Neues Buch über Lebensborn-Kinder erschienen:Jung, ledig und in Not

In ihrem neuen Buch zeichnet die Autorin Dorothee Schmitz-Köster die Lebenslinien jener Kinder nach, die in Lebensborn-Anstalten der SS wie zum Beispiel dem "Heim Hochland" in Steinhöring zur Welt kamen und oft ein Leben lang mit ihrer Vergangenheit hadern

Rita Baedeker

Steinhöring/München- Wenn Eltern ein Baby bekommen, wünschen sie ihm Gesundheit, Glück und ein langes Leben, dazu die Augen der Mama oder die Haarpracht des Vaters. Sie wünschen sich, dass ihr Kind eines Tages selber eine glückliche Familie gründen werde und geben ihm - meistens jedenfalls - die Gewissheit, erwünscht und geliebt zu sein.

Die SS hatte ihre eigenen Vorstellungen von Wunschkindern. Groß, blond und blauäugig sollten sie sein, jene Sprösslinge, welche die künftige Elite der "reinen arischen Rasse" bilden sollte. Um dieses wahnsinnige Ziel zu erreichen, errichteten die Nazis 1935 "Lebensborn"-Heime, Anstalten, in denen "erbgesunde" Frauen, wie es hieß, die von einem ebenso "gesunden" Mann schwanger waren, ihr Kind zur Welt brachten, manche mit, manche ohne nationalsozialistische Überzeugung, manche mit, manche ohne Ehemann. Neun Lebensborn-Heime entstanden in Deutschland, eines davon in Steinhöring, weitere folgten in Österreich, Norwegen, in Belgien, Frankreich und Luxemburg. In ihrem Buch "Lebenslang Lebensborn" (Piper Verlag München), das am Montag erscheinen wird, stellt Dorothee Schmitz-Köster 20 dieser ehemaligen "Lebensborn-Kinder" vor. Begegnet ist sie nur 19 von ihnen. Denn eines dieser Kinder wurde damals ermordet.

Die Berliner Autorin befasst sich seit 17 Jahren mit dem Thema und hat 130 Frauen und Männer kennengelernt, die in einem solchen Heim auf die Welt gekommen sind oder dort betreut wurden. Drei ihrer Gesprächspartner waren in Steinhöring. Bei den Gesprächen gaben sie Auskunft darüber, was es bedeutet, als Kind in der Hand einer Organisation wie der SS gewesen zu sein. Beim einen ist es der lebenslange Konflikt mit der Mutter, der das Leben prägte; beim anderen bedeutete es Wanderschaft und Geheimniskrämerei. Und eine Frau, die als Baby von der Mutter weggegeben worden ist, empfindet von Zeit zu Zeit ein Gefühl der Heimat- und Bodenlosigkeit.

Manche der Gesprächspartner wuchsen bei den leiblichen Eltern auf, andere in Pflegefamilien. Einige wissen über ihre Vergangenheit Bescheid, andere kennen nur Bruchstücke. Manche zeigen sich traumatisiert, andere haben sich mit ihrem Schicksal versöhnt. Nach ihren Recherchen zog die Autorin den Schluss: Spuren hat der Lebensborn bei allen hinterlassen. Aber: "Das Lebensbornkind gibt es nicht." Ergänzend hat Tristan Vankann die Interviewpartner fotografiert. "Bei jeder Porträtsitzung", so schreibt er, "öffnete sich vor mir eine Lebensgeschichte, deren Wucht ich erst einmal verarbeiten musste."

Zum Beispiel Olaf F. Er ist im Januar 1942 im Heim "Hochland" in Steinhöring geboren. Auf dem Foto schaut er wach und etwas scheu in die Kamera, die rechte Hand liegt auf dem Kopf mit dem kurz geschorenen weißen Haar: Eine Denkerpose! Schmitz-Köster beschreibt seine Stimme, die aufgrund der Schauspielausbildung, die Olaf F. absolviert hat, tief und voll klingt. Als Journalist, so schreibt Schmitz-Köster, sei er über die Ereignisse bestens informiert, ziehe er sogar Parallelen zwischen Rassenideologie und Gentechnik.

Seine Eltern, beide Nazis, waren zweieinhalb Monate verheiratet, als er in Steinhöring auf die Welt kam. Der Chef der Mutter, ein Gauleiter, habe die Eltern zur Heirat gedrängt. Die Mutter gab nach, obwohl sie den Kindsvater, wie Olaf F. berichtet, nicht als Gatten wollte. Als "große, blonde, türkisäugige Frau mit nationalsozialistischer Überzeugung" habe sie sich aber im Lebensborn-Heim wohl gefühlt. Kurz vor der Geburt wird sie mit einer schwarzen Limousine der SS zur Entbindung kutschiert. Als Tauf-Ritual hält der Heimleiter einen Dolch über den Säugling, eine Geste, die in keinem anderen Zeitzeugenbericht auftauche, schreibt Schmitz-Köster.

Der Bub wächst bei Tante und Großeltern in Straßburg auf, auch die berufstätige Mutter lebt dort. Sein Opa spielt gelegentlich bei geöffnetem Fenster Musik von Mendelssohn-Bartholdy und ruft damit die Gestapo auf den Plan. Die Tochter kann aber eine Verhaftung verhindern. Ende 1944 verlassen Mutter und Sohn die Stadt und tauchen in einem Schwarzwalddorf unter, belastendes Material wird vergraben. An ihrer Weltanschauung hält die Mutter ihr Leben lang fest, auch als der Sohn ihre Überzeugungen mehr und mehr ablehnt. Als er später erstmals seinen Vater besucht, kommt es zum Bruch zwischen Mutter und Sohn. Für den Sohn werden die Recherche über Vergangenheit und die Schuld der Eltern zur Lebensaufgabe. Auch bei Klaus B., geboren am 30. April 1940 im Heim Friesland, ist die Mutter stets präsent. Die gemeinsame Erfahrung schweißt sie zusammen. Seine Mutter, eine angehende Ärztin, ist 24, als sie schwanger wird. Die Beziehung zum Kindsvater ist zerbrochen. Eine Kommilitonin bringt den Lebensborn ins Spiel - die junge Frau bewirbt sich und wird trotz ihrer dunklen Haare und Augen genommen. Nach einem halben Jahr geht sie zurück nach Berlin, um ihr Studium zu beenden. Sohn Klaus bleibt zurück, übersteht eine Keuchhusten-Epidemie. Im Januar 1941 wird Haus Friesland evakuiert. Im Privatflugzeug Heinrich Himmlers werden Klaus, 28 weitere Kinder und Mütter nach Steinhöring geflogen. Klaus' Mutter beantragt jedoch den Umzug des Sohnes in ein Heim nahe Berlin, wo sie lebt. Erinnerungen hat er an diese Jahre nicht, ist aber überzeugt, dass die Geburt im Lebensborn-Heim keine Bedeutung für sein Leben habe. Eine prägende Erfahrung, so schreibt Schmitz-Köster, sei jedoch das Wanderleben. Zehn Jahre lang wurde Klaus immer wieder an neue Orte, zu neuen Menschen gebracht.

Auch Anne Margret M. ist 1940 im Heim Friesland geboren, auch sie kam im Zuge der Bombenangriffe ein Jahr später nach Steinhöring. Auch ihre Mutter war nach einer Affäre ungewollt schwanger geworden und ins Lebensborn-Heim gegangen, als die Eltern sie wegen ihres Fehltritts hinauswerfen wollten. Jung, ledig und in Not! Den Nazis kam diese Lebenssituation gelegen, machte sie doch junge Frauen von der vermeintlichen Fürsorge der Partei abhängig.

In jedem ihrer Porträts zeichnet Dorothee Schmitz-Köster einfühlsam die prägenden, schicksalhaften Lebenslinien dieser Kinder nach. Sie beschönigt dabei nicht den verhängnisvollen Zweck der Zuchtstätten; sie widerspricht aber auch der Vorstellung, in den Heimen habe man Männer und Frauen zwangsweise miteinander "gepaart", um Wunschkinder für den Führer in die Welt zu setzen. Als Konsequenz empfiehlt die Autorin, genau darüber nachzudenken, wie heute mit Kindern "unbekannter Herkunft" umgegangen werden muss, mit Kindern die im Labor gezeugt oder in die Babyklappe gelegt werden, damit diese nicht in die Schweigefalle geraten. "Vielleicht könnten Lebensborn-Kinder und ihre Geschichten Anstöße dazu geben".

Dorothee Schmitz-Köster: "Lebenslang Lebensborn - Die Wunschkinder der SS und was aus ihnen wurde", Fotos von Tristan Vankann, Piper Verlag München 2012, 384 Seiten, erscheint am 10. September 2012, ISBN 978-3-492-05533-8

© SZ vom 07.09.2012
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