die SPD-Statuen bei der Aufstellung von Wahllisten das Reißverschlussprinzip vor, was heißt, dass abwechselnd eine Frau und ein Mann einen Listenplatz erhalten. Leider gelinge das nicht immer, gerade in kleinen Gemeinden sei es schwierig.