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Zugvogel ohne Reiselust:Weißstorch mit afrikanischem Blut

In Markt Schwaben überwintert ein Exemplar des Zugvogels - was Vogelschützer nicht erfreut. Denn dieses verhalten weist auf eine genetische Störung hin..

Markt SchwabenSeit ein paar Wochen geht das jetzt schon so: Etwa drei Mal am Tag rufen besorgte Bürger bei Richard Straub an und melden dem Kreisvorsitzendes des Landesbunds für Vogelschutz aus Markt Schwaben einen Weißstorch im Gemeindegebiet. "Anfangs habe ich noch zurückgerufen", sagt Straub, doch inzwischen kann er den vielen Anfragen, die auch per E-mail an ihn herangetragen werden, nicht mehr nachkommen. Über die Zeitung soll die Öffentlichkeit es nun erfahren: Ja, es ist wahr, ein Weißstorch überwintert in Markt Schwaben und Forstinning.

Richard Straub vermutet, dass es sich um ein Weibchen handelt, das wahlweise im Horst auf dem alten Schulhaus in Markt Schwaben und dem auf dem Gasthof "Obermair" in Forstinning nächtigt. Tagsüber sei der Vogel im Schwabener Moos auf Nahrungssuche, gegen 17 Uhr kehre er schließlich zur Nachtruhe in das Nest zurück. Weshalb der Storch den Winter nicht in wärmeren Gefilden verbringt, wie es in der Natur des Zugvogels liegt, darüber hat Straub lange gegrübelt und dreierlei Theorien entwickelt. So könnte das milde Klima den Vogel von der kräftezehrenden Reise abgehalten haben - oder aber eine Verletzung. Am wahrscheinlichsten aber ist für den Vogelexperten die Vermutung, dass der Storch über "einen gestörten Genpool verfügt". Denn nicht alle Störche verlassen ihren Standort im Herbst. "Tiere aus Nordafrika bleiben ganzjährig in ihren Gebieten", sagt Straub. Er vermutet darum, dass afrikanisches Blut durch die Adern des Schwabener Storches fließt. "Das hat der Mensch durcheinandergebracht", erklärt Straub. Vor 25 Jahren habe man versucht, im benachbarten Baden-Württemberg künstlich hohe Storchenpopulationen zu schaffen. "Es wurden überall auf der Welt Tiere eingekauft", sagt Straub. In Volieren gehalten, haben sich diese wiederum mit den ansässigen Tieren fortgepflanzt, mit dem Ergebnis, dass es genetisch ganz verschieden geprägte Weißstörche in der Region gibt. In Baden-Württemberg überwintern laut Straub rund 70 Störche. "Manche ziehen pünktlich in den Süden, manche erst verspätet und manche gar nicht", sagt er und bedauert die künstliche Zucht. "Das ist eben nicht normal."

Um das Überleben des Storches indes macht sich Straub keine Sorgen. "Ich gehe davon aus, dass er oder sie den Winter überlebt", sagt Straub. "Wer das Tier sieht, soll es einfach in Ruhe lassen", bittet er. Und wenn er es nicht schafft? "Dann ist das zwar einerseits traurig, doch hätte das auch den positiven Nebeneffekt, die genetisch gestörten Tiere zu reduzieren." Dann gäbe es zwar weniger, doch dafür wieder "echte Störche" in unserer Gegend. "Hinzu kommt, dass sich Zucht- und Wildvögel nicht sonderlich gut verstehen", fügt Straub an. Die Zuchttiere gelten als aggressiver. Sollte der Winterstorch also überleben, so wird er sich im Frühjahr für einen Horst entscheiden - und diesen dann mit allen Mitteln verteidigen. (Innenansicht) Carolin Fries

© SZ vom 14.01.2012
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