Asylbewerber in Erding:Laute Nacht, fröhliche Nacht

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"Eine Eisbrecherveranstaltung": Im ganzen Landkreis finden dieser Tage Weihnachtsfeiern für und mit Flüchtlingen statt. Selten kommen sich die Kulturen so nahe wie jetzt, kurz vor dem Fest. Doch nicht allen ist zum Feiern zumute

Von Sebastian Fischer

Draußen ist es schon dunkle und kalte Nacht, als rote und grüne Discoscheinwerfer den Raum in ein warmes Licht tauchen. Die Tische sind mit Tannenzweigen und Christbaumkugeln geschmückt, Plätzchen liegen in kleinen Pappschalen. Doch besinnlich ist die Stimmung nicht. Aus den Lautsprechern klingt laute arabische Musik, vor dem Weihnachtsbaum tanzen die Menschen im Kreis. Mittendrin nickt Jamal zum Beat mit dem Kopf; so cool, als wäre das kein Familienfest in Erding, sondern ein Club in Kreuzberg. Jamal ist ein Flüchtling aus Syrien, er ist zwei Jahre alt. Und er feiert gerade sein erstes Weihnachtsfest in Deutschland.

Es sind Feiern wie die der etwa 40 Bewohner der Container am Korbinian-Aigner-Gymnasium am vergangenen Dienstag, die für die 1200 Flüchtlinge im Landkreis besonders wichtig sind; die besonders in Erinnerung bleiben, sagt Maria Brand von der Aktionsgruppe Asyl (AGA). In den Containern wohnen Familien wie die von Jamal im Winter unter widrigen Bedingungen. Eine 33 Jahre alte, hochschwangere Frau erzählt, dass sie Angst um ihre Gesundheit und die ihres Kindes hat. Angst um die Zukunft. So ein Fest ist wichtig, um das mal für ein paar Stunden zu vergessen.

In Erding gibt es mittlerweile zwanzig Unterkünfte und deshalb keine große Weihnachtsfeier für alle Flüchtlinge mehr, wie noch im Vorjahr. Zu hoch sei der Aufwand, zu beschwerlich die Suche nach einem entsprechend großen Raum, sagt Brand. Überhaupt will nicht jeder gerne Räumlichkeiten für Feiern von Asylbewerbern hergeben. Der Ort der Feier am Dienstag soll deshalb nicht in der Zeitung stehen. Dabei sind es ja gerade solche Feste, bei denen sich die Kulturen begegnen und Ressentiments verschwinden.

Asylbewerber in Erding: Der Nikolaus bringt Geschenke: Im Jakobmayer in Dorfen wird den Asylbewerbern in der Landessprache erklärt, was es mit dem Mann mit Hut auf sich hat.

Der Nikolaus bringt Geschenke: Im Jakobmayer in Dorfen wird den Asylbewerbern in der Landessprache erklärt, was es mit dem Mann mit Hut auf sich hat.

(Foto: Renate Schmidt)

Anas Al-Naser Al-Khalaf kennt Weihnachten aus Syrien. Seine Frau und er kommen aus einer Kleinstadt im syrischen Osten, der auf Landkarten meist schwarz eingefärbt wird: Von IS-Terroristen besetzt. Deshalb sind sie geflohen, unterwegs in der Türkei wurde seine Tochter geboren. Auch sie wohnen in den Containern am Erdinger Korbinian-Aigner-Gymnasium. Vor ein paar Jahren, sagt Al-Khalaf, hätten Christen und Muslime Weihnachten bei ihm zusammen gefeiert, "so wie hier" - und deutet zur Tanzfläche.

Dort tanzt die Erdingerin Maëlle Buchner im Kreis Hand in Hand mit den Flüchtlingen. Seit zwei Monaten kommt sie ein bis zwei mal in der Woche in einen der Container, in dem zwei Familien leben. "Was ich toll finde", sagt sie, "ist, dass das hier unser Weihnachtsfest ist". Unser Fest, für das die Flüchtlinge den ganzen Nachmittag lang landestypische Gerichte gekocht haben. Im Kreis tanzt auch Norbert Jell, Lehrer am Korbinian-Aigner-Gymnasium, der sich dafür einsetzt, dass die Schule auf die Flüchtlinge zugeht, die gleich nebenan wohnen. Er will ein Sprachcafé einrichten und plant Sportangebote. "Das Wichtigste ist doch, dass die Flüchtlinge keine isolierte Gruppe bleiben", sagt er. Spenden seien schön, Begegnungen wertvoller. Die Weihnachtsfeier: "Eine Eisbrecherveranstaltung." Das soll auch die Weihnachtsfeier in Moosen bei Taufkirchen an diesem Samstag werden. Im Ortsteil Winkl hat Hildegard Schirmbeck mit den Flüchtlingen in den vergangenen Wochen zwei Lieder einstudiert, die während der Weihnachtsfeier im Moosener Pfarrheim alle gemeinsam singen sollen: "Kling, Glöckchen" und "Süßer die Glocken nie klingen". Die jungen Männer aus Eritrea und Somalia, unter ihnen viele Christen, würden mit Begeisterung lernen, sagt sie. Auch ein Gedicht werden Flüchtlinge vorlesen, Schirmbeck hat es wegen der letzten beiden Verse ausgewählt: "Es ist eine G'schicht' für die Armen/Kein Reicher war nicht dabei." Das würde passen, findet sie. "Weihnachten ist ein Friedensfest", das sei den Flüchtlingen wichtig. Auch deshalb würde sich Hildegard Schirmbeck wünschen, dass zur Weihnachtsfeier auch viele Moosener und Winkler kommen.

Auch in Erding wird am Samstag noch einmal gefeiert. Die Flüchtlingshilfe Erding will ihre Weihnachtsfeier in der Schiaßn dann auch dazu nutzen, neue Helfer für den Warteraum Asyl zu gewinnen. In Gemeinden wie Isen, Wartenberg oder St. Wolfgang freut man sich mittlerweile, dass sich nicht nur die Helferkreise an der Asylarbeit beteiligen. In St. Wolfgang haben zum Beispiel die Schüler der Volksschule gesammelt, jede Klasse hat zwei Pakete für die Flüchtlingskinder der Gemeinde zusammengestellt. Am Sonntag wird im Armsdorfer Kloster gefeiert. In Isen haben die Kinder aus der Gemeinde Hohenlinden im Nachbarlandkreis Ebersberg Geld an den Haustüren gesammelt und der Flüchtlingshilfe in Isen gespendet, damit Weihnachtsgeschenke für die Kinder der Asylsuchenden gekauft werden können. Am Montagnachmittag ist dann Bescherung mit Programm, eine Puppenspielerin wird kommen, sagt Anne Huber, die das Fest organisiert - "ohne religiösen Hintergrund", wie sie betont. In Wartenberg werden am Samstagnachmittag Geschenke verteilt, die eine Kindergruppe der katholischen Kirche spendet.

Asylbewerber in Erding: Asylbewerber feiern zusammen mit Deutschen in Erding ein sehr lockeres Weihnachtsfest.

Asylbewerber feiern zusammen mit Deutschen in Erding ein sehr lockeres Weihnachtsfest.

(Foto: Renate Schmidt)

Nicht überall steht den Helfern allerdings der Sinn nach Weihnachtsfeiern. In Dorfen sind besonders viele Albaner untergebracht, die in der vergangenen Woche einen Brief von der Bezirksregierung bekamen: Sie sollten noch am selben Tag in Manching sein - zur Abschiebung. Flüchtlingshelfer Adalbert Wirtz hat viel telefoniert in den vergangenen Tagen, er hat die unvermeidliche Ausreise um eine Woche verschieben können. So konnten sich die Kinder von ihren Freunden in der Schule verabschieden. Doch eine Weihnachtsfeier gibt es nicht: "Wir machen schon so viele Feiern", sagt er. In Erding sind am Dienstag fünf Nigerianer nicht gekommen - sie wollten den letzten Abend mit ihrem Freund aus Albanien verbringen.

Doch wer mit den Helfern spricht, der hört häufiger rührende, positive Geschichten. Wie die der Rentnerin Annemarie Walther aus Grucking, die am Sonntag zehn afghanische Kinder zwischen drei und 14 Jahren zu sich nach Hause einlädt: Zum Basteln, Malen und Kekse Essen. Die AGA hat Geschenke für die Bescherung gekauft, einen besinnlichen Teil soll es auch geben. "Hier soll niemand zum christlichen Glauben bekehrt werden. Aber es ist uns ein Anliegen, dass die Kinder erleben, wovon sie in der Schule hören." Dort lernen sie Weihnachtslieder und sind beim Krippenspiel dabei.

Weihnachten, das Kinderfest. In Erding wurde am Dienstag stundenlang getanzt, Schweißgeruch lag in der Luft, es wurde laut gelacht. Jamal, der den Menschen auf der Tanzfläche bis zu den Knien reicht, hat zufrieden gegrinst - und mit dem Kopf zum Beat genickt.

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